Haben auch agile Methoden ein Verfallsdatum?

The Walking Agile Dead: Ist Agile tot?
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Zombie, Fehlschlag, Krebs und toter Hamster: Mit zum Teil polemischen Bemerkungen artikulieren immer mehr Kritiker, unter ihnen zwei Autoren des agilen Manifests, ihre Hoffnung, dass Agile seinen Zenit überschritten habe und bald das Zeitliche segnen sollte. Was ist an dieser Kritik dran?

„Programming, Motherfucker!“ – das ist es, was Entwickler tun wollen, glaubt man einer kleinen Gruppe Programmierer rund um Zed A. Shaw, die diesen Spruch sogar auf T-Shirts drucken lässt. Ihr Wunsch, so sagen sie, ist mit Agile einfach nicht vereinbar. Sie beschweren sich zwar nicht ausschließlich über diesen Ansatz, auch Wasserfallmethoden kommen nicht besser weg; Agile, dem großen Trend unter den Entwicklungsmethoden wird aber besonders viel Aufmerksamkeit gewidmet. Die Grundwerte des agilen Manifests lesen sich beispielsweise gänzlich anders, wenn sie von Shaw erklärt werden. Betrachten wir also einmal die dunklen Seiten agiler Entwicklungsmethoden. Ist Agile wirklich tot?

Weg mit Agile?

Und auch sonst lässt man hier kein gutes Haar an der agilen Methodenwelt: Erzwungenes Pair Programming? Manager, die die Arbeitsweise überwachen, aber nicht programmieren können? Weg damit! Das alles ist für Shaw und seine Anhänger nämlich weit entfernt davon, einfach nur guten Code zu produzieren. Geht es nach Shaw, sollte Agile also dringend wieder verschwinden. Wenn die Methoden so umgesetzt werden, wie Shaw es beschreibt, ist dieser Wunsch wohl auch durchaus verständlich.

They Claim to Value

They Really Value

Individuals and interactions Tons of billable hours
Working software Tons of pointless tests
Customer collaboration Bleeding Clients dry
Responding to change Instability and plausible deniability

(Die agilen Grundpfeiler laut Zed A. Shaw. Quelle: „Programming, Motherfucker!“)

Erik Meijer vertritt eine ähnliche Meinung. Auf dem Reaktor Dev Day 2014 befasste er sich mit der Frage nach Alternativen zu Agile. Standup-Meetings sind für ihn nämlich nur eine unerwünschte Unterbrechung des Arbeitstags und egal, wie viele Tests durchgeführt werden: Die real auftretenden Fehler lassen sich eh nicht vorhersehen. Darum kommt er zu dem Schluss, dass Agile der Krebs der Softwareindustrie sei und ausgemerzt werden müsse. Auch er findet also, dass die Zukunft der Softwareentwicklung nicht in agilen Methoden liegt.

Neue Manifeste: Agile soll sterben!

Damit sind die Kritikpunkte aber noch lange nicht abschließen aufgezählt. Absichtlich polarisierende Diskussionsbeiträge wie das Anti-Agile Manifest (leider nur noch archiviert abrufbar) und das Manifesto for Half-Arsed Agile Software Development stehen der agilen Realität – die Titel lassen es erahnen – ebenfalls sehr kritisch gegenüber. Eines haben diese und viele weitere Themenbeiträge im Netz gemeinsam: Sie alle stammen von Entwicklern, die furchtbar genervt von agiler Arbeitsweise und ihren gegenwärtigen Ausprägungen sind. Die Entwickler-Community scheint also gespalten, wenn es um das gelobte Land der Softwareentwicklung geht.

Das Anti-Agile Manifest macht es sich zur Aufgabe, agile Begrifflichkeiten zu entmystifizieren. Was sind „Epics“ denn bitte anderes, als ganz profane Projekte? Und wo um alles in der Welt liegt der Unterschied zwischen einem „Backlog“ und einer langweiligen To-Do-Liste? In letzterem Fall kann ja nicht einmal der Anglizismus den Fancy Name vor der Kritik retten: Eigentlich ist das doch alles das gleiche, oder? Das findet zumindest das Anti-Agile Manifest.

