Hoch die Tassen! User-Experience-Insights von betrunkenen Testern

Bechern für bessere UX – Testen mit Promille
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Der erste Eindruck zählt – vor allem online. Aufgrund des schier überwältigenden Angebots im Web müssen UX-Designer beim Gestalten einer Webseite besonders einfallsreich sein: eine unverständliche Navigation oder langsame Ladezeiten lassen User ganz schnell verschwinden. Oft entwerfen Webdesigner ihre Sites nämlich nicht nach den Wünschen der Nutzer, sondern nach ihren eigenen Designmaximen. Um eine bessere Nutzerfreundlichkeit zu bieten, helfen neue, effektivere Gestaltungsvarianten – wie zum Beispiel das UX-Design für Betrunkene.

Was sich zuerst wie ein Scherz anhören mag, ist aber vollkommen ernst gemeint. Ziel und Aufgabe eines User-Experience-Designers ist es, vorauszusehen, was User sich von einer Webseite wünschen und welche Interaktionsprobleme möglicherweise auftreten können. Die Nutzererfahrung sollte im Vordergrund stehen und die Usability Grundgedanke sein.

Als Designer und Entwickler kennt man die eigene Webseite ganz genau – man weiß, welchen Content sie anzeigt und wie man zu navigieren hat. Für die späteren Nutzer allerdings ist eine Site zunächst einmal fremd – deshalb ist es wichtig, dass man sofort versteht, welcher Inhalt vermittelt wird und wo man welche Informationen findet. Fehler, die Designern möglicherweise entgehen, werden von den Usern direkt aufgedeckt. Dazu kommt, dass die wenigsten User mit hundertprozentiger Konzentration eine Webseite besuchen, sondern vielmehr nebenher über andere Dinge nachdenken. Aus diesem Grund sollte eine Site so einfach wie möglich gestaltet werden – und wer bietet sich da als Testobjekt besser an als ein Betrunkener?

UX-Design für Betrunkene

Das hat sich auch Richard Littauer gedacht und die Seite „The User Is Drunk“ ins Leben gerufen. Die Idee kam ihm ganz klassisch:

Ich überprüfte nach einer Partynacht eine Webseite für einen Freund und dachte mir „Hey, das ist eigentlich ziemlich nützliches Feedback, das ich hier gebe“. Zugegeben, da wird vermutlich das Bier aus mir gesprochen haben, aber ich habe mich entschieden, daraus eine Webseite zu erstellen und das Ganze als Service anzubieten. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es viral geht – aber so ist es passiert.

Littauer ist hauptberuflich UX-Designer sowie Full-Stack-Entwickler und testet nebenher Webseiten auf Usability. Sein unorthodoxer Ansatz: Bechern für bessere UX.

One of the core tenets of UX is that you’ve got to design like „the user is drunk.“ Any feature of your site has to be able to be used by someone who could be drunk – because, invariably, the user will mess it up otherwise. Wonderful idea. The thing is, it is hard to test. I and a lot of beer will test this for you.

An sich keine schlechte Idee. Denn ein betrunkener User ist oft ein ehrlicher User: Lange Texte sind uninteressant, wichtiger ist eine eindeutige, klare Linie, die den Content genau vermittelt. Funktioniert dann noch etwas auf einer Webseite nicht, sind betrunkene Nutzer schnell wieder weg. Während man nüchtern vielleicht eher einige Fehler verzeiht, ist ein betrunkener Nutzer wesentlich kritischer und unberechenbarer – und findet eine Seite im wahrsten Sinne des Wortes schneller zum Kotzen.

Alkohol, du edler Geist…

Littauer ist zwar nicht der erste, der diese Idee hatte – der Australier Will Dayble veröffentlichte bereits 2013 ein Video mit einem ähnlichen Ansatz –, aber der erste, der betrunkenes UX-Testing als Service anbietet und damit Geld verdient. Dayble versucht dem Zuschauer zu erklären, warum man User Interfaces so designen sollte, dass auch Betrunkene sie verstehen und bedienen können. Und natürlich bietet es sich an, während solch einer Erklärung selbst einen zu trinken:

Das Bookmarklet „Drunk User Testing„, mit dem man beliebige Seiten im „betrunkenen“ Zustand ansehen kann, ist eine weitere Variante des UX-Testings. Aktiviert man das Tool, werden Webseiten verschwommen und wackelnd dargestellt – mit einem Augenzwinkern soll so gewährleistet werden, dass auch betrunkene User eine Webseite bedienen können.

