Die User Experience von Webseiten steigern

Web-Navigation: Browsen oder Suchen?
Kommentare

Die Frage, was eine gute Web-Navigation ausmacht, ist nicht ganz einfach zu beantworten. Auf der einen Seite wird behauptet, dass die User Experience gesteigert werden kann, wenn die Nutzer möglichst einfach durch die Inhalte einer Webseite browsen können. Auf der anderen Seite zeigen Trends wie etwa das Conversational User Interface, dass die Nutzer bei der Suche nach Inhalten immer zielorientierter zu Werke gehen. Ist es ratsam, den Nutzern das gesamte Angebot einer Webseite zu präsentieren? Oder wollen sie selbstständig das finden, wonach sie suchen? Kurzum: Browsen oder Suchen?

Es ist ein offenes Geheimnis, dass unübersichtliche Webseiten zu Frustrationen bei den Nutzern führen. Das mag logisch klingen; Frust hat aber wenig mit Logik zu tun, sondern stellt eine Emotion dar. Und negative Emotionen lassen Rückschlüsse auf eine schlechte Usability zu, da sie einen wichtigen Bestandteil des menschlichen Verhaltens bilden. Deshalb können beispielsweise psychologische Erkenntnisse gewinnbringend in das UX-Design integriert werden.

Ob mit Elementen auf einer Webseite interagiert wird, hängt deshalb stark davon ab, wie sich die Interaktionen anfühlen. Eine gute Webseiten-Navigation muss daher vor allem eines sein: intuitiv. Leicht verständliche Elemente, die auf die Bedürfnisse der Nutzer abgestimmt sind, machen eine ansprechende Menüführung aus. Eine stringente und kontextsensible Gestaltung ist genauso wichtig wie die Formulierung kohärenter Aussagen oder die Bevorzugung einfacher Strukturen.

Aber selbst wenn diese Punkte berücksichtigt werden, ist eine Frage noch nicht geklärt: Sollte lieber auf umfangreiche Menüs gesetzt oder einer Suchleiste vertraut werden? Diese Frage ist insofern aktuell, da der Trend der Conversational User Interfaces die User Experience eher in die Richtung von text- oder sprachgesteuerten Eingaben lenkt. Wird also in Zukunft das Menü nicht mehr bloß hinter Hamburger-Icons versteckt, sondern gänzlich aus dem Aufbau von Webseiten verschwinden?

Browsen oder Suchen?

Es gibt einige gute Gründe, warum das klassische Menü als Navigationselement ausgedient hat. Schon die Einführung des Hamburger-Icons hat gezeigt, woran es ausladenden Menüs mangelt: Sie nehmen zu viel Platz im Interface-Design in Anspruch, ohne dabei viel zum visuellen Gesamteindruck beizutragen. Wird ausschließlich auf eine Suchfunktion als Menüersatz gesetzt, muss sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht werden, die Navigation aufwendig zu verstecken. Ein Suchfeld reicht aus, damit den Besuchern die gesamte Informationsarchitektur einer Seite zur Verfügung steht.

Aber das Ganze hat auch einen Haken: Die Nutzer müssen bereits wissen, was sie suchen. Die Möglichkeit, zufällig auf Inhalte zu stoßen, entfällt. Aber es gibt noch einen weiteren Grund, warum das klassische Menü in absehbarer Zeit nicht gänzlich verschwinden wird: User scrollen gerne. Erfolgreiche Plattformen wie Instagram oder Snapchat leben einzig davon, dass die Anwender sich durch ein riesiges Content-Angebot, das sich in Echtzeit verändert, browsen. Aber warum meiden die Anwender unübersichtliche Menüs und greifen gleichzeitig auf das Angebot von Diensten wie Facebook und Co zurück?

Wie Tucker FitzGerald in seinem Artikel „Searchers and Browsers: the Personality Type of UX“ erklärt, hängen die Entscheidungen der Nutzer von ihrer Persönlichkeitsstruktur ab. Generell lassen sich zwei Usergruppen unterscheiden, die jeweils die Extrempunkte auf einem Kontinuum bilden. Auf der einen Seite stehen die „Browser“, die klar strukturierte und organisierte Inhalte bevorzugen. Auf der anderen Seite befinden sich die „Searcher“, die das Informationsangebot selbst erforschen.

HTML5 Days 2017

Flexbox in der Praxis

mit Jens Grochtdreis (webkrauts.de)

Warum User gerne browsen …

Für das Browsen spricht, dass es den Anwendern leichter fällt, bekannte Elemente wiederzuerkennen, statt sie ohne Hilfestellung aus dem Gedächtnis abzurufen. Das Klicken auf einen Link geht deutlich schneller von der Hand als das Eintippen eines passenden Suchbegriffs. Wie Steven Krug betont, zeichnet sich eine gute Usability dadurch aus, dass die Nutzer möglichst wenig nachdenken müssen. Allerdings trifft dies nur dann zu, wenn die Nutzer das Gefühl haben, dass ihre Interaktionen zielführend sind.

Das mag mit Blick auf soziale Netzwerke zunächst etwas verblüffen. Ist es tatsächlich besonders zielführend, wenn eine Timeline endlos durchforstet wird? Erstaunlicherweise, ja! Denn die Nutzer sind nicht süchtig nach der Plattform, sondern nach anderen Nutzern. Das Ziel besteht also darin, seine „Sucht“ zu befriedigen – und das kann mitunter Stunden in Anspruch nehmen.

Die Nutzer scheuen sich also nicht davor, viele Interaktionen auszuführen. Es kommt erst dann zu Frustmomenten, wenn sie das Gefühl haben, dass viele Klicks zu nichts führen. Das Browsen verschlechtert die User Experience, wenn der Input keinen entsprechenden Output bringt; das ist kein quantitatives, sondern ein qualitatives Problem. Es ist daher wichtig, die Effizienz der Informationsarchitektur mithilfe von Blueprints oder User Flows zu optimieren.

