Offline-Piraterie ermöglicht Kubanern den Konsum digitaler Medien

El Paquete Semanal – so geht Internet auf kubanisch
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Kuba ist in vielen Bereichen vom Rest der Welt abgeschnitten – vor allem, was den Zugang zum Internet betrifft. Doch die Kubaner haben einen cleveren Weg gefunden, um Filme, Musik und andere digitale Medien zu konsumieren: „El Paquete Semanal“ – eine 1 Terabyte große Sammlung raubkopierter Inhalte, die wöchentlich unter der Hand verkauft und verbreitet wird.

Die mediale Welt liegt uns zu Füßen. Möchten wir Filme und TV-Serien anschauen oder Musik eines bestimmten Interpreten hören, führt uns der Weg ins Netz. Amazon, Netflix, Maxdome oder iTunes – der gewünschte Blockbuster oder Chart-Hit ist nur wenige Klicks entfernt.

Wer sich wie ich allerdings noch daran erinnern kann, wie Medien vor den Zeiten des Internets, vor MP3s und vor Streaming-Diensten konsumiert wurden, weiß, dass man damals doch tatsächlich ins Geschäft, ins Kino oder in die Videothek gehen musste. Dinge, die einem heute wie tiefstes Mittelalter vorkommen.

Kein Zugang zum Web

Nun, in Kuba ist die Netzinfrastruktur noch genau das: mittelalterlich. Online-Zugänge sind kaum vorhanden. Laut Angaben der unabhängigen Watchdog-NGO Freedom House kann die große Mehrheit der Kubaner nicht auf das globale Web zugreifen. Stattdessen ist oft nur ein von der Regierung kontrolliertes, stark zensiertes Intranet vorhanden. Lediglich geschätzte fünf Prozent der Kubaner haben regelmäßig Zugang zum World Wide Web – meist in Regierungsinstitutionen oder den Botschaften anderer Staaten und mit sehr niedriger Geschwindigkeit. Mit schnellem Breitband-Internet surfen? Einen Yeti beim Sonnenbaden am Strand von Havanna zu beobachten ist wahrscheinlicher.

Breitband-Internet? Keine Chance!

Um die restliche Medienwelt ist es ebenfalls kaum besser bestellt: Nur staatliche TV-Sender sind erlaubt, Zeitungen und Magazine operieren auf Basis von Regierungsgenehmigungen. Auch nach dem medienwirksamen Besuch von US-Präsident Barack Obama und der voranschreitenden Öffnung Kubas dürfte sich an dieser traurigen Situation so schnell nichts ändern.

Doch wenn man in Kuba seit Beginn der kommunistisch-sozialistischen Herrschaft 1959 eins gelernt hat, dann ist es improvisieren. Und selbst restriktive Gesetze und andere Repressionen können diesen Improvisationsgeist nicht aufhalten.

Peer-to-Peer-Netzwerke – im echten Leben

Was also tun, wenn es so gut wie keine Möglichkeit gibt, das Internet zu nutzen und der Weg zu anderen Medien versperrt ist? Einfach das eigene Medienschicksal selbst in die Hand nehmen und etwas gegen diese kulturelle Isolation unternehmen!

Genau das tun die Kubaner seit mehr als einem Jahrzehnt. Langsam aber stetig hat sich eine besondere Form von Peer-to-Peer-Networks herausgebildet. Dabei sind Netzwerke entstanden, die außerhalb des Internets, in der ‚realen‘ Welt existieren. Denn Computer für den Konsum digitaler Medien sind in dem karibischen Inselstaat durchaus vorhanden.

El Paquete Semanal

Das gefragteste Produkt in diesen realen „Peer-to-Peer“-Netzwerken ist „El Paquete Semanal“ („das wöchentliche Paket“), eine rund ein Terabyte große Sammlung digitaler Inhalte, die unter der Hand weitergegeben bzw. verkauft wird. Das Medienpaket enthält Filme, TV-Sendungen, Dokus, Musik, Comics, Software, Zeitschriften im PDF-Format, aber auch ganze Websites, beispielsweise mit News und Tipps zu IT-Technologien oder für Gewerbetreibende.

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Internetzugang, ganz zu schweigen von mobilem Internet, ist in Kuba nur schwer zu bekommen (Quelle: rmnoa357 / Shutterstock.com)

Einzelne Inhalte des „Paquete“ kann man sich schon ab einem US-Dollar auf einen eigenen USB-Speicher kopieren lassen. Man muss also nicht das komplette Terabyte erwerben – kaum jemand tut das. Stattdessen ist es sogar möglich, bestimmte Inhalte anzufragen. Hat man Glück, sind diese dann in einem der nächsten Pakete enthalten. Konsumiert werden die Inhalte des „El Paquete“ nicht nur über Computer. Denn obwohl es kaum Internetzugänge gibt, haben dennoch Smart-TVs in Kuba Einzug gehalten und viele Kubaner besitzen Fernseher mit USB-Mediaplayern.

Quellen sind unbekannt

Die Geschichte von „El Paquete“ schildert der Künstler und Autor Ernesto Oroza in „The Pirate Book„, einem „Free-to-download“-Kompendium mit Beiträgen rund um das (Ver)Teilen von Kulturgütern außerhalb der herkömmlichen Wege, die durch Politik, Gesetze oder Wirtschaftssysteme vorgezeichnet sind. Oroza zufolge hatte alles vor knapp 15 Jahren mit einer kleinen USB-Festplatte begonnen. Die darauf enthaltenen Dokus, Filme und Songs wurden von Nachbar zu Nachbar weitergegeben.