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Aus den von ihm gemachten Erfahrungen hat Littauer acht Punkte abgeleitet, auf die UX-Designer besonders achten sollten – what you can do today to make your site just that much better for drunk — and, more importantly, sober — users.

1.

Nicht zu viel Text

Eine Textflut ist selten das, was den Nutzer anspricht. Eine Webseite sollte nicht nur auf das „Stammpublikum“ abzielen, das den Inhalt kennt und deswegen auch gerne einmal ein paar Minuten durch Blöcke von Text scrollt, sondern auch auf Leute, die neu auf der Webseite sind:

They need explanation about the context for your website as well, or they’ll never be potential customers.

Neue User suchen nach Antworten auf eigentlich simple Fragen: Was ist das für eine Webseite? Warum sollte ich auf der Seite bleiben? Wer betreibt sie? Alle diese Fragen können kurz und knapp beantwortet werden – sogar ohne jeglichen Text. Ein Beispiel für gutes UX-Design ist der japanische Online-Shop Gilt: Die URL und die Startseite zeigen auch neuen Usern direkt an, um was es geht.
2.

Zielpublikum definieren

Oft wird nicht deutlich, wen Webseiten adressieren. Zwar ist klar, dass sich jede Seite an Menschen richtet, doch gibt es da ja ganz klar Interessensunterschiede. So kommt es vor, dass nicht deutlich wird, ob man als Normalsterblicher die Dienste einer Webseite tatsächlich auch in Anspruch nehmen kann – oder ob sie sich vielleicht nur an Kapitäne mit mehreren Doktortiteln und Vollbart richtet. Findet man Sinn und Zweck einer Webseite aber nicht heraus, ist es sehr wahrscheinlich, dass man sie schnell wieder verlässt.

Dagegen hilft das Überprüfen der Absprungrate – eine niedrige Bindungsrate zeigt an, dass Nutzer den angebotenen Dienst nicht sonderlich hilfreich finden. Auch ein Blick auf den Userflow kann helfen: Klicken viele Nutzer auf den „About“-Link? Das zeigt, dass nicht sofort klar wird, was angeboten ist. Schließlich bleibt nur die Festlegung von Nutzerrollen und die Bewertung aus deren Sicht – und ein Redesign.
3.

Bedürfnisse erfüllen

Auch sollte man sich fragen, welche Nutzer-Bedürfnisse man mit seiner Webseite bedient. Denn niemand besucht eine Webseite einfach so, sondern sucht gezielt nach etwas – seien es Informationen, Produkte oder lustige GIFs.

Make sure they know that you can provide what they are looking for, because the rest is just the details.

Man stelle sich vor, User wollen Nutella. Falls man bereits selbst Nutella verkauft – herzlichen Glückwunsch! Jetzt muss das Ganze nur noch ordentlich kommuniziert werden. Befriedigt man das Bedürfnis nach Nutella nicht, sollte man den Nutzern klarmachen, warum beispielsweise die selbstgestrickten Socken die beste Alternative sind. Ein gelungenes Beispiel dafür ist die Seite meh.com, die jeden Tag einen anderen zufälligen Amazon-Artikel anbietet.
4.

Keine Wiederholungen

Auf keinen Fall sollten Nutzer mit Wiederholungen gelangweilt werden: Was im zweiten Abschnitt des Texts so spannend und passend war, kann man doch getrost auch nochmal im sechsten Absatz wiederholen? Nein. Denn kein Nutzer wird sich „Das ist wichtig! Ich lese es einfach nochmal!“ denken, sondern den Teil oder schlimmstenfalls den ganzen Artikel überspringen. Damit schafft man Usern eine Entschuldigung zum Abschalten – und zum Verlassen der eigenen Webseite.
5.

Unwichtige Dinge verbergen

UX-Designer sollten sich beim Erstellen einer Webseite bewusst sein, dass Nutzer früher oder später eben diese verlassen – egal, wie gut oder interessant der Inhalt ist. Aus diesem Grund ist es wichtig, die richtigen Dinge in den Fokus zu rücken. Gleichzeitig sollte kein Informationenüberfluss herrschen, sondern eine klare Struktur:

What you want to guarantee with your design — your pictures, your layout, your copy, everything on your site — is that your users learn during that time what you offer them, how they can get it, and where to do so. This can be information, or it could be a Snuggie.

