Der große Jahresrückblick

Das Entwickler-Nähkästchen: Die Tech-Trends des Jahres 2020
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Jedes Jahr befragen wir unsere Autoren und Autorinnen zu ihren Trends des Jahres. Welche Technologie war in diesem Jahr besonders wichtig, was wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen? Auch in diesem Jahr haben wir zahlreiche Antworten für euch zusammengetragen. Im ersten Teil geht es um das aktuelle Jahr und die Technologien, die in Erinnerung bleiben.

Zum Jahresende schaut man traditionell auf die letzten 12 Monate zurück. Wie war das Jahr, was war wichtig? Diese Frage stellen wir jedes Jahr unseren Autoren – natürlich in Bezug auf Technologien. Dieses Jahr lässt sich das Thema aber nicht ganz von den anderen Entwicklungen trennen, die wir erlebt haben. An dieser Stelle soll aber den Antworten unserer Autoren nicht vorweg gegriffen werden. Hier ist der erste Teil unseres großen Entwickler-Nähkästchens 2020.

Dein Blick zurück: Welche technologische Entwicklung im Jahr 2020 ist bei dir persönlich am meisten hängen geblieben?

Sandra Parsick: Am meisten hängen geblieben ist die Bewegung in der Container-Welt. Gefühlt jeden Tag war ein neues Tool, neue Vorgehensweisen, etc. zu lernen. Das erinnert mich ein wenig an die Bewegung in der JavaScript-Welt vor 10 Jahren.

Wolfgang Weigend: Die GraalVM EE 20.3, als Long-Term-Support Release, mit ihrem aktuellen Reifegrad, hat mich in diesem Jahr besonders beeindruckt. Neben der GraalVM JIT-Compiler-Performance und den polyglotten Eigenschaften, steht das GraalVM Native Image im Vordergrund. Die Erzeugung von eigenständigen Binaries, mit minimaler Start-up-Zeit und geringem Memory-Verbrauch, ist für die Microservice-Frameworks Quarkus.io, Micronaut und Helidon sowie für Spring Boot extrem vorteilhaft.

Stephan Rauh: Die Abschaffung des täglichen Staus im Berufsverkehr. So ungern ich ins Homeoffice gewechselt bin, so sehr genieße ich seine Vorteile!

Michael Vitz: Wie vermutlich bei vielen anderen auch hat sich dieses Jahr, durch die Pandemie, vor allem viel in Bezug auf das Thema Remote-Arbeit geändert. Neben organisatorischen Themen hat sich hier auch technisch eine Menge getan. Plötzlich ist es für mich möglich, unseren Kunden per Chat und Video/Audio von zu Hause aus zu helfen, ohne längeres Reisen. Abseits davon hat sich an der Technik, die ich in Projekten einsetze, dieses Jahr nichts revolutionäres getan. Java funktioniert nach wie vor, hatte aber kein Major-Release, das wir einsetzen und auch im Spring-Umfeld gab es kein „aufregendes“ neues Release dieses Jahr.

Falk Sippach: Die eine konkrete Technologie kommt mir da jetzt nicht in den Sinn. Aber die noch jungen Microservice-Frameworks wie Quarkus und Micronaut entwickeln sich meiner Meinung nach prächtig. Das im Zusammenhang mit dem wachsenden Cloud-Markt und dem GraalVM Native Image wird wohl in der nächsten Zeit ein spannendes Thema bleiben.

Christian Kaltepoth: Da ich persönlich seit über 10 Jahren im Java EE- bzw. Jakarta EE-Umfeld aktiv bin, ist für mich das Release von Jakarta EE 9 natürlich ein sehr großes und wichtiges Ereignis gewesen. Es passt allerdings nicht so gut in die Kategorie „technologische Entwicklung“. Vor allem, weil Jakarta EE 9 bezüglich des Funktionsumfangs exakt dem Vorgänger entspricht. Allerdings enthält dieses Release die große Umstellung auf die Jakarta-Paketnamen, die sicherlich eine der größten Herausforderungen für die ganze Java-Welt mit sich bringt. Zumindest wird uns dieses Thema sicherlich auch in den nächsten Jahren noch beschäftigen.

Thorben Janssen: Auch wenn die Version 1.0.0 von Quarkus bereits Ende 2019 erschienen ist, hat es aus meiner Sicht die technologische Entwicklung in 2020 stark geprägt. Mit GraalVM und Quarkus haben wir nun einige Möglichkeiten leichtgewichtige und komplexe Anwendungen mit Java zu entwickeln.

