Facebooks Gegenrede und Googles Gegennarrative

Counter Speech via Google Adwords: Werbung gegen Extremismus
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Gegenrede – oder Neudeutsch Counter Speech –ist momentan das Schlagwort im Netz, wenn es darum geht, Hasskommentare auf sozialen Netzwerken zu bekämpfen. Google präsentiert jetzt ein anderes Konzept, um gegen Extremismus vorzugehen. Werbung gegen Radikalisierung, lautet die Devise. So unterschiedlichen die beiden Ansätze sind, so sehr sprechen sie sich beide gegen Löschungen aus. So soll Dialog und Aufklärung via Social Media und Werbe-Algorithmen funktionieren.

Löschen oder dagegen halten? Bei der Frage, wie mit Hasskommentaren und Extremismus im Netz umgegangen werden soll, herrscht weiter Uneinigkeit. Ein Lösungsvorschlag nimmt jedoch gerade Fahrt auf: die Gegenrede.

Google-Manager Dr. Anthony House hat jetzt allerdings im Interview mit dem britischen Telegraph ein alternatives Konzept zu Counter Speech präsentiert. Demnach soll Google Adwords genutzt werden, um der Verbreitung von extremistischem Gedankengut entgegenzuwirken. Mit anderen Worten: Werbung gegen Radikalisierung. Für den guten Zweck wird deshalb ein Teil der Suchergebnisse manipuliert.

Werbeplätze und Kampagnen gegen Extremismus

Dr. House kündigte an, dass dieses Jahr noch zwei Pilotprogramme starten werden, deren Ziel es sei, Gegennarrative (counter narratives) zu schaffen. So plant Google etwa, jedem Nutzer, der bei Google nach politisch auffälligen Begriffen sucht, Werbung mit anti-extremistischen Botschaften einzublenden. Bestes Bespiel sind Anfragen wie „IS beitreten“. Extremisten würden also, wenn sie entsprechende Suchanfragen wiederholt stellen, neben den Suchergebnissen solche Gegennarrative finden. In Zusammenarbeit mit NGOs soll dafür Content geschaffen werden, der möglichst überzeugende Gegenbotschaften vermittelt. Die Anzeigenplätze will Google dafür gratis zur Verfügung stellen.

Terroristische Motivation oder Recherche?

Diese Adwords Counter Speech würde also ähnlich funktionieren wie bei jedem anderen Google-Nutzer auch: Wer wiederholt nach Sneakern sucht, bekommt mehr Werbung für Schuhe eingeblendet. Anstelle von Manipulation (der Suchergebnisse) könnte also eher Nudging das passende Wort für Googles Vorgehen sein. Denn Google will Extremisten mit Aufklärung begegnen und mogelt dafür ein wenig bei den Anzeigen. IS-Inhalte oder auch fremdenfeindlicher Content wie hierzulande einfach nur zu löschen, ist also für Google keine Lösung.

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Jedoch ist auch das Counter-Speech-Modell nicht perfekt. Man darf gespannt sein, wie die Suchmaschine zwischen extremistischer Motivation und Recherchen zum Thema unterscheiden will. Außerdem mag es manch einem potenziell bedenklich erscheinen, dass ein Unternehmen bestimmt, was Extremismus ist und was nicht.

Anti-Propaganda für Interessierte

Mithilfe von Google lassen sich über Suchbegriffe auch Nutzer gezielt ansprechen. Zahed Amanullah vom Londoner Institute for Strategic Dialogue arbeitet bereits mit solchen Methoden, um Extremisten auf die Schliche zu kommen und sie von weiterer Radikalisierung abzuhalten. Im Interview mit Technology Review sagte Amanullah: „Wenn diese Nutzer dann auf YouTube nach einem Video des IS suchen, weil sie sich fragen, ob sie sich anschließen sollen, bekommen sie auf den vorderen Plätzen Filme gezeigt, die ihnen davon abraten.“ Eine ähnliche Methode habe er bei Facebook mit der damaligen Graph-Suche vorgenommen, um Leute direkt anzuschreiben.

Twitter mischt auch mit

Der offene Dialog hat längst Schule gemacht. Auch auf Twitter finden sich vermehrt User, die sich für die Gegenrede einsetzen und Extremisten Argumente entgegen halten. Bei über 320 Millionen Usern und gerade mal etwa 100 Mitarbeitern, die sich um extremistische Accounts und Tweets kümmern sollen, ist die Community gefragt. Einer davon hat das Counter-Speech-Prinzip mit einem Verweis auf Google und andere Datenanalyseverfahren sinnig zusammengefasst:

Facebook setzt die richtigen Signale

Facebook-Managerin Sheryl Sandberg hatte das Konzept der Gegenrede vor zwei Wochen in Berlin vorstellt und dabei eine neue Zivilcourage-Aktion ins Leben gerufen. Das soziale Netzwerk setzt bei der Bekämpfung fremdenfeindlicher Hasskommentare also auf Austausch, statt auf bloße Löschung. Das Konzept der Gegenrede ist Netzaktivisten längst vertraut und keineswegs neu. Zuvor wurden gemeldete Kommentare nach einer Vorauswahl von Bots und einer darauf folgenden Prüfung durch wenige Facebook-Mitarbeiter in Dublin gelöscht. Mittlerweile sollen laut Informationen von Spiegel Online hundert weitere Mitarbeiter auch in Deutschland eingestellt worden sein, um sich den Hasskommentaren zu widmen.

Bedachte Gegenwehr statt radikaler Gegenposition

Die Betonung liegt auf Austausch und überzeugenden Argumenten. Einer extremem Haltung mit einer ebenso radikalen Gegenhaltung zu begegnen – oder auf Beleidigungen mit weiteren Tiefschlägen zu kontern – ist in der Regel kontraproduktiv. Ergänzende Kommentare zum Thema, die unter anderem thematisieren, weshalb Löschen keine Lösung sein kann, sind beispielsweise auf Mobilegeeks erschienen und in der Kolumne von Sascha Lobo sinnig zusammengefasst.

 

Aufmacherbild: Portrait angry screaming young woman holding megaphone isolated on grey wall background. Negative face expression emotion feelings. Propaganda, breaking news, power, social media communication concept via Shutterstock, Urheberrecht:  PathDoc

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