6.

Verlinkungen prüfen

Ein einfacher, aber dennoch wichtiger Punkt: Die gesetzten Links müssen funktionieren. Nach jedem Launch sollten alle Links, die sich seit dem letzten Build geändert haben könnten, angeklickt werden. Denn tote Links führen dazu, dass User die Qualität einer Webseite abwerten:

A dead link […] leave[s] me thinking the entire product is half-done. This can leave me disengaged, disorientated, and be deadly to your business model.

7.

Mehr Sein als Schein

Nicht jede Webseite benötigt einen superausgefallenen Look, bei dem es vor Designelementen nur so wimmelt. Zwar sollte eine Seite auch ansprechend gestaltet sein, dennoch kommt es immer auf den Inhalt an. Parallel zu Punkt 2 und 3 stellt sich auch hier die Frage, wen die Webseite ansprechen soll und welcher Content dort zu finden ist. Will ich nur technische/fachliche Informationen konsumieren, reicht vielleicht eine einfach gehaltene Webseite mit reinem Text – ähnlich dem Blog von Jeffrey Picard. Betreiber eines Onlineshops hingegen sollten dann doch das eine oder andere Bild ihrer Produkte einbinden…
8.

Web-Standards nutzen

Sich im Web umzuschauen, schadet nie. Wie bauen Konkurrenten ihre Webseite auf? Und welche Konkurrenz gibt es überhaupt? Damit es nicht so aussieht, als wäre die eigene Webseite aus der Not heraus geboren, sollte sie sich den vorhandenen Web-Standards anpassen und so die aktuellen Design-Trends widerspiegeln.

Am allerwichtigsten aber ist, dass sich die eigene Webseite von anderen abhebt. Moment mal, widerspricht das nicht allem, was wir zuvor festgestellt haben? Genau – konform, aber eben auch nonkonform. Warum ist das angebotene Produkt oder die Information besser als die anderer? Warum bietet genau die Webseite das, was der User sucht? Diese Punkte müssen herausgestellt werden und aufzeigen, weshalb die User Experience gerade dort zufriedenstellend ist:

Make it memorable. Make it awesome. Make it so that even a drunk person goes back later.


UX wie bei Muttern

Mittlerweile hat Littauer übrigens das Projekt eingestellt, da er sich nicht länger professionell betrinken, seine Leber schonen und seinen Kunden konstant gute Reviews liefern möchte. In Zukunft widmet er sich unter anderem mit seinem Freund Scotty Allen der Webseite „The User is my Mom“. Dort testet Scottys Mutter Webseiten und evaluiert sie aus Sicht der älteren Generation. Zudem fokussiert er sich auf Open-Source-Projekte, steht aber jederzeit für UX-/UI-Testanfragen zur Verfügung. Uns hat er ein paar Fragen zum (betrunkenen) UX-Testing beantwortet:

entwickler.de: Was ist die wichtigste Eigenschaft für deinen Job?

Man sollte in der Lage sein, relevante Hilfestellungen zu geben und zu wissen, was man tut. Manchmal war ich zu betrunken und habe bei eindeutigen Dingen versagt. Das ist ok, aber es führt zu keinem besonders guten Review – zumindest sollte erkennbar sein, was man gerade vermasselt.

entwickler.de: Nach deinen Erfahrungen im betrunkenen UX-Testing: Was machen Entwickler falsch?

Sie setzen eine Menge voraus. Nimmt man aber an, dass Nutzer nichts über dich oder deine Webseite wissen, führt das zu völlig anderen Planungen. Viele Leute haben zu viel Text auf ihrer Webseite, aber nicht genügend relevanten Kontext und denken dann, dass die Nutzer lange genug bleiben, um eine ganze Seite zu lesen. Das stimmt aber nicht.

entwickler.de: Warum ist es wichtig, so zu designen, als sei der User betrunken?

Weil Leute nur begrenzte Aufmerksamkeitsspannen haben. Man muss sicher gehen, dass die eigene Website auffallend einfach ist. Versteht ein Betrunkener das Konzept, dann findet sich auch eine „normale“ Person zurecht.

 

Aufmacherbild: Are You Drunk? placard with bokeh background von Shutterstock / Urheberrecht: Gustavo Frazao

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