Interview mit Gabi Sicher, Engagement Managerin bei ThoughtSpot

Women in Tech: „Wir wollen sicherstellen, dass die Zukunft integrativ ist und allen zugutekommt“
Keine Kommentare

In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Gabi Sicher, Engagement Managerin bei ThoughtSpot.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Gabi Sicher

Gabi Sicher ist Engagement Managerin bei ThoughtSpot, einem Anbieter von Such- und KI-gesteuerten Analysen. Sie ist außerdem zertifizierte Scrum Master mit einer Leidenschaft dafür, aus datenbasierten Geschäftsproblemen umsetzbare Erkenntnisse zu gewinnen. Als ehemalige Beraterin für EY und Deloitte hat sie Erfahrung mit und Interesse an verschiedenen Komponenten des Datenmanagements und der Analyse – von den kleinen technischen Details bis hin zur übergeordneten Geschäftsstrategie. Sie begann ihre Karriere als Entwicklerin von Storage-Array-Software bei Dell. Gabi Sicher studierte Computer Engineering an der University of Texas in Austin und lebt derzeit in London.

Seit wann besteht Interesse dein Interesse für die Tech-Branche?

Mir war bis zur Highschool nicht einmal bewusst, dass Technik für mich eine Option ist. Ich dachte eher an einen Wirtschaftsabschluss. Ich hatte jedoch das Glück, dass mein Vater in der Technologiebranche bei Dell arbeitet und sich sehr für meine Karrieremöglichkeiten interessierte. Eines Tages nahm er mich mit zur Arbeit und ließ mich mit verschiedenen Leuten plaudern, mit denen er arbeitete – Hardware und Software Engineers, Produktdesigner, Marketingexperten usw. Dies öffnete mir wirklich den Blick für die vielen Möglichkeiten in der Tech-Branche, die ich bis dahin nicht einmal erahnt hatte.

Wie verlief dein Weg bis zum jetzigen Job?

Ich hatte beschlossen, dass Electrical & Computer Engineering eine strategische Karriereoption für mich war. Es war zwar nicht unbedingt meine Absicht, Programmiererin oder Ingenieurin zu werden. Ich hatte eher das Gefühl, dass meine Soft Skills zu meinen Stärken zählten, aber ich wollte das technische Verständnis und Hintergrundwissen. Und da ich in Mathematik und Naturwissenschaften gut war, hielt ich das für machbar.

Aber der Abschluss war hart! Viele Kommilitonen in meinem ersten Jahr hatten bereits in der Highschool Informatikkurse belegt, wohingegen ich bei null anfangen musste. Ehrlich gesagt war ich nicht auf die Strenge und Komplexität des Ingenieurwesens vorbereitet und hatte trotz Anstrengungen in vielen Bereichen zu kämpfen. Ich habe viele Male versagt, aber wollte das Studium unbedingt durchzuziehen. Ich wusste, dass ich alles überleben würde, wenn ich das überstehe. Nach und nach lernte ich dann bessere Taktiken für das Studieren. Ich lernte, „wie ein Computer zu denken“ und erarbeitete mir dann auch gute Noten. Ich bin sehr stolz auf diese Leistung und froh, dass ich mein Studium durchgezogen habe, obwohl ich manchmal Zweifel hatte.

Gibt es Personen, die dich unterstützt haben?

Meine Familie ist die beste Unterstützung. Da ich in meiner Heimatstadt an der Uni war, hatte ich das Glück, gelegentlich meine Mutter umarmen zu können, von meinen Eltern zum Abendessen eingeladen zu werden oder in meinem Bett schlafen zu können. Es war beruhigend, diese Unterstützung zu haben. Immer wenn es nicht so gut lief oder ich an etwas scheiterte, haben Sie mir zur Seite gestanden und gesagt, wie stolz sie auf mich sind. Ohne diese aufmunternden Worte hätte ich es nicht geschafft, das durchzustehen. Ich bin mir der Tatsache sehr bewusst, dass so viele Studierende im Moment mit den Corona-Regeln zu kämpfen haben, aus der Ferne lernen müssen und sich isoliert fühlen. Ich hoffe wirklich, dass wir in den kommenden Monaten wieder zu einem gewissen Grad der Normalität zurückkehren werden.

Hat man dir Steine in den Weg gelegt?