Missverständnisse im gelobten Land

Mit diesem Manifest gibt es aber ein Problem: Es versteht Agile nicht. Wer sich näher mit der Methode befasst, kann natürlich zwischen einem Backlog und einer To-Do-Liste unterscheiden. Missverständnisse wie dieses kommen allerdings gar nicht so selten vor. Viele Implementierungen von Scrum, Kanban und Co. sind auf den zweiten Blick doch nicht so agil, wie man denken könnte – oder möchte. Das ist ein so verbreitetes Problem, dass es die Grundlage des „Manifesto for Half-Arsed Agile Software Development“ bildet. Dessen Definition von Agile spricht Bände über das, was die reale Welt häufig aus den großartigen Ideen des ursprünglichen agilen Manifests macht:

“We have heard about new ways of developing software by paying consultants and reading Gartner reports.” (Quelle: Kerry Buckley)

Auch die Grundwerte der Entwicklungsmethode kommen in diesem Gegen-Manifest nicht gut weg. Viel zu viele agil arbeitende Unternehmen seien nämlich nicht dazu bereit, die rechte Seite dieser Werte aufzugeben, sagt Kerry Buckley, der Autor dieses Machwerks. Was er damit meint: Das (echte) agile Manifest benennt vier Grundpfeiler der agilen Arbeitsweise und stellt dabei die wünschenswerten, agilen Werte auf der linken Seite den weniger erwünschten, nicht-agilen Prinzipien rechts gegenüber. So benennt das agile Manifest beispielsweise folgenden Wert: „Individuals and interactions over processes and tools“. Buckley sagt nun, dass viele Unternehmen zwar agil sein wollen, die Relevanz von Prozessen und Tools aber nicht bereit sind zu reduzieren.  Seine Version der realen Grundwerte der agilen Arbeitsweise liest sich dann so:

“Working software over comprehensive documentation
as long as that software is comprehensively documented” (Quelle: Kerry Buckley)

Funktional und doch tot?

Man könnte all diese Kritik nun einfach als Ausdruck des Frusts über pseudoagilen Schwachsinn abtun, der mit der Arbeitsweise gar nichts zu tun hat. Agile by the Book, agile Wasserfälle, schlecht skalierte agile Frameworks, Micromanager, falsche Unternehmensphilosophien: Wir alle kennen ja die zahlreichen Abkürzungen zum gescheiterten agilen Projekt. Wer nur solche Ausprägungen der Arbeitsweise erlebt, ist natürlich schnell genervt davon. Auf der anderen Seite steht hingegen der unbestreitbare Erfolg richtig umgesetzter agiler Methoden. Die Methode kann insofern wohl nicht wirklich tot sein, oder?

Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Es existieren weitere interessante Umstände, die es zu beachten gilt. So gibt es beispielsweise mit Dave Thomas und Andrew Hunt zwei Personen, die das agile Manifest unterzeichnet haben und die Methode heute für tot und gescheitert erklären. Kent Beck, ein weiterer Autor des Original-Manifests, war sich vor einigen Jahren ebenfalls unsicher, ob Agile denn als Erfolg zu sehen ist. Diese Autoren des agilen Manifests und viele weitere Vertreter der agilen Kritikerschaft haben durchaus gute Argumente für ihre Position.

Tödliche Agile-Industrie

Dave Thomas beschwert sich darüber, was aus Agile geworden ist: Wo es um Freiheiten gehen sollte, ist heute eine ganze Industrie entstanden, die viel Geld dafür verlangt, Regelwerke zu verkaufen. Das hatte Thomas mit Sicherheit nicht im Sinn, als er das agile Manifest unterzeichnete; da er allerdings selbst keine teuren Schulungen besucht hat und sich in der Regel sogar von kommerzialisierten Konferenzen fern hält, befindet er auch, dass sein Urteil nur eingeschränkt gültig sein könne. Immerhin spreche er als Autor des agilen Manifests über etwas, das er gar nicht mehr kenne.

