Tabuthema Burnout 1: Daten, Zahlen, Fakten

Mit Vollgas in den Burnout: Die Gesundheit in der IT-Branche
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80 Stunden pro Wochen arbeiten, im Büro schlafen und von Kaffee, Zigaretten und Fastfood leben: Das gibt es nicht nur im Silicon Valley. Und es ist ungesund. Wie steht es um die Gesundheit der IT-Branche?

Der Burnout ist in aller Munde und doch ein Tabuthema: Wer wirklich davon betroffen ist, schweigt häufig über seinen Zustand, aus Angst um die Karriere. Und das ist durchaus verständlich, wenn man sich ansieht, wie Alex St. John erst im April dieses Jahres über die Arbeitsbedingungen in der Spiele-Branche sprach: Wer dort unbezahlte Überstunden schiebt, habe nämlich gar keinen Grund sich zu beschweren, findet er. Und somit erst recht keinen Grund dafür, krank zu werden. Das bisschen Stress, das ist doch normal! Mit dieser Einstellung ist St. John nicht alleine. Viele Arbeitgeber erwarten von ihren Entwicklern, kurz vor Ablauf der Deadline 80 Stunden und mehr zu arbeiten, um rechtzeitig fertig zu werden.

Wie viel Arbeit ist normal?

Infolge seiner Meinungsäußerung erlebte St. John jedoch, dass diese Sichtweise keineswegs von der gesamten Branche geteilt wird: Zahlreiche Entwickler liefen Sturm gegen seine Vorstellung, dass der Wunsch nach guten Arbeitsbedingungen in der Spieleindustrie nichts zu suchen hätte. Das ist gut so. Diese Ausgangssituation bietet die Bühne für eine offene Diskussion darüber, ob die heutige IT-Branche ihre Angestellten verheizt.

St. Johns Argumentation hat nämlich einen zentralen Fehler: Als er in den 1990er-Jahren 120 Stunden pro Woche für Microsoft arbeitete, bekam er dafür Aktienanteile und machte ein Vermögen damit. Wer heute 80 Stunden pro Woche im Büro verbringt und nur 40 davon bezahlt bekommt, befindet sich aber zumeist in einer ganz anderen Situation. Wertvolle Geschäftsanteile werden nur noch selten an Angestellte verteilt – die Branche hat sich also verändert, die Ansprüche an die Angestellten sind jedoch gleich geblieben. Insofern ist anzunehmen, dass auch die Auswirkungen auf Angestellte heute andere sind als damals.

Und ganz davon abgesehen soll ja selbst St. John 1997 aufgrund eines Burnouts bei Microsoft ausgeschieden sein. Dennoch spricht er heute – wenn Menschen verlangen, nicht dauerhaft über die Grenzen ihrer Belastbarkeit hinaus gehen zu müssen, um ihren Job zu behalten – von einer „Lohnsklaven-Mentalität“, die Unternehmen und Projekten schade. Worum geht es also wirklich?

Burnout-Bedingungen im Silicon Valley

In der Spiele- und Softwareentwicklungsindustrie liegen Vor- und Nachteile so nah bei einander wie nur selten: Moderne Büros mit Chillout-Lounges, kostenlosen Snacks und Kickertischen, sowie ein Überangebot an Stellen locken viele junge Menschen an, die mit hohen Idealen und viel Leidenschaft in den Job starten. Sie investieren gerne etwas mehr Zeit in den Job, weil sie lieben, was sie tun!

Das alles kann aber schnell zur Falle werden: Wer in Schlafsessel für das Büro investiert , hat dabei einen Hintergedanken – nämlich den, dass Angestellte diese Sessel wohl brauchen werden, wenn sie bis spät in die Nacht hinein arbeiten müssen. Und wenn es an Fachkräften mangelt, müssen auch unterbesetzte Teams den Job innerhalb der Deadline erledigen, koste es (menschlich) was es wolle. Wer aber für seinen Job brennt, ohne Erfolge zu sehen oder selbst davon zu profitieren, kann dabei auch ausbrennen.

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Ash Huang ist nur eine von vielen Entwicklerinnen und Entwicklern, Designern und anderen Thought-Workern der IT-Szene, die in den letzten Jahren über ihren Burnout gesprochen hat. Immer lastet diesen Eingeständnissen die Aura des Tabubruchs und des Stigmas an; gerade darum ist es aber so wichtig, dass immer mehr Menschen ihr Schweigen brechen. Eine Menge Blogposts sowie anonyme Diskussionen, beispielsweise auf Reddit, zeigen nämlich, wie groß das Problem ist.

