Warum man visuelle Elemente im UX-Design nicht unterschätzen sollte

Visual Design im UX-Prozess – eine Frage der Attraktivität
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Grafische Elemente stehen im UX-Design nicht mehr alleine für sich, sondern verfolgen ein klares Ziel: die Verbesserung der User Experience. Das bedeutet im Umkehrschluss allerdings nicht, dass Fragen des Visual Designs völlig in den Hintergrund treten und keine eigene Bedeutung mehr besitzen.

Don Norman macht in seinem Buch „Emotional Design: Why we Love (or Hate) Everyday Things“ eine interessante Beobachtung. Er bezieht sich auf eine Studie, die zu dem Ergebnis kommt, dass die visuelle Gestaltung deutlich mehr Einfluss auf die User Experience nimmt als eine gute Usability. Das wirkt auf den ersten Blick etwas befremdlich. Denkt man aber genauer über die Behauptung nach, ist die Aussage von Norman durchaus einleuchtend.

Auch im alltäglichen Leben ziehen uns Personen und Dinge an, die wir attraktiv finden. Eine Tatsache, die gleichfalls von wissenschaftlichen Studien unterstützt wird. So vertrauen Kinder Erwachsenen eher, wenn sie sich von ihnen angezogen fühlen. Und das Gleiche lässt sich ebenfalls auf die Gestaltung von Webseiten und Apps übertragen: Die Nutzer richten ihre Aufmerksamkeit lieber auf visuell ansprechend gestaltete Homepages und Applikationen.

Was wir attraktiv finden

Zu fragen bleibt, was Attraktivität überhaupt ausmacht. Seit der Antike gibt es Versuche, die Ästhetik von Objekten als quantitativ zu berechnende Größe auszuweisen. Ideen wie der Goldene Schnitt werden seit Jahrhunderten zur Gestaltung ästhetischer Figuren und Gebäude herangezogen. Selbst im Webdesign gab es solche Versuche – wenn auch mit bescheidendem Erfolg.

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Manch andere behaupten, dass Schönheit keinen universalen Maßstab kennt, sondern stets im Auge des Betrachters liegt. Und wiederum andere sind der Auffassung, dass der Geschmack heutzutage in erster Linie durch soziokulturelle Einflüsse geprägt wird. So übt beispielsweise die mediale Verbreitung stereotypischer Schönheitsideale einen starken Einfluss auf das ästhetische Bewusstsein von Kindern und Jugendlichen aus – aber auch Erwachsene können sich davor nicht vollends verschließen.

Übertragen auf das UX-Design bedeutet das: Es mag vielleicht bestimmte Interaktionen und Elemente geben, die wir intuitiv als attraktiv empfinden, weil wir mit ihnen eine gute Usability verbinden. Oftmals ist man auch nur überrascht, was die Nutzer anziehend finden. Und gleichzeitig gibt es auch visuelle Bausteine, die zwar heute eine gewisse Aktualität besitzen, ihre Anziehungskraft jedoch in ein paar Monaten wieder verlieren. Zu denken ist hierbei an verschiedene Webtrends, die im schnelllebigen Geschäft des Internet oftmals so schnell wieder verschwinden wie sie gekommen sind.

Man muss also davon ausgehen, dass es keine Blaupause für das „Schöne“ gibt. Das bedeutet für die Integration des Visual Designs in den UX-Prozess: Es muss um mehr gehen als nur um die Gestaltung von etwas besonders Schönem.

Visual Design, Interaktionsdesign und UX-Design

Wichtig ist hierbei die richtige Unterscheidung zwischen Visual Design und Interaktionsdesign. Oftmals wird der Fehler gemacht, die Begriffe synonym zu verwenden. Im Visual Design geht es um die strategische Platzierung von Bildern, Farben, Fonts und anderen Elementen zur Förderung von Interaktionen und User-Engagement. Im Interaktionsdesign fokussiert man sich auf die funktionalen Aspekte, die notwendig sind, damit eine Aufgabe von den Anwendern wie geplant durchgeführt werden kann.

Das Visual Design lenkt die Aufmerksamkeit der Nutzer durch die richtige Positionierung der Seitenelemente auf die angebotenen Funktionen. Auch die hierarchische Gliederung der unterschiedlichen Bausteine wird durch Größe und Farbe sowie der Verwendung von Whitespace visualisiert. Zu guter Letzt stärkt die richtige Gestaltung die Bekanntheit und das Vertrauen in die Marke.

Auf einem Kontinuum, das von Grafikdesign bis User-Experience-Design reicht, liegt das Visual Design in der Mitte. Während es im Grafikdesign um die Gestaltung von statischen Bildern und Objekten geht, umfasst das UX-Design Teile des Interaktions- und User-Interface-Designs und fokussiert sich auf die Verbesserung der Kommunikation und Usability. Die Schnittstelle zwischen beiden Bereich bildet das Visual Design: Durch statische Bilder soll die Kommunikation und Usability eines Produkts verbessert werden.

Integration in den UX-Prozess

Schon 2008 hat Luke Wroblewski, Produktdirektor bei Google, in einer Onlinepräsentation den Zusammenhang von Visual Design und User-Aktionen erläutert. Die Präsentation enthält zahlreiche Tipps und Vorschläge zur Anordnung von Inhalten für Designer. Die Visualisierung von Elementen sollte sich laut Wroblewski an einem dreistufigen Modell orientieren, das hierarchisch geordnet ist:

  1. Nachrichten kommunizieren,
  2. Aktionen hervorheben,
  3. Informationen organisieren.

Auch sieben Jahre später haben die Ratschläge ihre Relevanz nicht verloren. Bei der Integration des Visual Designs in den UX-Prozess muss stets im Hinterkopf behalten werden: Ein attraktives Design kann nicht über schlechte Features und Funktionen hinwegtäuschen. Deshalb sollte man visuelle Elemente aber nicht vollkommen vernachlässigen. Das Visual Design ist ein wichtiger strategischer Faktor, der dabei hilft, im hart umkämpften Markt um die Aufmerksamkeit der Nutzer Boden gut zu machen. Hierbei gibt es drei Regeln zu beachten:

  • Stringenz ist wichtig: Inkonsistenzen wirken sich besonders nachteilig auf ansonsten ansprechend gestaltete Designs aus. Selbst die beste visuelle Umsetzung wird von den Nutzern als „hässlich“ empfunden, wenn sie durch grafischen Bausteine verwirrt oder überfordert werden.
  • Testen ist das A und O: Visuelle Elemente sollten kontinuierlich getestet werden, um mögliche Fehlerquellen schon vor der eigentlichen Entwicklungsphase zu beheben. Mockups, Wireframes und Prototypes sind wichtige Werkzeuge bei der Gestaltung eines guten Visual Designs.
  • Don’t believe the Hype: Auch wenn man die Augen nicht gänzlich vor neuen Entwicklungen verschließen sollte: In der Regel ist es zielführender auf bereits etablierte Designpatterns zurückzugreifen. Es ist nicht ratsam, bei jedem neuen Projekt das Rad neu zu erfinden, um den aktuellen Trends gerecht zu werden.

Fazit

Hält man sich an die drei Regeln, kann man innerhalb des UX-Prozesses enorm von den Vorteilen des Visual Designs profitieren. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der richtigen Balance: Statische Grafikelemente dürfen nicht allein an ihrer Attraktivität gemessen werden; im Umkehrschluss ist es aber auch verkehrt, deshalb ganz auf sie zu verzichten.

Aufmacherbild: Bright colors via Shutterstock / Urheberrecht: art_of_sun

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