Beachtenswert an dieser Kritik ist allerdings, dass es sich um eine Argumentation handelt, die wir bereits kennen: Wer Consultants bezahlt, um agil zu werden, mache etwas falsch, sagt auch Buckley. Andrew Hunt argumentiert ebenfalls in diese Richtung: Wird Agile zum Regelwerk, ist das für ihn ganz einfach nicht agil. Dass Reglementierung als Leitmotiv vorherrsche, sei aber viel zu oft der Fall. Richard Bishop fügt in seinem Artikel „Agile Is Dead: The Angry Developer Version“ gleich noch einige Beispiele dafür hinzu, was im Agile-Land heute alles schief läuft: Wer mehrere Tage damit verbringt, Sprints in einer Länge von mehr als einem Monat zu planen, habe Agile nicht verstanden. Bishop hat allerdings genau das erleben müssen. Ein Blick auf die agile Realität jenseits der Vorzeigeunternehmen enthüllt also zum Teil grauenhafte Zustände, die den Wunsch eines agilen Todes fast schon verständlich machen.

Agiler Neuanfang: schlagt der Hydra die Köpfe ab

Thomas versucht nun, die guten Ideen aus dem Kern der Methodik zu retten, indem er einen Neuanfang vorschlägt: Statt Agile mit großem A zu schreiben und viel Geld für komplexe Regelwerke zu zahlen, sollte man sich an die Basics der agilen Methodik erinnern und künftig von Agilität sprechen. Um es zusammenzufassen, schlägt er vor, der agilen Hydra die kommerz-genährten Köpfe abzuschlagen. Folgendes, geradezu banales Vorgehen, legt er dieser Idee zugrunde, die in direkter Linie weg von teuren Schulungen und allen anderen Ausprägungen der Agile-Industrie führen solle:

What to do:

– Find out where you are
– Take a small step towards your goal
– Adjust your understanding based on what you learned
– Repeat
(Quelle: Dave Thomas)

Ob ein, laut Thomas’ Ausführungen, bereits pervertiertes System sich aber durch eine einfache Umbenennung verändern lässt, darf als fraglich gelten. Auch ist es wohl diskussionswürdig, ob die sogenannte agile Industrie gleich falsch sein muss, nur weil sie nicht den Vorstellungen entspricht, die die Autoren des agilen Manifests einmal aufs digitale Papier gebracht haben. Immerhin existierten agile Methoden bereits vor dem Manifest und entwickeln sich seitdem dynamisch weiter.

Ist Agile also tot, nur weil es nicht mehr so ist, wie man es sich vor 15 Jahren vorstellte? Der Erfolg gibt den agilen Frameworks recht. Er stellt sich in vollem Umfang aber in der Regel nur ein, wenn sie richtig angewendet werden. Ron Jeffries hat bereits 2010 Probleme mit der Umsetzung agiler Prinzipien wahrgenommen, die heute noch diskutiert werden. Auch er gehört zu den Autoren des agilen Manifests. Statt Agile für tot zu erklären, bezeichnet er das Manifest allerdings als historisches Dokument, das nur einen möglichen Weg zum agilen Arbeiten beschreibt.

Tod durch Markt-Entwicklungen

Es wäre aber auch möglich, dass Agile tatsächlich sein End of Life erreicht hat, gerade weil es zum Produkt geworden ist: In seinem Beitrag „Agile is Dead“ macht Matthew Kern zwar einen der fatalen Fehler, die Kerry Buckley benennt, und beruft sich auf einen Gartner-Report; da er Agile aber für tot erklärt, ist das wohl nicht mehr schlimm. Kern sagt, dass die beliebte Entwicklungsmethode auch nur ein Trend ist, der vergehen wird. Genau wie Jeans mal so eng wie möglich sitzen mussten und dann doch wieder weit geschnitten wurden, wird auch der agile Hype irgendwann einmal abflachen. Er glaubt, dass diese Entwicklung bereits begonnen hat und bald ein neuer Trend den gegenwärtigen Hype ablöst.

Kerns Argumentation dürfte nicht jedem gefallen, klingt allerdings bestechend logisch, da sie sich an Marktprozessen orientiert. Jeder Markt sei nämlich einmal gesättigt, wie Kern sagt, woraufhin sich die Industrie etwas anderem zuwenden müsse, um weiterhin Geld zu verdienen. Wer heute also agile Workshops, Schulungen und Zertifikate verkauft, könnte sich bald eine neue Lebensgrundlage suchen müssen – viel Spielraum für weitere Adaptionen gibt es auf dem Agile-Markt nämlich nicht mehr, wenn man Kern glaubt.

Darum sieht Kern das Ende der agilen Ära gekommen. Auch die Schwächen der Methodik stellen ein wichtiges Argument für ihn dar: Für große, komplexe Projekte sei Agile einfach nicht gut geeignet und auch die Erfolgsrate agiler Projekte sei nicht so hoch, dass sie den unausweichlichen Tod alles irdischen verhindern könne. Auch diese Sicht wird von vielen anderen Kritikern geteilt. Auch Agile hat seine Schwächen, das kann nicht bestritten werden.

Wird Agile zum Zombie?

Kern schränkt allerdings ein, dass Agile nicht einfach tot umfallen könne wie ein Hamster, der von jetzt auf gleich aufhört zu atmen. Ein Verschwinden von heute auf morgen sei unrealistisch. Der Tod großer Ideen habe eher etwas zombiehaftes: Eigentlich sind sie schon tot und bewegen sich dennoch weiter, so Kern. Einerseits weil die Industrie noch nicht ganz von ihnen abgelassen hat, andererseits weil der ein oder andere Nachzügler noch danach verlangt. Wenn man nun annimmt, dass Agile bereits tot ist, wie es Thomas und Hunt tun, und dabei in Kerns Wortwahl bleiben möchte, könnte man also von Agile als totem Hamster sprechen, der nur noch nicht bemerkt hat, dass er gestorben ist.

Ich sehe tote agile Methoden…

Den Nachfolger von Agile sieht Kern im DevOps; er nimmt allerdings nicht an, dass Agile vollständig aus der Softwareentwicklung verschwinden wird. Dafür seien die grundlegenden Prinzipien zu gut für die Softwareentwicklung geeignet, auch wenn sich nicht alle Ausprägungen werden bewähren können. Wie auch Dave Thomas oder Andrew Hunt spricht er davon, dass bestimmte Teile der agilen Arbeitsweise den Trend überleben werden. Dennoch ist der Markt für die Einführung agiler Frameworks tatsächlich begrenzt, sodass das Angebot sich, wie Matthew Kern voraussagt, verschieben könnte. Und da Angebot und Nachfrage sich gegenseitig bestimmen, könnte somit tatsächlich eine Trendwende bevorstehen. Schlussendlich könnte Agile sich aber auch als die Jeans erweisen, die als zeitloser Klassiker immer modern bleibt – und nicht als der Jeansschnitt, der sich immer wieder ändert. Dann würde sich nur die Auslegung der Methodiken ändern, nicht die Methode an sich.

Fazit

Egal, womit es weitergeht: Am wichtigsten scheint die richtige Adaption einer einmal gewählten Entwicklungsmethode zu sein. Wer die Kritik an Agile einmal genau betrachtet, stellt nämlich fest, dass sie sich vor allem gegen rigide Vorgehensweisen und starre Regeln wendet, die nichts mehr mit den Grundlagen der Arbeitsweise zu tun haben. Wenn man also an alten Prinzipien festhält und nur einen neuen Namen verwendet, wird auch der nächste Trend wieder der gleichen, grundlegenden Kritik ausgesetzt sein. Eine Veränderung ist in vielen Unternehmen dringend nötig – aber das muss nicht bedeuten, dass Agile tot ist. Vielleicht sind es eher einige Anwender, die Agile einfach nicht verstanden haben.

 

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