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich jemand bewusst bemüht hat, meine Karriere aktiv zu bremsen. Aber ich kann mich an Zeiten erinnern, in denen ich das Gefühl hatte, übergangen worden zu sein. Während meiner ganzen Karriere habe ich immer versucht, mein Bestes zu geben. Dann ist es wirklich schmerzhaft, wenn man sich nicht wertgeschätzt fühlt oder den Eindruck hat, dass die Bemühungen nicht ausreichen. Ich habe dafür keine Patentlösung. Nach meiner Erfahrung hilft es allerdings in solchen Momenten, wenn man sich jemanden sucht, der einem diese Anerkennung gibt. Für mich ist das ein Kreislauf, denn ich gebe mein Bestes, wenn meine Moral gut ist.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Ich arbeite als Engagement Managerin im Bereich Professional Services bei ThoughtSpot in London. Im Wesentlichen helfe ich unseren Kunden bei der Inbetriebnahme und der optimalen Nutzung unserer Software. Ich helfe beim Projektmanagement vom Verkauf bis zur Inbetriebnahme der Lösung durch die ersten Fachanwender. Mein Tag besteht aus der Koordinierung der Aktivitäten zwischen den Projektteams des Kunden, der Projektleitung, den IT-Teams und auf unserer Seite den Architekten, Ingenieuren, dem Support-Team, dem Vertrieb und der Geschäftsleitung. Ich weiß, was wir wann tun müssen, wen wir zur Verantwortung ziehen müssen, um den Plan einzuhalten und wie wir den Kunden befähigen, mit unserem Tool auch ohne uns weiterzuarbeiten.

Worauf bist du in deiner Karriere besonders stolz?

Wie bereits erwähnt, denke ich, dass es das Schwierigste war, den Studienabschluss zu schaffen. Ich bin viele Male durchgefallen, aber ich war auch erfolgreich und habe gefeiert. Es war von Anfang bis Ende eine Achterbahn der Gefühle, aber deshalb bin ich stolz auf mich. Ich habe nie aufgegeben, obwohl ich es viele Male hätte tun können und dieser Abschluss hat mir die Tür zu meinem ersten Job geöffnet. Ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich heute bin.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche?

Es scheint, dass Frauen ständig zwischen Karriere und Familie wählen müssen.

Wo soll ich anfangen? Es gibt so viele Gründe, dass ich ein Buch darüber schreiben könnte! Der erste Grund, der bereits in der Kindheit beginnt, ist, dass viele Mädchen glauben, dass die MINT-Fächer keine Option für sie sind. Wir schaffen es bisher nicht, jungen Mädchen zu vermitteln, dass Mathe und Naturwissenschaften cool sind (vor allem, wenn man einen hoch bezahlten Job bekommt). Wir müssen Wege finden, wie wir Mädchen in diesen Bereichen ausbilden können, damit sie nicht wie ich bei null anfangen müssen, wenn sie einen MINT-Abschluss anstreben.

Die andere Herausforderung besteht darin, Frauen in der Tech-Branche zu halten. Es scheint, dass Frauen ständig zwischen Karriere und Familie wählen müssen. Unsere Gesellschaft stellt wenig Unterstützung dazu bereit, damit Frauen sich nicht für das eine oder das andere entscheiden müssen. Warum bieten zum Beispiel nicht mehr Unternehmen eine Tagesbetreuung vor Ort? Oder warum tragen die Arbeitgeber nicht mehr zur Deckung der Kosten für die Kinderbetreuung bei? Wir müssen es den Frauen ermöglichen, ihre Karriere voranzutreiben, ohne sich schuldig zu fühlen, dass sie als Mütter nicht gut genug sind. Wir brauchen mehr einflussreiche Frauen, die versuchen, diese Art von Veränderung am Arbeitsplatz voranzutreiben und die den Weg für andere Frauen frei machen.

Uns fehlen aber weibliche Vorbilder und Mentoren. Natürlich gibt es diese, allerdings sind es nur wenige. Also müssen sich Frauen Mentoren teilen und das erschwert es, tiefe Beziehungen aufzubauen. Oder ihre Mentoren sind männlich. Das ist auch wunderbar, allerdings kann man einige Karriereperspektiven nur von einer Frau erhalten, die schon einmal in dieser Position war. Ohne diese Mentoren und Vorbilder fehlen Frauen auch die Türöffner für einen Aufstieg, von denen die männlichen Kollegen profitieren.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass wir meiner Meinung nach bei der Einstellung unfaire Maßstäbe anlegen. Es gibt das Mantra: „Wir wollen einen vielfältigen Pool an Kandidaten, werden aber immer den besten einstellen“. Das ist problematisch, weil viele Frauen bei ihrem Einstieg in die Tech-Branche dafür bestraft werden, dass sie noch keine Erfahrung haben. Es ist wie beim Henne-Ei-Problem – ohne den Job kann man keine Erfahrung sammeln, aber ohne Erfahrung kann man den Job nicht bekommen. Hier sind die Führungskräfte gefragt, Frauen aufgrund ihrer Eignung, Problemlösungsfähigkeiten usw. eine Chance zu geben und ihnen beim Lernen und bei der Weiterbildung zu helfen. Die Zahl der Frauen an der Spitze lässt sich nur dann erhöhen, wenn mehr Frauen an der Basis zugelassen werden.