Die Optimierung der Effizienz von Interaktionen mindert die Gefahr von Frustmomenten. Aber das menschliche Emotionsvermögen reduziert sich nicht nur auf die Verminderung vom Schmerz, sondern umfasst auch das Empfinden von Glück. Das bedeutet, dass User eine Erfahrung nicht bereits dann als gut bewerten, wenn sie lediglich schnell das bekommen, was sie wollen – entscheidend ist ebenfalls die Frage nach dem „Wie“. Eine gute User Experience ist nicht ausschließlich ergebnis-, sondern ebenfalls prozessorientiert.

Obwohl beobachtet werden kann, dass die Aufmerksamkeitsspanne stetig sinkt, sind nicht alle Nutzer beim Besuch einer Webseite in Eile. Statt Aufgaben möglichst schnell abzuhaken, wollen sie das Erlebnis „genießen“. Ein Indiz hierfür ist der Trend des Storytellings. Die Technik erzeugt eine kohärente und lineare Erzählstruktur, indem sie die zu transportierenden Inhalte mithilfe visueller Elemente emotional aufbereitet.

Eine sorgfältig strukturierte Informationsarchitektur ist wichtig, allerdings darf nicht alles dem Effizienzgebot unterstellt werden. Besonders deutlich zeigt sich dieser Punkt an zu umfangreichen Navigationen. Es mag zwar effizient sein, alle Optionen gleichzeitig dazustellen; eine besonders gute User Experience bietet eine solche Menüführung aber nicht. An diesem Beispiel zeigt sich, dass Interaktionen nicht nur zielführend, sondern auch simpel sein müssen.

Simpel bedeutet jedoch nicht, so wenig wie möglich, sondern so viel wie nötig. Das trifft sowohl auf die Auswahl der Menüpunkte als auch auf den generellen Aufbau des Designs zu. Minimalistische Designs, wie etwa das Flat Design 2.0, sowie der richtige Einsatz von White Space helfen dabei, die Konzentration der Nutzer auf das Wesentliche zu lenken. Werden den Nutzern dagegen zu viele Interaktionsmöglichkeiten gleichzeitig geboten, sind die Vorteile einer effizienten Aufteilung schnell wieder dahin.

… und ungern nach etwas suchen

User suchen nicht gerne nach etwas, da sie nicht besonders gut im Suchen sind. Es ist daher wenig verwunderlich, dass sich die Gruppe derjenigen, die eine Webseite per Suchfunktion erkunden, in der Minderheit befindet. Damit eine Suche das gewünschte Ergebnis ausgibt, müssen die Nutzer bereits ein klares Bild davon haben, was sie wollen. Das mag im E-Commerce-Bereich beim Stöbern nach bestimmten Artikeln noch relativ leicht fallen; handelt es sich allerdings um komplexere Anliegen, wird die Aufgabe schon deutlich schwieriger.

Dass es den Nutzern einfacher fällt, durch Inhalte zu browsen, statt gezielt nach ihnen zu suchen, zeigt ein Beispiel aus dem Alltag: In der Regel können sich Menschen Gesichter besser merken als Namen. Das Erkennen von Gesichtern gleicht der Wahl zwischen verschiedenen Vorgaben: Die User müssen lediglich erkennen, welches der Interaktionsangebote das richtige für sie ist. Sich an einen Namen zu erinnern, ist hingegen mit einem erheblichen kognitiven Mehraufwand verbunden. Und eben diesen Mehraufwand müssen die Nutzer leisten, wenn sie nach etwas Bestimmten suchen.

Demzufolge stellen Suchfunktionen und Chatfenster eine erhebliche Herausforderung für die Anwender dar. Aber wie ist es dann zu erklären, dass nahezu jede Webseite über eine Suchleiste verfügt, und Conversational User Interfaces im Trend liegen? Die Antwort kann wiederum mit Blick auf die Gewohnheitsstruktur der Menschen gegeben werden: Nutzer sind faul. Suchoptionen funktionieren, da die Benutzer oft schlicht keine Lust haben, sich die Seitenhierarchie und den Navigationsaufbau zu vergegenwärtigen – ganz gleich, wie effizient und simpel sie gestaltet sind.

Aber nicht nur die Gewohnheiten sprechen für die Integration einer Suchfunktion. So ist zu beobachten, dass User trotz aller Bemühungen an Navigationen scheitern können. Tritt dieser Fall ein, bieten Suchfunktionen kurzfristig eine attraktive und praktikable Exit-Option. Auf langfristige Sicht können insbesondere umfangreiche Seiten von der Einbindung eines Suchfelds profitieren. Die Auswertung der gesammelten Sucheingaben gibt nämlich Auskunft darüber, in welchen Bereichen noch Verbesserungen vonnöten sind.

Fazit

Browsen oder Suchen? Die Antwort auf die Frage lautet: beides! Die zwei Elemente spielen eine wichtige Rolle in der Web-Navigation. Entscheidend ist es, die Stärken und Schwächen beider Funktionen zu kennen. Während zielführende und simple Interaktionen das Browsen erleichtern, stellt die Integration eines Suchfelds die Funktionalität einer Webseite auch dann sicher, wenn die User entweder nicht gewillt sind, sich auf die Architektur einer Seite einzulassen, oder an den angebotenen Interaktionsmöglichkeiten scheitern. Darüber hinaus kann durch die Auswertung der Suchanfragen die User Experience des gesamten Auftritts positiv beeinflusst werden.

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -