Hürden im Umgang mit dem PC – einfach überwinden

Marlems PyAssistent: Barrierefreiheit am Computer arbeiten mit Python
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Barrierefreiheit im Web ist ein komplexes Thema. Von der Bedienbarkeit der Seiten bis hin zur Farbgestaltung gibt es viel zu bedenken. Marlems PyAssistent setzt genau da an: Basierend auf Python macht er das Internet zugänglicher für alle.

Corona-Lockdown in Dußlingen. Ich bin Markus Lemcke, Web-und Softwareentwickler, und habe beschlossen die Auftragsakquise zu pausieren und die Lockdown-Zeit zu nutzen um neue IT-Kenntnisse zu erwerben. Da ich in der Rangliste der Programmiersprachen gesehen habe, dass Python auf Platz 2 ist, beschloss ich im März 2020, diese Sprache über Udemy zu erlernen. Während des Kurses erfuhr ich, dass Python-Programme plattformunabhängig sind und dass barrierefreie Programmoberflächen dafür mit dem Anwendungsframework und GUI-Toolkit Qt erstellt werden können. Das Erstellen von genau diesen plattformunabhängigen, barrierefreien Anwendungen ist seit Jahren mein größter beruflicher Traum, sodass ich mich intensiver damit befasste.

Da ich beruflich selbstständig bin, bestand der nächste Schritt aus der Überlegung wie ich das sein neu erworbenes Python-Wissen nach Außen kommunizieren kann. Schließlich habe ich die Programmiersprache Python gelernt, damit ich Aufträge zur barrierefreien Software-Entwicklung bekomme. Die Hürden kenne ich aus eigener Erfahrung: Aufgrund meiner Körperbehinderung, einer Spastik, ist das ständige öffnen von neuen Browser-Fenster und das Eingeben von Webadressen sehr anstrengend für mich. Das Öffnen des Windows-Taschenrechners dauert mir zu lange. In Google Maps eine Route anzuzeigen ist mir auch zu umständlich.

Vorüberlegungen

Ich hatte die Idee, einen Assistenten zu programmieren wie Siri oder den Google Assistent. Per Kommando eine Webseite öffnen, per Kommando eine Route in Google Maps anzeigen lassen und per Kommando Rechenaufgaben lösen lassen: Das würde mir aufgrund meiner Behinderung viel Zeit sparen. Der Assistent bekam den Namen Marlems PyAssistent.

Das Problem ist, dass bereits einige Weltunternehmen solche Programme entwickelt haben. Apple hat Siri, Google den Google Assistent und Microsoft Cortana. Ich hatte aber folgende Gründe, warum ich meinen Assistenten trotzdem geschrieben habe: Marlems PyAssistent sollte Kommandos von Siri und dem Google Assistenten beherrschen. Außerdem sollten Kommandos abgedeckt werden, die für Menschen mit Behinderung interessant sind. Da Siri von sprachlich eingeschränkten Menschen oft nicht genutzt werden kann, weil Kommandos gesprochen werden müssen, soll Marlems PyAssistent Kommandos per Tastatur entgegennehmen. Siri antwortet allerdings auch per Sprachausgabe. Das ist für gehörlose Menschen nicht wahrnehmbar. Deswegen antwortet Marlems PyAssistent nicht auf diesem Weg, sondern durch geschriebenen Text. Während Siri nur auf Apple-Geräten funktioniert, kann Marlems PyAssistent unter Windows, Linux und MacOS eingesetzt werden.

Das wichtigste Kriterium für meine Software ist die Geschwindigkeit. Das Programm sollte dem Nutzer sehr viel Zeit sparen. Entwicklungsumgebungen wie Eclipse oder Visual Studio Code führten zur Überlegung, auf ein grafisches User Interface zu verzichten. Oben genannte Entwicklungsumgebungen begeistern mich aber in Sachen Geschwindigkeit überhaupt nicht. Deswegen beschloss ich, eine Konsolenanwendung zu entwickeln. Konsolenanwendungen sind auch einfacher auf dem Zielcomputer zu installieren, weil die Installation des Anwendungsframeworks Qt wegfällt. Das Thema Deployment, der Prozess zur Installation von Software auf Rechnern, ist leider eine Schwachstelle der Programmiersprache Python.

Plattformunabhängigkeit

Eine Software, die auf allen Betriebssystemen eingesetzt werden kann, ist plattformunabhängig. Für mich ist die Plattformunabhängigkeit einer Software nicht nur als Informatiker faszinierend, sondern auch als Freiberufler aus wirtschaftlicher Sicht ein wichtiger Aspekt in der Softwareentwicklung. Deswegen ist es für mich nicht nachvollziehbar, dass die Plattformunabhängigkeit bei der Programmiersprache Python genauso schlecht dokumentiert ist, wie die Plattformunabhängigkeit der Programmiersprache Java. Die Entwickler sollten meiner Meinung nach mehr Wert darauf legen.