Der Bericht von Ash Huang liest sich kaum anders als der vieler Anderer: Sie berichtet von Erschöpfung bis zum Zusammenbruch, von langen Nächten und wenig Freizeit, von einer plötzlichen Anfälligkeit für Krankheiten und davon, einfach keine Kraft mehr für den Job gehabt zu haben, der ihr doch eigentlich so gut gefiel. Besonders hervor sticht an ihrem Bericht, dass sie nicht nur von sich spricht. Als sie nämlich ihren Freunden davon berichtete, eine Therapie zu beginnen um etwas gegen ihren Burnout zu tun, antworteten diese ihr, dass auch sie in Behandlung seien. Im Silicon Valley, wo Huang ihren Burnout erlebte, sei das normal.

Und in Deutschland?

Die Arbeitsbedingungen von deutschen Spiele-Entwicklern hat das Deutschlandradio Kultur kürzlich unter die Lupe genommen. Markus Richter berichtet im Interview mit Timo Grampes, dass auch hier Überstunden an der Tagesordnung sind. Der sogenannte Crunch vor Fertigstellung des Projekts gehört noch immer zum Standard der Branche – auch in Deutschland wird Tag und Nacht durchgearbeitet, um die Deadline einzuhalten.

Wer„früh“ Feierabend macht um mit der Familie zu Abend zu essen, wird auch hierzulande von den Kollegen schief angesehen, bestätigte ein Brancheninsider gegenüber dem Deutschlandradio Kultur – St. Johns Vorstellungen gelten also nicht nur für die USA. Auch die Folgen sind hier wohl die Gleichen: Viele Arbeitnehmer scheiden frühzeitig aus der Branche aus, gründen eigene Startups oder wechseln den Beruf. Sie versuchen dem Stress zu entkommen oder werden krank davon.

Burnout – was ist das?

Überstunden sind allerdings nur ein Risikofaktor für den Burnout. Wie gefährdet sind Angestellte in der deutschen IT-Branche wirklich? Um diese Frage zu beantworten, sollte man sich einmal damit befassen, was ein Burnout überhaupt ist. Mit dem im Sprachgebrauch verankerten „ausgebrannt sein“, das eigentlich für den Wunsch nach zwei Wochen Urlaub steht, hat ein echter Burnout nämlich nichts zu tun.

Krank von zu viel Stress wird, wer über lange Zeit Höchstleistungen vollbringt, ohne damit Erfolg zu haben. Das hat auch Andrew Dumont, Startup-Gründer von Unternehmen wie Moz, erlebt. Gleich in seinem ersten Startup-Versuch geriet er an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit, als das Unternehmen einfach nicht mehr gut lief. Als guter Gründer investierte er daraufhin natürlich mehr und mehr Energie in das Vorhaben, versuchte verzweifelt, das Ruder herumzureißen. Am Ende musste er aber seinen Alltag und sein Leben überdenken, um überhaupt noch etwas für sein Unternehmen tun zu können: Er brannte aus und benötigte Monate, um sich davon zu erholen.

Neben Überstunden geht es also um den mangelnden Erfolg, der in den Burnout führt; auch Stress spielt eine große Rolle: Dauerhafter Druck macht mürbe. Wer plötzlich immer zynischer wird, keine Freude mehr an seinen Aufgaben empfindet, wenn der geliebte Job egal wird oder wenn der entspannte Kollege plötzlich total unruhig wird, um endlich wieder mal was zu schaffen, wenn dann noch der Ausgleich fehlt: Dann könnte der Burnout drohen.

Risikofaktoren in der deutschen IT-Branche

Über die Risiken für einen Burnout unter deutschen IT-Fachkräften gibt der DGB-Index „gute Arbeit“ Auskunft, der für die Jahre 2012/13 ermittelt hat, wie stark deutsche IT-Fachkräfte durch verschiedene Faktoren im Berufsleben belastet wurden. Eine repräsentative Stichprobe von 230 angestellten Arbeitnehmern wurde für diese Erhebung ausgewertet; Freelancer wurden nicht berücksichtigt. Einbezogen wird hier nicht nur die Spielebranche, sondern die gesamte IT.

70,1 Prozent der Befragten gaben an, dass sie häufig während der Arbeit gestört und unterbrochen werden; 58,2 Prozent empfanden Zeitdruck als Stressfaktor und 37,7 Prozent waren mit ebenfalls als anstrengend empfundenen unklaren Anforderungen im Arbeitsalltag konfrontiert. Darüber hinaus gaben sogar etwa die Hälfte der Befragten an, einfach gar nicht alle notwendigen Informationen für ihre Arbeit zur Verfügung zu haben, während mehr als ein Viertel der Befragten aufgrund ihres stressigen Arbeitsalltags Abstriche bei der Arbeitsqualität machen musste. Das senkt das Gefühl, gute Arbeit zu leisten und erhöht somit das Burnout-Risiko.

Bis zur Rente? Nicht für ein knappes Drittel!

Außerdem sticht in dieser Studie hervor, dass mehr als ein Drittel der Angestellten in der IT angab, auch außerhalb ihrer Kernarbeitszeiten für den Arbeitgeber erreichbar sein zu müssen, was das Abschalten am Abend und am Wochenende erschwert; 22,7 Prozent gaben sogar an, dass sie außerhalb ihrer Arbeitszeit unbezahlt weiterarbeiten. Auch in Deutschland sind Überstunden also nicht selten – und wirken sich negativ auf die Beschäftigten aus.

Insgesamt gaben 32 Prozent der in dieser Studie Befragten an, ihren Job unter den gegenwärtigen Arbeitsbedingungen nicht bis zur Rente ausüben zu können. Das spricht dafür, dass der Burnout auch hierzulande ein relevantes Problem in der IT-Branche darstellt.

Diese Einschätzung bestätigt auch die Studie, die Tim Sturm im Rahmen seiner Masterarbeit durchführte. Er fand über beinahe alle Berufszweige der IT-Branche, beide Geschlechter und alle Altersgruppen hinweg ein erhöhtes Burnout-Risiko für Angestellte. Eine Studie des Jobportals Skjlls aus dem Jahr 2015 kommt zwar zu einem weniger verheerenden Ergebnis; immerhin 13 Prozent der Frontend-Entwickler gaben jedoch auch hier an, im Beruf immer gestresst zu sein. Auch wenn sich in dieser Untersuchung kaum jemand im Burnout-Bereich einordnete, kann ein dauerhaftes Stressniveau langfristig genau dahin führen.

Diagnose Burnout seltener?

Wie häufig es aber tatsächlich zum Burnout kommt, ist schwer zu beurteilen. Das liegt daran, dass es keine einzelne, klare Diagnose für diejenigen gibt, die zum Arzt gehen, wenn der Burnout da ist und sie nicht mehr arbeiten können. Häufig werden in diesem Fall psychische Erkrankungen diagnostiziert, während die Diagnose des „Ausgebrannt seins“ nur als Zusatz verwendet werden kann, aber nicht zwingend benutzt werden muss, selbst wenn sie zutrifft.

In diesem Kontext ist die Pressemitteilung der DAK, mit sechs Millionen Versicherten die drittgrößte deutsche Krankenversicherung, einzuordnen, die in diesem Jahr über sinkende Diagnosezahlen des Burnouts unter ihren Versicherten berichtet. Gleichzeitig, so die DAK, steigen nämlich die Diagnosezahlen psychischer Krankheiten. Das legt den Schluss nahe, dass sich einfach nur die Diagnosepraxis verändert hat, keineswegs aber das Problem des Burnouts rückläufig ist.

Krankheitstage in der IT

Der Psychoreport 2015 gibt außerdem einen Einblick in die Zahl der Krankheitstage aufgrund psychischer Erkrankungen der Versicherten der DAK im Jahr 2014. Spitzenreiter ist hier die Gesundheitsbranche mit 358,3 Krankheitstagen pro 100 Versicherte; die IT liegt mit 218,4 Fehltagen pro 100 Versicherte im oberen Mittelfeld. Der Durchschnitt über alle Branchen hinweg liegt bei 237,3 Fehltagen – die IT schneidet also erst einmal gar nicht schlecht ab und liegt acht Prozent unter dem Durchschnitt.

Dieser Wert sollte allerdings in den Kontext der Gesamtzahl der Krankheitstage pro 100 Versicherte im selben Jahr gesetzt werden. Hier bildet die IT das Schlusslicht der 17 aufgeführten Branchen und liegt ganze 24,5 Prozent unterhalb des Durchschnitts aller Branchen. Insgesamt sind die Beschäftigten in der IT also besonders gesund – im Verhältnis dazu gesehen ist die Zahl psychischer Erkrankungen, zu denen der Burnout gehört, also doch wieder recht hoch.

Warum brennen nicht alle aus?

Es scheint auf den ersten Blick also durchaus zutreffend zu sein, dass Angestellte in der IT-Branche von einem recht hohen Burnout-Risiko betroffen sind. Andererseits brennt aber nicht jeder Angestellte aus, der Crunch-Zeiten durchlebt und manche Nacht durcharbeitet. Insofern muss es neben den bereits betrachteten allgemeinen Faktoren weitere Auslöser für einen Burnout geben.

Was Agile damit zu tun hat und wie sich IT-Profis vor dem gefürchteten Karriereknick schützen können, betrachten Teil 2 und 3 der Artikelserie zum Tabuthema Burnout.

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