Künstliche allgemeine Intelligenz ist das aufregendste Projekt unserer Zeit und gilt seit den 1950er Jahren als der heilige Gral der Computerwissenschaft. Im Folgenden wird die Funktion des menschlichen Gehirns betrachtet, um daraus Prinzipien für eine funktionstüchtige "Artificial General Intelligence" abzuleiten.
Der Umfang des Projektes "Künstliche Allgemeine Intelligenz" (Artificial General Intelligence, kurz: AGI) muss einmal umrissen werden, um sich diesem Themenfeld zu nähern. Manche sagen voraus, dass es noch hundert Jahre dauern wird, bis eine AGI entsteht, andere meinen, dass es schon nächstes Jahr so weit sei. Ich gehöre zu jenen, die von einer kurzen Entwicklungszeit ausgehen. Warum das so ist, möchte ich erklären und außerdem eine Art von Struktur für die AGI vorschlagen. Darüberhinaus möchte ich über die Schlussfolgerungen sprechen, die aus dieser Struktur gezogen werden können – es wird sich zeigen, dass diese Struktur nicht der Form unserer heutigen KI entspricht.
Zunächst müssen wir uns aus einer gewissen Zwickmühle befreien: Derzeit werden viele autonome KI-Projekte aufgezogen und es wird gehofft, dass diese irgendwie zusammenwachsen werden. Stattdessen muss es darum gehen, das Konzept zu erweitern und darüber nachzudenken, was Allgemeine Intelligenz überhaupt ist. Das menschliche Gehirn kann als Ausgangspunkt für eine Definition von allgemeiner Intelligenz herangezogen werden. Die AGI muss zwar nicht die Struktur des Gehirns widerspiegeln, aber die Analyse des Gehirns liefert Anhaltspunkte darüber, was als intelligent gelten kann.
Wenn menschliche DNA zur richtigen Art von Stammzellen hinzugefügt wird, entsteht ein Mensch. Dieser Mensch hat nicht nur einen menschlichen Körper und eine menschliche Struktur, sondern auch den Ansatz von menschlicher Intelligenz. Und die gesamte Programmgröße des menschlichen Genoms? Sie beträgt nur 750 Megabyte.
Wie viel von diesen 750 Megabyte an Daten steuert tatsächlich die Struktur des Gehirns? Tatsächlich wissen wir es nicht, denn die Struktur eines jeden menschlichen Körperteils hängt weitgehend von seiner Chemie ab. Wir haben ein deutlich besseres Wissen darüber, wie sich DNA zur Chemie verhält, als davon, wie sich DNA zur Struktur verhält. Die DNA definiert aber dennoch die Struktur des Menschen und ein Teil definiert auch die Hirnstruktur und die Gehirnchemie. Sobald das Gehirn „eingeschaltet“ ist, beginnt die Gehirnstruktur sofort, sich selbst zu verändern, um die erhaltenen Daten und Erfahrungen zu verarbeiten. Wir können jedoch davon ausgehen, dass die allgemeine Intelligenz eine direkte Folge der Struktur ist, welche von unserer DNA definiert wird.
Die Struktur des Neokortex ist das, womit wir denken. Dies macht vielleicht nur ein Prozent, höchstens zehn Prozent, der DNA aus. Genau wissen wir es nicht. Das heißt aber, dass wir in der Lage sind, eine vollständige AGI in einem Programm zusammenfassen, das gerade einmal 7,5 Megabyte groß sein könnte. 7,5 Megabyte ist ein Programm, das von einem Team in wenigen Jahren geschrieben werden kann. Das Problem der AGI besteht also darin, was wir coden müssen und nicht darin, dass die grundlegende Struktur etliche Gigabytes an Daten bräuchte. Wir wissen nur noch nicht, wie der zugrundeliegende Algorithmus aussehen soll.
Angenommen, man wüssten genau, was zu schreiben wäre, um ein menschliches Gehirn zu erschaffen. Man verbrächte beispielweise zwei Jahre damit, es zu programmieren und anschließend mit dem Trainieren. Wenn es genau wie ein Mensch wäre, so hätte es nach drei Jahren Training die Fähigkeiten eines dreijährigen Kindes. Nun sind die Fähigkeiten von Dreijährigen nicht wirklich vermarktbar, weshalb man wohl 20 jahre Training bräuchte, um etwas Nützliches und allgemein Intelligentes zu erhalten. Um herauszufinden, ob eine Idee korrekt war, kann man allerdings nicht 25 Jahre warten. Es bräuchte deshalb eine Abkürzung in der Programmierung.
Aus diesem Grund ist mein Ansatz für die AGI, auf die einzige allgemeine Intelligenz zurückzugreifen, die wir kennen: das Gehirn. Ich habe den Gehirnsimulator geschrieben, um Neuronen zu simulieren und zu lernen, was man mit ihnen alles machen kann.
Das Gehirn ist weitgehend in drei Bereiche unterteilt. Das Stammhirn ist voll von autonomen Funktionen. Es ist wahrscheinlich hartcodiert, denn niemand muss anscheinend lernen, wie man sein Herz zum Schlagen bringt oder wie man atmet. Das Kleinhirn ist für die Koordination der Muskeln zuständig, sodass man gleichzeitig sprechen und gehen kann. Sechsundfünfzig Milliarden Neuronen (etwa zwei Drittel des Gehirns, gemessen an der Anzahl der Neuronen) sind an der Koordination der Muskeln und dem Erlernen von Handlungsabläufen beteiligt.
Der Neokortex ist der denkende Teil des Gehirns. Er besteht aus nur 16 Milliarden Neuronen und lernt durch eine Reihe verschiedener Mechanismen. Alle Sinneseindrücke werden im hinteren Teil des Gehirns verarbeitet – visueller Kortex, auditorischer Kortex usw. Der vordere...