Die Quellen, aus denen sich das Material für „El Paquete“ speist, sind weitestgehend unbekannt. Angeblich stammt die Mehrheit der Inhalte aus Onlinequellen – von Ausländern, die in Kuba für ausländische Unternehmen arbeiten und Zugang zu Satellitenschüsseln haben, um damit ins Netz zu gehen. Darüber hinaus werden USB-Speichermedien über dunkle Kanäle regelmäßig von Miami nach Kuba „transferiert“.

Verbot und Duldung

Naturgemäß ist der Regierung „El Paquete“ seit jeher ein Dorn im Auge: Insbesondere fürchtet das sozialistische Einparteiensystem die „Kontaminierung“ durch US-amerikanische Kultur. Doch das intellektuell-politische Element – bzw. das Fehlen desselben – ist nur eine Seite der Medaille. Ebenso groß sind Befürchtungen, „El Paquete“ könnte staatsfeindliche Propaganda von kubanischen Bürgern verbreiten.

Brot und Spiele für das Volk?

Entsprechend schnell wurde das Terabyte medialer Freiheit für illegal erklärt. Wer beim Verkauf erwischt wird, kann sogar ins Gefängnis wandern. Doch die Regierung setzt dieses Verbot alles andere als vehement durch, weswegen „El Paquete“ nahezu ungestört im Untergrund floriert und sich ein komplexes System von Distributoren und Konsumenten herausgebildet hat. Laut Recherchen des vox.com-Journalisten Johnny Harris buhlen beispielsweise in Havanna zwei große „Paquete“-Dealer um die Gunst der Kundschaft. Die Nase vorn hat in der Regel derjenige, der die besten Inhalte bietet und sie am schnellsten an die Kunden ausliefern kann. Zugestellt wird das „Paquete“ entweder direkt nach Hause oder man begibt sich ins Hinterzimmer von Mobilfunkläden, um dort die Transaktion vorzunehmen.

Das Wegschauen der Behörden und die Tatsache, dass nie pornografische oder regierungskritische Inhalte im Paket zu finden sind, nährt allerdings Spekulationen, wonach auch Regierungsmitarbeiter hinter „El Paquete“ stehen und gezielt Inhalte bereitstellen. Eventuell also ein Fall von „Brot und Spielen“ für das Volk?

Regierungsalternative zu langweilig

Egal ob die Regierung beteiligt ist oder nicht: Der Staatsapparat hat bereits versucht, mit einem Konkurrenzprodukt gegen „El Paquete“ vorzugehen. Das von der Regierungs lancierte Datenpaket „Maletìn“, was auf Spanisch so viel heißt wie „Koffer“, bestand aus staatlich autorisierten Filmklassikern, Musik und sogenanntem „Bildungsmaterial“. Doch die Bevölkerung nahm die Alternative nicht an – zu langweilig und zu durchsetzt von Propaganda waren die Inhalte im Vergleich zum echten „Paquete“.

Interessante Notiz an Rande: Ähnlich wie die ‚Verfasser‘ des Originals nimmt es auch die kubanische Regierung mit dem Urheberrecht nicht besonders genau: So wie im kubanischen Staatsfernsehen in der Vergangenheit regelmäßig Hollywood-Filme liefen, für die man nicht die notwendigen Ausstrahlungsrechte besaß, setzte sich auch das „Maletìn“ aus geklauten Inhalten zusammen – quasi staatlich legitimierte Produktpiraterie.

Raubkopien sind in Kuba  gang und gäbe. Nicht nur Straßenhändler, auch der Staat kopiert kräftig urheberrechtlich geschütztes Material (Quelle: rmnoa357 / Shutterstock.com)

Raubkopien sind in Kuba gang und gäbe. Nicht nur Straßenhändler, auch der Staat kopiert kräftig urheberrechtlich geschütztes Material (Quelle: rmnoa357 / Shutterstock.com).

Hohe Kosten

Die Komplettversion des „El Paquete“, sprich das ganze Terabyte, kostet die Kunden rund einen Peso convertible, auch CUC genannt. CUC ist neben dem kubanischen Peso die zweite Währung auf der Insel und dient als Verrechnungseinheit zwischen kubanischen Unternehmen sowie als Zahlungsmittel im Einzelhandel für höherwertige Konsumartikel. Dank fixem Wechselkurs entspricht ein CUC immer einem US-Dollar. Das sind nach derzeitigem Stand 0,89 EUR.

Ein CUC klingt nicht viel, doch in einem Land, in dem das monatliche Durchschnittsgehalt zwischen 15 und 20 CUCs liegt, ist das durchaus eine Hausnummer. Allerdings relativieren die kubanischen Wohnverhältnisse die vermeintlich hohen Kosten, denn das „Paquete“ wird oft innerhalb von Familien weitergereicht bzw. geteilt.

Kubanisches Kulturgut

Mittlerweile ist „El Paquete“ nicht nur Wegbereiter, sondern das wichtigste Outlet für eine Vielzahl kubanischer Medienproduzenten – und damit auch verantwortlich für die Entstehung neuer Jobs abseits staatlich kontrollierter Medien. In einem Land, in dem kaum jemand auf die Internetpräsenzen einheimischer Medien zugreifen kann, generiert „El Paquete“ eine Reichweite, die momentan in Kuba seines Gleichen sucht. Sollte der Staat in Zukunft die Zensur des Webs zurückfahren, sind die Tage des „Paquete“ womöglich gezählt. Doch aktuell ist „El Paquete“ so populär, dass man es als kubanisches Kulturgut bezeichnen muss.

Aufmacherbild: unmillonedeelefantes / Shutterstock.com

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