Kapitel 6: Konflikte konstruktiv lösen

Der Scrum Master: Konstruktive Konfliktbewältigung im agilen Setting
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Konflikte sind nur menschlich, aber genau so menschlich ist es, sich ihnen nicht stellen zu wollen. Das ist aber gar nicht agil, wie Jürgen Knuplesch im 6. Teil dieser sehr realen und doch erfunden Geschichte des Scrum Masters berichtet.

Menschen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Tools, so schallt das Manifest der agilen Softwareentwicklung. Inzwischen hört man das auch im Kontext der agilen Arbeitsweise durch die Hallen der modernen Arbeitsplätze dröhnen. Menschen sollen wieder an der ersten Stelle stehen.

Welch kühner Gedanke! Dabei ist er eigentlich so natürlich, dass man schon lange hätte darauf kommen können. Denn um was geht es im Leben? Um Menschen! Es sind Menschen, die unsere Produkte kaufen. Es sind Menschen, mit denen wir arbeiten. Es sind Menschen, die uns Waren liefern. Vielleicht steht irgendwo in der Kette auch Mal kein Mensch, aber am Ende soll alles was wir erwirtschaften Menschen einen Nutzen bringen. Also ist es doch nur logisch, dass wir uns mit Menschen beschäftigen. Es ist beängstigend, wie viel Zeit wir investieren um komplexe Theorien zu verstehen oder komplizierte Programme nahezu perfekt bedienen zu können und wie wenig Zeit wir investieren um zu verstehen wie Menschen ticken.

„Ticken“ habe ich gesagt? Schon wieder eine maschinelle Umschreibung für einen Menschen. „Ich bin doch keine Maschine“, singt Tim Bendzko, „sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut“. Vermutlich machen uns Menschen Angst, weil wir sie nicht ganz kontrollieren können, weil sie komplexe Systeme sind. Aber diese Angst ist wenig sinnvoll, denn wir selbst sind ja auch einer oder eine. Und auch da herrscht eine große Unwissenheit. Die meisten Menschen kennen sich selbst nicht besonders gut. Das Manifest der agilen Arbeitsweise ruft uns zum Umdenken an dieser Stelle auf. Zu verstehen, wer ich bin und welche Bedürfnisse ich habe, ist Erfolgsfaktor Nummer eins für mein Leben. Zu verstehen, wie andere Menschen sind und welche Bedürfnisse sie haben, ist Nummer zwei.

Konflikte am Arbeitsplatz? Nur menschlich!

Im vorherigen Kapitel bin ich in einem persönlichen Konflikt hängen geblieben. Konflikte am Arbeitsplatz? Gibt es sowas? Natürlich! Und es sind die menschlichen Konflikte, die den Erfolg am häufigsten gefährden. Kriege gingen darum verloren oder wären erst gar nicht nötig gewesen und Firmen gingen in den Untergang, weil Menschen es nicht geschafft haben, ihre Konflikte konstruktiv zu lösen. Wenn man es mit Menschen zu tun hat, dann sind menschliche Konflikte vorprogrammiert. Man kann sie ignorieren und weg reden oder versuchen zu leugnen, aber sie sind da! Und ich hatte nun den Salat. Ein Konflikt mit Nadja, obwohl ich eigentlich super gern mit ihr zusammenarbeite. Ich druckste mich also tagelang um den Konflikt herum und hoffte heimlich, dass sich alles in Luft auflösen würde. Mein Gefühl und mein messerscharfer Verstand waren sich aber ausnahmsweise einig, dass dies nicht passieren würde.

Zum Glück nahte eine Session mit meinem Coach Pierre. Wir machten es uns zum Coaching gemütlich in einem Café und wie das bei einem Coaching üblich ist, musste ich mit meinen Themen rüberkommen und Pierre hatte die Rolle mir zuzuhören, mich zu verstehen, hilfreiche Fragen zu stellen und dann darauf zu achten, dass ich auch einen umsetzbaren Schritt in Angriff nahm. Da sitze ich nun mit ihm. Der Cappuccino will nicht so recht schmecken. Endlich packe ich aus: Ich habe da einen Konflikt mit einer Kollegin. Ich habe eine Moderation im Team „Cern“ ziemlich verhauen und sie hat mich das deutlich spüren lassen. Das hat mich gekränkt. Zum Frust über meinen Fehler ist nun der Konflikt mit Nadja gekommen. Was soll ich nur tun?