Und warum sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten?

Unternehmen mit einer stärker diversifizierten Belegschaft schneiden besser ab.

Wir haben schon zu oft die negativen Folgen gesehen, wenn Frauen nicht an der Diskussion über oder an der Gestaltung von Technologien beteiligt sind. Fest steht: wenn eine homogene Gruppe Technologien auf der Grundlage der eigenen Erfahrungen entwickelt und den Vorstellungen darüber, wie sie ihrer Meinung nach funktionieren sollte, dann werden die Erfahrungen anderer Gruppen völlig außer Acht gelassen (und das gilt nicht nur für Frauen, es gilt für alle Gruppen).

Es hat sich immer wieder bestätigt, dass Unternehmen mit einer stärker diversifizierten Belegschaft besser abschneiden. Dadurch wird sichergestellt, dass man nicht nur für eine kleine Gruppe, sondern für den gesamten Kundenstamm entwickelt. Wenn mehr Frauen in MINT-Disziplinen arbeiten, würden wir auch mehr Produkte sehen, die sozial besser durchdacht sind und bei denen Frauen nicht diskriminiert werden sowie neue Ideen und Erfindungen, die speziell für Frauen konzipiert und entwickelt wurden. Wenn unsere Welt hauptsächlich von männlichen Akteuren entwickelt wird, schöpfen wir unser volles Potenzial als Menschheit nicht aus. Was für Möglichkeiten wir haben könnten, wenn wir doppelt so viele Mitwirkende hätten!

Wie sieht die Zukunft aus – wird die Diversity-Debatte bald Geschichte sein?

Nur darüber zu reden reicht nicht aus. Den Worten müssen auch Taten folgen.

Die gute Nachricht ist, dass so ziemlich jedes Unternehmen jetzt darüber spricht und das weckt Hoffnung in mir. Aber die aktuellen Prognosen zur Gleichstellung sind immer noch ziemlich düster. Wir müssen mehr tun. Nur darüber zu reden reicht nicht aus. Den Worten müssen auch Taten folgen. Frauen müssen gefördert werden und die Frage, wie wir Arbeit definieren und warum dieses Modell für eine Gesellschaft, in der beide Elternteile Vollzeit arbeiten, nicht mehr geeignet ist, muss debattiert werden. Es geht in kleinen Schritten vorwärts, und ich hoffe, dass unsere Kinder in einer gleichberechtigteren Gesellschaft leben werden. Aber dazu es bedarf es einer bewussteren Anstrengung. Die (meist männlichen) Führungskräfte müssen aufhören, Lippenbekenntnisse zur Vielfalt abzugeben und echte Veränderungen in ihren Unternehmen vornehmen. Es ist einer der Gründe, warum ich stolz darauf bin, bei ThoughtSpot zu arbeiten, da unser Führungsteam dies tatsächlich tut. Sie stellen weibliche Führungskräfte ein, sie hören, was die Frauen zu sagen haben und sie nehmen an jedem Women-in-Tech-Meeting teil, zu dem sie eingeladen werden. Es liegt ihnen etwas daran, unsere Herausforderungen zu verstehen und uns bei ihrer Überwindung zu helfen. Wir brauchen mehr solcher Führungskräfte.

Hast du Tipps für Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen möchten?

Tue es! Wir brauchen und wollen dich! Es gibt immer einen Platz für dich. Du musst keine Programmiererin oder Ingenieurin sein, sondern du kannst auch als Designerin, technische Redakteurin oder Produktmanagerin arbeiten. Die Möglichkeiten sind endlos. Es ist eine wirklich spannende Branche und du kannst mitgestalten, wie die Zukunft aussieht. Wir wollen sicherstellen, dass die Zukunft integrativ ist und allen zugutekommt – dazu brauchen wir deine Unterstützung.

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments
X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -