Bessere Arbeit im Scrum-Team: Improtheater als agile Produktentwicklung

Agilität trainieren mit Improtheater
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Am Abend eines turbulenten Tages im Scrum-Projekt haben wir uns eine Improvisationstheatershow angesehen. Das Publikum war begeistert, und wir haben viel gelacht über die witzigen Geschichten, die dort spontan erfunden wurden. Allerdings hing neben der Bühne ein Plakat, das mich irritiert hat: „Impro is not about being funny but about embracing change.“ (Paul Goddard)

Humor war also nicht die Hauptsache. Tatsächlich war es beeindruckend, wie flexibel und schnell die Spieler darin waren, sich auf neue Situationen und Impulse einzustellen. Beim Improtheater ist alles überraschend, für die Zuschauer und insbesondere für die Darsteller. Diese sind deshalb darin geübt, reaktionsfreudig zu sein: Nur ein wirksamer Spieler bringt die Story weiter. Und wirksam sein kann einer nur dann, wenn sein Gegenüber ihn auf sich wirken lässt.

Fühlst du dich wirksam?

Diese beiden Prinzipien sind doch wesentlich für das Gelingen von agilen Projekten: Wirksam sein will jeder und flexibel sein muss jeder. Da gibt es noch weitere Parallelen zwischen Impro und Agilität. Zur Verdeutlichung hangele ich mich hier an den fünf Scrum-Werten entlang: Offenheit, Commitment, Respekt, Mut und Fokus.

Was ist Improtheater? Ein selbstorganisiertes Ensemble entwickelt aus dem Stegreif spannende Geschichten, Figuren, Szenen nach wechselnden Vorgaben aus dem Publikum.
Anders gesagt: Das ist agile Produktentwicklung in einem komplexen adaptiven System.

Scrum-Wert „Offenheit“: Sage ja!

Was macht eigentlich ein Improspieler, wenn ihm auf der Bühne nichts einfällt? Er re-agiert auf jede Äußerung seiner Teamkollegen. Sie sind die Quelle seiner Inspiration. Also trainiert Improtheater das wachsame Zuhören und die Aufmerksamkeit, insbesondere für Veränderungen.

Die erste Improregel lautet: Sei offen für die Angebote deiner Spielpartner und nimm sie wohlwollend an. Sage „Ja!“ und füge dann etwas Neues hinzu. Das ist das berühmte „Yes! And …“-Protokoll, ein wunderbarer Treibstoff für fortlaufende Ideenproduktion. Ganz im Gegensatz zur oft gehörten Killerphrase: „Stopp! Das geht nicht, weil…!“. Da ist schon am Anfang Schluss, selbst wenn nach einer falschen Anfangsidee noch haufenweise richtige kommen würden.

Wenn jemand einen Tisch in eine Szene einführt, dann nörgele ich als Improspieler nicht über diese wenig originelle Idee. Ich nehme sie an und baue darauf auf. Woraus ist dieser Tisch gemacht (Holz, Beton, Knochen …)? Welche bahnbrechenden Dinge werden an diesem Tisch verhandelt? Ein Tisch. Danke für diesen ausgezeichneten Vorschlag!

BASTA! 2018

Testing in production

mit Nico Orschel (AIT GmbH & Co. KG)

Offenheit als Fähigkeit eines Scrum-Teams beseitigt das leidige Impediment, dass nur wohldurchdachte Ideen geäußert werden dürfen. Dann nämlich sagen nur die besten im Team etwas bzw. jene, die sich dafür halten. Aber für Lösungen komplexer Probleme brauchen wir eine maximal breite Ideenbasis, quasi eine Willkommenskultur für alle Ideen aus dem Team.

Ein sehr guter Weg, die Qualität einer Idee zu verifizieren, ist, sie auszuprobieren. Denn: „Wo kämen wir denn hin, wenn keiner ginge, um zu gucken, wohin wir kämen, wenn wir gingen?“ Genau dieses schnelle Erzeugen, Ausprobieren und Verbessern von Ideen ist tief in der DNA des Improtheaters verankert. Unergiebige Ideen werden früh entlarvt und ersetzt oder als überraschend gut rehabilitiert. Das Zusammenspiel eigener und fremder Ideen ist dabei der Erfolgsfaktor für die Geschichte, die sich on the fly auf der Bühne oder in einem Sprint entwickelt. Impro trainiert das. Scrum braucht das.

Scrum-Wert „Commitment“: Creme dir nicht die Hände ein!

„Mach du das mal, ich habe mir gerade die Hände eingecremt.“ Das ist ein prima Vorwand, nicht mitzumachen. Ein Anti-Pattern zum Commitment. Wie erzeugen denn Improteams eine gemeinsame Urheberschaft (Collective Ownership)? Sie machen sich bewusst, dass sie etwas gemeinsam erschaffen, was keiner allein hätte schaffen können: eine einmalige Story. Das Team synchronisiert sich fortwährend durch Handlungen oder Bemerkungen: Wo sind wir? Was tun wir? In welcher Phase der Story sind wir? Jeder wird behutsam abgeholt, auch wenn er gerade im falschen Film ist:

A: „Captain, die Torpedos sind jetzt scharf!“ (Aha, wir sind anscheinend in einem U-Boot.)
B: „Sehr gut, Frau Leutnant, dann wecken sie mal den Funker!“.
A: „Aye-aye Captain! Sollen vorher die Schutzschilde aktiviert werden?“
(Oha, Missverständnis, Photonen-Torpedos, also nicht U-96, sondern USS-Enterprise).
B: „Richtig Lieutenant, aber nur mit halber Energie. Wir wollen nicht feindselig wirken.“

So kommen alle auf den gleichen Stand.

Was mache ich, wenn die Idee eines anderen die Story besser voranbringt als meine? Ich verhelfe ihr nach Kräften zum Erfolg. Commitment bedeutet Teamerfolg vor Egoerfolg. Ein anderes Mal komme dann ich ins Rampenlicht. Immer schön abwechseln: mal führe ich, mal folge ich den anderen. Und wenn die anderen jedes Mal besser sind? Dann schmeiße ich die Besserwisser raus oder wechsele in ein Team, in dem ich selber einer bin. Das hält ja keiner aus!

Improspieler sind auch geübt im Erstellen eines MVPs (Minimal Viable Product). Sie entwickeln spontan Szenen mit den minimalen Eigenschaften, die für eine funktionierende Geschichte notwendig sind: wo, wer, was, warum. Die Aufgabe am Anfang ist immer dieselbe: Etabliere möglichst schnell eine lauffähige Plattform, von der die Geschichte starten kann. Wenn man dann endlich losgefahren ist, kann man den Kurs nach Belieben korrigieren. Impro trainiert das. Scrum braucht das.

Scrum-Wert „Respekt“: Lasst euch gut aussehen!

Betrachte folgende Situation: Spieler A hat plötzlich einen Blackout auf der Bühne. Er steht wie versteinert da, gelähmt vor Angst. Dann retten ihn seine Mitspieler: Er wird geschickt angespielt, bis er sich wieder gefangen hat und ins Spiel zurückkommt, z. B. mit einer Verbeugung zu ihm: „Seid gegrüßt, Meister Tozan. Euer Schweigegelübde ist im ganzen Land bekannt. Lasst mich Zeuge sein, wenn es heute endet.“ Gute Improspieler können alles rechtfertigen, was auf der Bühne passiert. Plötzlich erscheint sogar der Blackout beabsichtigt. It’s not a bug, it’s a feature.

Die Botschaft für jeden im Team heißt dann: Wenn du mal scheiterst, wirst du weich fallen! Du wirst unseren Respekt behalten und kannst dich sicher fühlen. Solche Teams nenne ich „safe to fail“, und auf deren Vertrauens- und Wertschätzungsgrad kann man wirklich neidisch sein.

Das gibt es sogar als Spielformat vom genialen kanadischen Improduo Crumbs: „Your 15 Minutes of Fame“. Ein beliebiger, unerfahrener Zuschauer wird auf die Bühne gebeten und dort so angespielt, dass er allen wie ein großartiger Darsteller erscheint. Das ist die Kunst des „Lasst euch gut aussehen!“. So etwas könnte man mal bei der Einarbeitung zur Stärkung neuer Mitarbeiter einsetzen.

Schwächen werden beim Impro bewusst offen gelegt, weil sie gutes Spielmaterial sind (z. B. ein Holzfäller, der starke Gewissensbisse hat, weil er Bäume fällt). Sie schaffen Anknüpfungspunkte und fördern damit das Zusammenspiel der Akteure. Schwächen zuzugeben, ist beim Impro völlig normal, so wird keine Energie für das Verbergen verbraucht. Natürlich blühen in so einem Team Experimentierfreude und Abenteuerlust. Impro trainiert das. Scrum braucht das.

Scrum-Wert „Mut“: Scheiter heiter!

Die Bühne ist leer, der Saal ist voll, und keiner weiß, was gespielt wird. Dann braucht es den Mut zu Entscheidungen. Wer bin ich? Was halte ich in der Hand? Was kommt als Nächstes? Improspieler sind gut geölte Entscheidungsmaschinen, auch unter Unsicherheit. Sie trainieren in jeder Show situativ, mal zu führen, mal zu folgen.

Auf einer leeren Bühne gibt es keine Probleme, deshalb muss man welche erfinden, je größer desto besser. Das Credo lautet: Bringt euch selbst in Schwierigkeiten und dann befreit euch daraus, mit Getöse. Die Problemlösungskompetenz wird hier auf besondere Art trainiert: nicht nur Probleme kreativ lösen, sondern auch kreativ erschaffen.

Publikum und Akteure lieben die Herausforderung, scheinbar Unmögliches zu schaffen. Beispiel: Ein Buchhalter aus Bottrop will nach Südamerika auswandern, um dort die Hazienda seines Bruders zu übernehmen. Auf der gefährlichen Abenteuerreise über Land und Meer stirbt er leider. Ein gutes Ende scheint unmöglich, nur sein Leichnam erreicht die Farm. Dort geschieht das Unmögliche: ein Schamane holt ihn ins Leben zurück! Das konnte nun wirklich niemand ahnen.

Improakteure wagen sich also immer wieder aus der Komfortzone heraus und bringen sich bewusst in Verwirrung. Den dabei erlebten Kontrollverlust lernen sie auszuhalten. Sie können ja mutig Risiken eingehen, denn wenn was schiefgeht, fallen sie weich, siehe oben. Das Impromotto „Scheiter heiter!“ steht hier für Antiperfektionismus und eine gesunde Fehlerkultur. „Agile is values an principles. And nothing guarantees success (Ron Jeffries)“. In den Agile-Improvisation-Workshops animiere ich Teams, die Grenze zur Überforderung zu überschreiten, um dann gemeinsam stilvoll zu scheitern oder es doch noch zu schaffen. Impro trainiert das. Scrum braucht das.

Scrum-Wert „Fokus“: Halte den Kurs!

Der Fokus eines Scrum-Teams ist auf die gemeinsamen Ziele gerichtet: Die gegenwärtige Arbeit und das Produktinkrement im Sprintziel. Kurskorrekturen erfolgen während der Fahrt. Auch Improensembles gehen so vor: Sie konzentrieren sich auf die gegenwärtige Szene, haben dabei die Publikumsvorgaben im Kopf (z. B. Genre, Ort, Titel) und gleichzeitig den Spannungsverlauf im Blick für die Komposition einer guten Geschichte.

Letztlich wollen alle dasselbe: Geschichten hören, zusehen, wie Problem gelöst, Geheimnisse gelüftet oder Widerstände überwunden werden und wie etwas vorangeht in Zeit und Raum. Impro trainiert das. Jeder braucht das.

Resümee

Improtheater fördert generell die Teambildung: Es stärkt Zusammenarbeit und Beziehungen, schult Aufmerksamkeit, verbessert Kommunikation und trainiert Kreativität und Flexibilität. Darüber hinaus schult es wie oben beschrieben noch eine Reihe von konkret übertragbaren Fähigkeiten, die in agilen Teams gebraucht werden.

Noch ein Wert zum Schluss: Habt Spaß und genießt die Fahrt! Diese wichtigste Improregel kann jedes Scrum-Team wohl gut gebrauchen. Die Frage ist nur, was besser ist: Nerds in Impro zu trainieren oder Improspieler zu Nerds auszubilden.

Vielleicht sollte ich eine Lizenz einführen: Der „Certified Agile Improvisation Trainer“ CAIT, inklusive Trainings und Jahresgebühren. Oder gibt’s das schon?

Links & Literatur

[1] Goddard, Paul: „IMPROV-ing agile Teams“, 2015, Agilify Verlag
[2] Koschek, Holger: „Geschichten vom Scrum – Von Sprints, Retrospektiven und agilen Werten“, 2013, dpunkt Verlag
[3] Mathis, Christoph; Wintersteiger, Andreas: „Agile Developer Skills“, 2011, entwickler.press
[4] Jagodowski, T. J.; Pasquesi, David: „Improvisation at the Speed of Life“, 2015, Solo Roma Verlag

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