Pierre sagt nichts, sondern zieht die Augenbrauen hoch und wartet, dass ich selbst die Antwort darauf gebe. Ich muss nicht lang überlegen, denn um Konflikte zu lösen, muss man mit der Person reden, mit der man den Konflikt hat. Aber davor habe ich Angst. Trotzdem sage ich: „Ich muss mit ihr darüber reden.“ Damit ist der Fall für Pierre erledigt, denn er kann mich beim nächsten Mal fragen, wie es gelaufen ist. Für mich ist der Fall aber nicht erledigt, denn ich muss nun das machen, wovon ich wusste, dass ich es tun muss, aber nicht wollte.

Das Gewissen klopft an…

Ein neuer Tag bei WabelTech. Auf dem Weg zur Arbeit habe ich mir fest vorgenommen, das unangenehme Gespräch zu führen und meine Angst zu überwinden. Ich gehe durch die Tür in den Aufzug, blitzschnell zu meinem Arbeitsplatz und bin froh, erst Mal niemand getroffen zu haben und still vor mich hinzuarbeiten. Auf einmal klopft die unangenehme Stimme des Gewissens bei mir an:
„Du wolltest dieses unangenehme Gespräch mit Nadja führen. Du willst doch ein agiles Vorbild sein, oder?“
„Ja will ich, eigentlich.“
„Und war nicht das Prinzip mit dem face-to-face-Gespräch immer dein liebstes praktisches agiles Prinzip?“
„Ja“, antworte ich innerlich knurrend. Agil kann man nur sein, wenn man nicht nur darüber redet, sondern es auch tut. Also los. Ich stehe auf und laufe ins Büro, in dem Nadja mit ein paar anderen Kollegen von WabelTech sitzt.
„Nadja, Hallo!“
„Hallo.“
„Hast du etwas Zeit für mich, ich müsste mit dir etwas besprechen.“

Nadja sagt ja und wir wandern durch die Hallen von WabelTech, bis wir ein freies Besprechungszimmer finden. „Also, was ist?“, fragt sie mich. Ich hole Luft: „Also, die Moderation vor ein paar Wochen im „Cern“ Team. Ich habe schlecht moderiert. Ich hätte mich nicht in die Diskussion einmischen sollen. Und dann habe ich bemerkt, dass du total sauer auf mich wurdest und sarkastische Bemerkungen gemacht hast. Es tut mir leid, dass ich die Moderation so schlecht gemacht habe.“ Nadja lässt mich ausreden und hört mir aufmerksam zu. „Ja, das hat mich sehr frustriert. Weißt du: Die erste Stunde der Retro hast du echt gut geleitet und ich hatte Hoffnung, dass wir endlich mal ein effizientes Meeting haben würden. Und dann wurde diese ermüdende Diskussion losgetreten und ich war so frustriert, dass ich dich das habe spüren lassen. Das war aber auch nicht richtig. Für mich war das ein Trigger.“

So geht unser Gespräch los und wir finden sehr schnell unsere menschliche Verbindung als Kollegen auf Augenhöhe wieder. Meine eigene Frustration und Enttäuschung und Angst verschwinden bald und wir gehen nach einer Weile im Frieden auseinander. Wow. Es fühlt sich gut an, das ausgeräumt zu haben. Es war nicht leicht, aber es hat sich gelohnt. Ich verstehe mich mit Nadja wieder gut und bin motiviert, es bei den nächsten Moderationen wieder besser zu machen.

Es ist das eine, den agilen Prinzipien zuzustimmen und etwas anderes bei einem Konflikt den Mut zu haben, ein klärendes Gespräch zu führen. Das Letztere fühlt sich aber sehr gut an und ich bin heute sehr zufrieden. Auch mein Gewissen klopft mir jetzt auf die Schulter, statt mich zu hinterfragen. Egal in welchem Team man arbeitet: Menschliche Beziehungen spielen eine entscheidende Rolle und die Fähigkeit Konflikte zu lösen auch. Und wenn die Konflikte ausgeräumt sind, macht die Arbeit wieder viel mehr Spaß. Also ran an den Speck.

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