Interview mit Lars Röwekamp zum Thema Mobiler Mehrwert

Mobiler Mehrwert – warum gute Apps mehr sind, als responsive Website-Versionen
Kommentare

Bei der Frage, ob man lieber eine Mobile-Version einer Website gestalten sollte oder doch lieber auf eine native App setzt, scheiden sich die Geister. In jedem Fall gilt: eine gute App ist mehr als nur eine responsive Version einer Website. Doch worauf kommt es bei der App-Entwicklung eigentlich an?

Die Antwort darauf ist einfach: ein mobiler Mehrwert muss her! Denn dass niemand eine App nutzen wird, die dem User keine Vorteile gegenüber einer Desktop-Version einer Website bietet, ist eigentlich logisch. App-Entwickler stellt das natürlich vor einige Herausforderungen – und zwar nicht nur, was den eigentlichen Entwicklungsprozess sondern auch den Umgang mit der UX angeht.

Daneben ist es natürlich auch wichtig, sich mit dem App-Entwicklungszyklus vertraut zu machen. Mit der reinen Entwicklungsphase ist es nämlich natürlich nicht getan, die App muss schließlich noch an den User verteilt werden. Auch hierbei gilt es, einiges zu beachten. Grund genug also, sich mit Lars Röwekamp zu unterhalten, der derzeit vor allem auch im Bereich Enterprise und Mobile Computing tätig ist, und uns in diesem Interview nicht nur verrät, was genau man eigentlich unter einem mobilen Mehrwert versteht, sondern auch, wie es nach einer App-Veröffentlichung weitergeht.

Mobiler Mehrwert – und wie man ihn findet

Lars, du sagst, dass eine richtig gute App mehr ist als die responsive Variante eines Webauftritts – es müsse der mobile Mehrwert her. Was genau ist der mobile Mehrwert?

Lars Röwekamp: Ein Smartphone oder Tablet wird normalerweise in einem anderen Kontext genutzt als ein Laptop oder Desktop. App starten, Information abgreifen oder Aktion ausführen, App schließen – so sieht das klassische Nutzerverhalten aus. Und das natürlich nicht (nur) am Schreibtisch zuhause, sondern vor allem unterwegs. Es gilt also als erstes, zu verstehen, wann und wo meine Zielgruppe meine App benutzen wird.

Mehrwert wird zum Beispiel durch das geschickte Sammeln und Auswerten von Informationen generiert.

Mobiler Mehrwert bedeutet also zum einen genau das oben beschriebene Ergonomie-Pattern durch eine gut durchdachte UX zu realisieren. Zum anderen sollten Mehrwerte durch Nutzung zusätzlicher, kontextsensitiver Informationen geschaffen werden. Wo bin ich gerade? Wer ist noch hier bzw. in der Nähe? Wie ist das Wetter dort? Und wie die Uhrzeit? Was habe ich vor 15 Minuten gemacht? Usw.

Durch geschicktes Sammeln und Auswerten dieser Informationen ist die App in der Lage, zielgerichtet Informationen, Produkte oder Aktionen anzubieten, die ich als Nutzer als echten Mehrwert und nicht als Störung empfinde. Wenn ich mich zum Beispiel am Bahnhof befinde und einen Zug gebucht habe, fände ich es super, wenn meine App mir automatisch den Weg zum Bahnsteig inklusive der zu erwartenden Zeit dorthin anzeigt. Und natürlich etwaige Verspätungen in Echtzeit, um so zu vermeiden, dass ich 90 Minuten am Bahnsteig in eisiger Kälte warte.

Mobile Devices bieten natürlich auch eine Menge Sensoren, um beispielsweise eine Interaktion mit dem aktuellen Standort zu ermöglichen. Wann ist der Punkt gekommen, an dem man zu viel in die App investiert?

Lars: Das ist eine gute Frage! Jeder mobile Mehrwert hat natürlich seine Grenzen. In der Regel steht die Mobile-App ja nicht alleine da, sondern sollte im Zusammenspiel mit anderen Channels – wie zum Beispiel dem Web – ein rundes und positives Gesamterlebnis für den Benutzer ergeben. Zu diesem Gesamtbild gehört dann u.a. natürlich auch das „reale Leben“, also zum Beispiel ein positives Einkaufserlebnis in einem realen Shop. Dieser Aspekt wird leider sehr häufig vergessen!

Die Grenze der App bzw. der Investition in die App ist für mich immer dann gegeben, wenn ich die gewünschte User Experience mit einem anderen Channel besser und/oder günstiger erreichen kann. Ein Überladen der App mit unnötiger Funktionalität sollte auf jeden Fall vermieden werden. Es geht nicht darum, dass ich die App als Ersatz für all die anderen Channel verstehe, sondern als sinnvolle und optimale Ergänzung.

Interaktive Informationen zu Materialen oder Herstellungsprozessen sorgen für eine bessere User Experience.

Wenn ich zum Beispiel in einem Shop unterstützt durch NFC, iBeacons oder Augmented Reality zusätzliche Informationen zu einem Produkt einblende, das ich direkt vor mir sehe, dann ergibt das Sinn. Dazu zählen übrigens auch interaktive Informationen zu Materialen, Herstellungsprozess etc. Wenn dagegen meine App lediglich einen Produktkatalog beinhaltet, in dem ich erst noch mühevoll nach dem vor mir liegenden Produkt suchen muss, nur um dann ein PDF angezeigt zu bekommen, dann eher weniger.