Dass die Programmiersprache Python auf dem Linux-Betriebssystem Ubuntu vorinstalliert ist, wirft die Frage auf, warum Oracle, Entwickler der Programmiersprache Java, noch nicht auf die Idee gekommen ist, mit Entwicklern von Betriebssystemen über eine Vorinstallation der Programmiersprache Java zu verhandeln.

Dass es sehr einfach ist, eine Python-Software auf unterschiedlichen Betriebssystemen laufen zu lassen, versetzte mich in Euphorie. Mein Traum, barrierefreie Software zu entwickeln, die auf allen Betriebssystemen funktioniert, konnte mit der Programmiersprache Python endlich verwirklicht werden.

Barrierefreiheit

Ein wichtiger Punkt bei der Barrierefreiheit ist die Überlegung, welche Personengruppe es am schwersten hat. Bei der Bedienung von Software sind das blinde Menschen. Sie arbeiten mit Programmen, die sich Screenreader nennen. Diese Software liest alles, was auf dem Bildschirm geschieht. Das Gelesene wird entweder laut vorgelesen oder an eine Braillezeile weitergeleitet. Eine Braillezeile ist eine Tastatur, auf der alle Zeichen mit Stößel dargestellt werden. Diese Stößel können mit den Fingern ertastet werden.

Die bekanntesten Screenreader heißen JAWS und NVDA. Der Screenreader NVDA kann im Internet kostenlos heruntergeladen werden und eignet sich hervorragend zum Testen der Screenreader-Tauglichkeit von Python-Software durch Entwickler.

Seit 2008 gibt es die Inklusion. Inklusion bedeutet, dass Menschen mit und ohne Behinderung in den gleichen Kindergarten gehen, in die gleiche Schule gehen und am Arbeitsplatz zusammenarbeiten. Es ist also durchaus im Sinne der Inklusion, dass blinde Menschen als Softwareentwickler arbeiten. Die Python-Entwicklungsumgebung Pycharm ist screenreader-tauglich und kann komplett per Tastatur bedient werden. Im Klartext heißt das: Blinde Menschen können Python-Softwareentwickler werden.

Screenreader-Tauglichkeit

Da Marlems PyAssistent eine Konsolenanwendung ist, musste nichts extra programmiert werden, damit die Anwendung screenreader-tauglich ist. Im Linux-Betriebssystem Ubuntu kann der Screenreader Orca den Inhalt des Konsolen-Fensters vorlesen. Falls dieser noch nicht vorhanden ist, kann ermit folgendem Konsolen-Kommando nachinstalliert werden:

sudo apt install orca

Der Name des Programmes von Marlems PyAssistent wird in ASCII-Zeichen angezeigt. Screenreader lesen das jedes Mal vor, wenn der Startschirm des Programmes aufgerufen wird. Das ist für Screenreader-Nutzer sehr lästig. Deswegen können blinde Programm-Nutzer das Programm per Kommando so einstellen, dass diese ASCII-Zeichen nicht angezeigt werden.

Bedienbarkeit per Tastatur

Um eine Computermaus bedienen zu können, muss der Computer-Nutzer sehen, wohin er den Zeiger bewegt. Deswegen können blinde Menschen keine Computermaus verwenden und sind darauf angewiesen, dass eine Software komplett per Tastatur bedient werden kann. Konsolenanwendungen sind von Haus aus nur per Tastatur bedienbar. Deswegen musste bei Marlems PyAssistent kein zusätzlicher Python-Code implementiert werden. Alle Kommandos werden per Tastatur eingegeben und mit der Enter-Taste bestätigt.

Farbkontrast

Menschen mit einer Farbsehschwäche können nicht immer einer Farbe den passenden Namen zuordnen. Sie wissen oft nicht, welche Farben zusammenpassen. Außerdem können sie eine dunkle Schrift auf einem dunklen Hintergrund genauso wenig erkennen, wie eine helle Schrift auf einem hellen Hintergrund. Konsolen-Fenster haben von Haus aus einen barrierefreien Farbkontrast. Das hat die Überprüfung mit der kostenlosen Software Colour Contrast Analyser ergeben.

Das bedeutet, der Farbkontrast in Marlems PyAssistent auf allen ist Betriebssystemen barrierefrei.

Große Schrift in der Konsole einstellen

Menschen mit einer Sehbehinderung können in Betriebssystemen eine große Systemschrift einstellen. Mit der Programmiersprache Python kann auf Einstellungen in Betriebssystemen nicht zugegriffen werden. In allen 3 Betriebssystemen ist es jedoch möglich die Schriftgröße in Konsolen-Fenstern mit einer Tastenkombination anzupassen. Die Software Marlems PyAssistent kann auch von Menschen mit Sehbehinderung genutzt werden.

Schlussbemerkung

Marlems PyAssistent ist eine barrierefreie Python-Software die für Menschen ohne und mit Behinderung interessant und bedienbar ist. Das Programm kann hier heruntergeladen werden.

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