Gleichzeitig habe ich in vielen Projekten eine kritischere Bewertung von Microservice-basierten Architekturen erlebt. Viele Teams möchten ihre Services wieder größer schneiden um Kommunikation und Datenaustausch zwischen ihren Services zu vermeiden. Es wird interessant sein zu sehen, wie sich diese beiden Trends in Zukunft gegenseitig beeinflussen und in welche Richtung sich die Softwarearchitektur weiterentwickelt.

Michael Hofmann: Mit dem Istio-Release 1.6 wurden die größten Hürden für die Administration überwunden. Das Feedback aus der Community, dass man als Admin mit einem komplexen System zu kämpfen hat, wurde erhört. Durch das Zusammenlegen von vielen einzelnen Istio-Services zu einem zentralen Dienst (istiod) wird der Aufwand für die Ops-Seite stark reduziert. Das Hauptkriterium für dieses Release war „simplify, simplify, simplify“. Hinzu kommen noch weitere Verbesserungen, die beispielsweise ein Rolling Update ermöglichen. Zu guter Letzt hat sich auch die Fehlersuche stark vereinfacht, da jetzt nicht mehr in mehreren verteilen Services nach der Ursache gesucht werden muss.

Tim Zöller: Am meisten beeindruckt haben mich die Neuerungen in den Java-Versionen dieses Jahr. Dabei stechen Records noch einmal hervor, da bin ich sehr auf die finalen Entwicklungen gespannt.

Dr. Holger Schwichtenberg: Die erste Version von Blazor WebAssembly, die im Mai 2020 erschienen ist! Sie ist sicherlich noch nicht perfekt, aber es ist der Anfang einer Revolution der Browser-Programmierung. .NET-Entwickler müssen nicht mehr JavaScript oder TypeScript lernen und bestehende Code-Basen auf eine andere Programmiersprache umschreiben, um echte Single-Page-Web-Applications bzw. Progressive Web Apps zu programmieren.

Sebastian Springer: Der Satz, der bei mir 2020 hängen geblieben ist und der für mich auch so ein bisschen 2020 zusammenfasst: „No new Features“.  Das war die Release-Zusammenfassung von React 17. Wir befinden uns im Moment an einem Punkt, an dem unsere Tools einen Grad der Komplexität erreicht haben, an dem sich die Maintainer echt schwer tun, größere Änderungen zu integrieren. Und das betrifft nicht nur React mit seinem Concurrent Mode, auch Angular hat sich mit Ivy schwer getan, aber auch Vue mit seiner Version 3 ist da keine Ausnahme. Das ist jetzt aber weniger ein Vorwurf in Richtung der Maintainer, sondern eher ein Aufruf an uns alle, dass wir unsere Erwartungshaltung an die (Open Source!) Werkzeuge, die wir tagtäglich nutzen, neu justieren sollten.

Ansonsten war 2020 für mich eher eine Evolution als eine Revolution. Es gab mehr Bibliotheken und Werkzeuge, die die Entwicklung vereinfachen. Eine nette Abwechslung war hier vielleicht noch Svelte, wobei das Framework auch nicht wirklich neu ist. Es verfolgt allerdings einen interessanten und leichtgewichtigen Ansatz.

Daniel Mies: Im Frontend sind in diesem Jahr zwei Frameworks besonders aufgefallen: Zunächst Vue.js, welches mit der Version 3.0 nochmal einen großen Sprung gemacht hat und vor allem mit TypeScript Support und Composition API auf sich aufmerksam gemacht hat. Etwas kleiner, aber dafür umso spannender war das Thema Svelte, das auf einen eigenen Compiler setzt und damit sehr performante und kleine Anwendungen ermöglicht. Das Thema JAMStack ist ebenfalls nochmal aufgekocht und zeigt wahrscheinlich, wie wir in den nächsten Jahren Webseiten und Anwendungen bauen können.

Roman Schacherl: Mich fasziniert immer, womit ich mich gerade beschäftige: in diesem Fall der neue Metrics Advisor Service aus den Azure Cognitive Services. Damit Machine Learning und künstliche Intelligenz greifbar werden, muss ein niederschwelliger Einstieg in die Materie gefunden werden – und die Cognitive Services machen eine großartige Arbeit in diese Richtung.

Die Fragen stellten Dominik Mohilo, Hartmut Schlosser, Maika Möbus und Ann-Cathrin Klose.

Die Expert*innen

Sandra Parsick ist als freiberufliche Softwareentwicklerin und Consultant im Java-Umfeld tätig. Seit 2008 beschäftigt sie sich mit agiler Softwareentwicklung in verschiedenen Rollen. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Java-Enterprise-Anwendungen, agile Methoden, Software Craftsmanship und der Automatisierung von Softwareentwicklungsprozessen. In ihrer Freizeit engagiert sie sich in der Softwerkskammer Ruhrgebiet.


Wolfgang Weigend arbeitet als Master Principal Solution Engineer bei der Oracle Global Services Germany GmbH im weltweiten Java Team. Er beschäftigt sich mit Java-Technologie, GraalVM und Architektur für unternehmensweite Anwendungsentwicklung.


Stephan Rauh arbeitet als Solution Architect bei der OPITZ CONSULTING und führt dort – neben vielen anderen Aufgaben – Workshops und Trainings für Angular, Spring und Microservices durch. In seiner Freizeit kümmert er sich um die Open-Source-Frameworks ngx-extended-pdf-viewer, BootsFaces und natürlich seinen Blog, der – noblesse oblige! – eine Angular-Anwendung ist.


Michael Vitz ist Senior Consultant bei innoQ und verfügt über mehrjährige Erfahrung in der Entwicklung und im Betrieb von JVM-basierten Systemen. Zur Zeit beschäftigt er sich vor allem mit den Themen Microservices, Cloud-Architekturen, DevOps, Spring-Framework sowie Clojure.


Falk Sippach ist bei der embarc Software Consulting GmbH als Softwarearchitekt, Berater und Trainer stets auf der Suche nach dem Funken Leidenschaft, den er bei seinen Teilnehmern, Kunden und Kollegen entfachen kann. Bereits seit über 15 Jahren unterstützt er in meist agilen Softwareentwicklungsprojekten im Java-Umfeld. Als aktiver Bestandteil der Community (Mitorganisator der JUG Darmstadt) teilt er zudem sein Wissen gern in Artikeln, Blog-Beiträgen, sowie bei Vorträgen auf Konferenzen oder User Group Treffen und unterstützt bei der Organisation diverser Fachveranstaltungen.


Christian Kaltepoth (christian@kaltepoth.de) arbeitet als Senior Developer bei ingenit GmbH & Co. KG in Dortmund. Sein Schwerpunkt ist die Entwicklung von webbasierten Anwendungen auf Basis von JSF, JPA und CDI/Spring. Twitter: @chkal


Thorben Janssen ist als freiberuflicher Trainer und Autor tätig und entwickelt seit mehr als zehn Jahren Anwendungen auf Basis von Java EE. Er arbeitet zurzeit als Senior Developer und Architekt bei der Qualitype GmbH, ist Mitglied der JSR 365 (Contexts and Dependency Injection for JavaTM 2.0) Expert Group und schreibt auf seinem Blog über Java und Java EE.


Michael Hofmann ist freiberuflich als Berater, Coach, Referent und Autor tätig. Seine langjährigen Projekterfahrungen in den Bereichen Softwarearchitektur, Java Enterprise und DevOps hat er im deutschen und internationalen Umfeld gesammelt.


Tim Zöller arbeitet als IT Consultant bei ilum:e informatik ag in Mainz und entwickelt seit zehn Jahren Software. Er hilft Unternehmen dabei, ihre Prozesse mit Java zu digitalisieren und beschäftigt sich privat mit Blockchains und Clojure.


Dr. Holger Schwichtenberg (MVP) – alias „Der DOTNET-DOKTOR“ – gehört zu den bekanntesten .NET- und Webexperten in Deutschland. Er ist Chief Technology Expert bei der Softwaremanufaktur MAXIMAGO. Mit dem Expertenteam bei www.IT-Visions.de bietet er zudem Beratung und Schulungen für andere Unternehmen an. Seit 1998 ist er ununterbrochen Sprecher auf jeder BASTA!-Konferenz und Autor von mehr als 70 Fachbüchern.


Sebastian Springer ist JavaScript-Entwickler bei MaibornWolff in München und beschäftigt sich vor allem mit der Architektur von client- und serverseitigem JavaScript. Sebastian ist Berater und Dozent für JavaScript und vermittelt sein Wissen regelmäßig auf nationalen und internationalen Konferenzen.


Daniel Mies arbeitet als Senior IT Consultant bei der codecentric AG. Seine Leidenschaft gilt der modernen Frontend-Entwicklung und Webstandards. In seiner Freizeit podcastet er unter https://mies.me.


Roman Schacherl ist Gründer und Geschäftsführer der Firma softaware gmbh und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit moderner Softwareentwicklung, vorwiegend im Microsoft-Umfeld. Roman ist nebenberuflich Lehrender an der FH Oberösterreich und als Sprecher auf Entwicklerkonferenzen im deutschsprachigen Raum tätig. Er wurde bereits mehrfach mit dem Microsoft MVP Award in der Kategorie „Artificial Intelligence“ ausgezeichnet.

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