Generell ist es also die Frage, den mobilen Mehrwert zu finden. Wie schwer gestaltet sich die Suche danach deiner Erfahrung nach?

Lars: Das hängt extrem vom jeweiligen Kontext ab und bedarf in der Tat ein wenig Erfahrung. Das größte Problem ist in der Regel ein festes Anwendungs- und Denkmuster, das es im Prozess der „Mehrwertfindung“ aufzubrechen gilt. Leider orientieren sich die App-Teams häufig viel zu sehr an den bereits bestehenden Lösungen (Web & Co.) und stehen sich so selbst im Weg. Wir starten daher gerne in unseren Projekten mit einem sogenannten „Ideation Workshop“, in dem wir gemeinsam mit unseren Kunden versuchen, genau diese Grenzen aufzubrechen. Am Ende sind die Kunden häufig von sich selbst überrascht, wie kreativ sie sein können.

The Day After – So geht es nach der App-Veröffentlichung weiter

Auf der MTC beschäftigst du dich mit einem noch viel spannenderen Thema – nämlich mit der Frage, was eigentlich mit der App passiert, wenn sie veröffentlicht wurde. Wieso unterschätzen so viele Entwickler diesen „Day after“?

Analyse-Tools wie Analytics helfen bei der Generierung von wichtigem User-Feedback.

Lars: Hier sprichst du einen extrem wichtigen Punkt an. Denn erst, wenn die App im Store ist, beginnt das Spiel. Bis dahin beruht die gesamte Konzeption der App ja eher auf Annahmen als auf Fakten. Erst wenn die App durch eine breite Community genutzt wird, kann evaluiert werden, was an ihr gut ist und bei der Zielgruppe ankommt und was eher nicht. Es gilt also, genau dieses Feedback über Analytics, Tracking, Crash-Reporting oder spezielle Anreize für den Nutzer herauszufinden.

Natürlich sind auch die Bewertungen in den Stores von extremem Interesse und sollten unbedingt berücksichtigt werden. Es geht dabei nicht darum, seine App und die konzipierte Funktionalität zu rechtfertigen. Ganz im Gegenteil, es geht darum, die vielen freiwilligen Usability Experten – a.k.a. Nutzer der App – ernst zu nehmen. Das nächste Top-Feature versteckt sich meist nicht im eigenen Backlog sondern in den User-Kommentaren des App Stores.

Welche Punkte sind die wichtigsten, die es nach dem Launch einer App zu beachten gibt?

Lars: Es ist sehr wichtig, dass ich meinen Nutzern signalisiere, dass ich sie und ihr Feedback ernst nehme. Auf negative Kommentare sollte also entsprechend mit Verbesserungen der App oder neuen Features reagiert werden – wenn sinnvoll. Darüber hinaus sollte bereits vor dem ersten Release ein Rollout-Plan für die nächsten Iterationen bestehen. Die Anwender der App müssen ein hinreichendes Vertrauen in mich und meine App gewinnen. Regelmäßige Updates, die nicht nur Bug Fixes sondern vor allem auch sinnvolle Features liefern, helfen dabei und erhöhen so die Kundenbindung. Aufpassen sollte man allerdings, wenn die neuen Features auch neue Berechtigungen erfordern. Hier besteht ein gewisses Risiko, dass man einen Teil der Nutzerbasis verliert.

Du nennst das, die App als Produkt und nicht als Projekt zu verstehen. Wo liegt da der Unterschied?

Lars: Ein Projekt hat ein mehr oder minder wohldefiniertes Ende. In der Regel ist dies der Launch-Termin einer App bzw. ein paar Wochen bzw. Monate später. Ein Produkt dagegen hat einen Produkt-Lifecycle. Das Produkt lebt dabei – natürlich in verschiedenen Versionen – so lange, so lange es im App Store verfügbar bzw. bei Anwendern auf dem Smartphone installiert ist.

Wenn ich das einmal verstanden habe, kann ich den Lifecycle für mich nutzen, um das Produkt permanent zu verbessern und so meine Community zu halten und weiter auszubauen. Es ist dabei absolut legitim, ja sogar anzuraten, erst einmal im Kleinen zu starten und dann die App Schritt für Schritt, basierend auf dem Nutzerfeedback und eigenen Analysen, zu erweitern. Wie das genau geht, zeige ich dann in meinem Talk auf der MTC … ein wenig Spannung muss ja noch übrig bleiben!

Lars Röwekamp

lars röwekampLars Röwekamp, Gründer des IT-Beratungs- und Entwicklungsunternehmens open knowledge GmbH, beschäftigt sich im Rahmen seiner Tätigkeit als „CIO New Technologies“ mit der eingehenden Analyse und Bewertung neuer Software- und Technologietrends. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt derzeit in den Bereichen Enterprise und Mobile Computing, wobei neben Design- und Architekturfragen insbesondere die Real-Life-Aspekte im Fokus seiner Betrachtung stehen. Lars Röwekamp, Autor mehrerer Fachartikel und -bücher, beschäftigt sich seit der Geburtsstunde von Java mit dieser Programmiersprache, wobei er einen Großteil seiner praktischen Erfahrungen im Rahmen großer internationaler Projekte sammeln konnte.

 

Aufmacherbild: Designer’s desk with responsive web design concept. von Shutterstock / Urheberrecht: scyther5

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -