Teil 14: Zeit für Veränderungen

Der Scrum Master: „Love it, leave it, or change it!“
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Der Scrum Master ist zurück. Manchmal verliert ein Autor seine Inspiration. Manchmal geht ein Autor durch eine schwere Zeit, ob mit oder ohne Corona. Bei mir war beides der Fall. Und heute bin ich zurück, für meine Leser und auch für mich. Beim Schreiben kann man gut verarbeiten und dabei auch andere inspirieren und zum Schmunzeln bringen. Und das mache ich doch gerne. Let’s go!

Im Leben kommen Herausforderungen. Im Berufsleben kommen Herausforderungen. Und es gibt immer nur drei grundsätzliche Möglichkeiten, damit umzugehen. Als Scrum Master stellt man sich solche Fragen meist häufiger als die Kollegen.

Eigentlich heißt der Spruch ja „Love it, change it, or leave it“ aber mir gefällt es wegen der Alliteration so besser. Ich konnte bei einer „Quickipedia“ Suche nicht den Autor dieses weltberühmten und allgemeingültigen Prinzips finden. Als agil denkender Mensch stellt man sich diese Frage recht häufig. Eigentlich sollte sich jeder Mensch diese Frage recht häufig stellen. Insbesondere am Arbeitsplatz. Denn diese Alternativen stellen sich ganz natürlich, wenn wir mit etwas konfrontiert werden, das uns nicht passt und das sich nicht von allein ändern wird. Und wenn wir keine bewusste Entscheidung treffen, dann werden wir ferngesteuert.

Mehr vom Scrum Master

Der Scrum Master ist eine Fortsetzungsgeschichte in vielen Teilen. Den Anfang der sehr realen und doch erfundenen Story finden Sie hier:

Einen Überblick gibt Ihnen außerdem die Tag-Page. Die neusten Teile finden Sie am Ende dieses Artikels.

Bei wabeltech stellte sich mir diese Frage beinahe täglich. Unser CEO z.B. konnte die agilen Prinzipien nicht verstehen und sah unseren Bereich eher als Bedrohung denn als etwas Innovatives an. In diesem Fall hatte ich mich jahrelang eher unbewusst für „Love it!“ entschieden. „Love it“ besagt nicht unbedingt, dass man etwas liebt, aber dass man zumindest damit leben kann. Also akzeptieren und lieben fallen hier in eine Kategorie. Also könnte man auch übersetzen: „Akzeptiere es, ändere es oder verlasse es“. Wenn Agilität nicht von der Firmenleitung unterstützt wird, entstehen viele Enttäuschungen für den Scrum Master. Dann kommen gern Direktiven von oben, ohne dass die Mitarbeiter vorher befragt werden. Meldest du dies dann nach oben zurück stößt du nur auf wohlwollendes Kopfschütteln und Aussagen wie: „Das ist doch ganz normal. Warum regt ihr euch so auf?“ Gewiss ist das in vielen Unternehmen so, aber es ist nicht gut für die Firma, denn die Mitarbeiter werden meistens unnötigerweise frustriert und mit unflexiblen CEO-Lösungen gequält, wenn man es anders mitarbeiterkonform und effizienter hinbekommen hätte.

Manches liebe ich tatsächlich, nämlich unser kollegiales und menschliches Miteinander, die Arbeit als Scrum Master im Team, die Bereitschaft zu Veränderung in unserem Entwicklungsbereich. Die Möglichkeit, als Scrum Master an Personalgesprächen dabei zu sein, um den Mitarbeiter zu unterstützen. Und vor allem die Kollegen, die mir ans Herz gewachsen sind.

Manches hatte ich mit Hilfe meiner Kollegen und auch des Managements (ja, manchmal war das Management auch mit von der Partie) ändern können. Wir hatten einen Kulturrat eingeführt, unsere Tester waren zum wertvollen Teil des Entwicklungsteams geworden.

Und verlassen hatte ich auch etwas: Nämlich die Mitarbeit in einem Projekt-Team zur Verbesserung unseres DevOps Systems, das ich mit großem Eifer begonnen hatte, aber nicht in der Lage war zum Erfolg zu führen. Mir fehlte einfach die Fachkompetenz und war froh, als ich diese Aufgabe abgeben konnte.

Die drei Alternativen stellen sich also recht häufig in deinem und meinem Berufsleben.

Und dann passierte es: „wabeltech“ war inzwischen Teil eines großen Konzerns geworden, aber ansonsten hatte sich noch wenig geändert, auch wenn die Mitarbeiter sich gewisse Sorgen machten. Unsere Finanzabteilung arbeitete mit Hochdruck daran, unsere Finanz-Software auf PAS umzustellen, um damit zum Gesamtkonzern kompatibel zu sein. Wenige Wochen nach erfolgreichem Projektabschluss schneite eine E-Mail in meinen Posteingang: Alle vier Mitarbeiter der Finanzabteilung sei gekündigt worden. Ich lese die Mail und fasse es nicht. Wie kann man so eine Nachricht nur auf diesem Wege verkünden? Ist man sich da oben im dreizehnten Stock nicht darüber im Klaren, welche Ängste das Auslösen wird? Welche Demotivation passiert, wenn man das so unsensibel kommuniziert? Warum war der Kulturrat nicht in diese Entscheidung einbezogen worden? Wie erwartet sank die Stimmung in den Teams merklich. Im Kulturrat fragte ich nach. Als Antwort bekam ich zu hören, dass wir ja als Kulturrat solche Informationen gar nicht erhalten dürften. Welch eine Aussage. Wir hatten den Kulturrat ja auch als Zugeständnis an den CEO gegründet, damit er keinen Betriebsrat am Hals hatte, aber auch als ein Gremium, das in alle mitarbeiterrelevanten Fragen mit einbezogen wurde. Und Kündigungen finde ich ziemlich relevant. Zusammen versuchen wir dem CEO klarzumachen, dass er solche Informationen besser in einem offenen Meeting verkünden soll, damit die Mitarbeiter ihre Fragen stellen können. Der CEO gibt nach und wir vereinbaren einen Termin einer Mitarbeiterversammlung. Ich sitze an meinem Platz und denke an die Kollegen, die nun bald gehen müssen. Ich rufe spontan Werner an und frage ihn, ob er nicht mit mir als Kulturrat reden will. Wir treffen uns in seinem Büro und ich finde einen am Boden zerstörten Werner vor mir. Er war zu wabeltech in einer Zeit gestoßen, als die Abteilung wegen eines Todesfalls in großer Not war. Zusammen mit den Kollegen hat er die Firma damals aus den Schwierigkeiten geführt. Dann hatte er mit den Kollegen bereitwillig am PAS-Projekt gearbeitet, obwohl er wusste, dass dies seine bisherige Tätigkeit evtl. überflüssig machen könnte. Und nun war er eiskalt rausgeworfen worden. Seine Hilfsbereitschaft war von wabeltech ausgenutzt worden und man hatte sich nicht nach neuen Aufgaben für ihn und seine Kollegen umgesehen. Es gab auch jüngere Kollegen, deren Arbeit er hätte machen können und gemäß dem gültigen Recht hätte man die jüngeren Kollegen zuerst kündigen müssen. Ich bin erschüttert, dass man Kollegen, die eine solche Leistungsbereitschaft zeigen einfach rauskickt. Man hätte sie wenigstens behalten können, bis sie eine neue Stelle gefunden haben. Selbst das wird ihnen nicht gewährt.

Am Nachmittag ist die Mitarbeiterversammlung. Ich sitze da und erlebe, wie der CEO aufgrund seiner großartigen rhetorischen Begabung alle Fragen schlüssig beantworten kann. Er schüttet auch wieder Rotwein in mein Gehirn. Doch der Rausch ist bald vorbei und ich bekomme eine heftigen „Wertekater“. Wie wird hier mit Menschen umgegangen? Wie heißt es im Manifest der agilen Software Entwicklung so schön:

Menschen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Tools

Menschen sind wichtig! Und mir sind Menschen ganz besonders wichtig. Aber das hier ist nicht menschlich. Es ist gemein. Für den CEO ist es aber das Normalste der Welt. Er hat nicht Mal Mitgefühl für die scheidenden Kollegen. Das geht gegen meine wichtigsten inneren Werte. Ich kann es nicht ignorieren.

Love it, change it, or leave it!

Ich kann es nicht ändern. Eine Veränderung im dreizehnten Stock ist nicht zu erwarten. Beim nächsten Synergieeffekt werden wieder Leute gekündigt werden. Lieben kann ich es auf keinen Fall, aber wenigstens akzeptieren? Nein, das schaffe ich nicht. Und als Kulturrat stütze ich dieses System noch. Was soll ich nur tun?

Leave it!

Meine Entscheidung reift und ich entscheide mich zu kündigen. Ich bringe den formlosen Brief in den dreizehnten Stock und die Sekretärin schaut mich mit entsetzten Augen an und bittet mich: „Tu’s nicht!“ Doch ich gebe ihr den Brief. Ich entscheide mich meinen Abgang per E-Mail an alle zu kommunizieren. Kollegen fragen mich, warum. Und ich erkläre es ihnen. Manche verstehen es und manche nicht. Ich bin berührt wie viele meinen Weggang bedauern. Zum Abschied bekomme ich eine Kiste voll Kudo-Karten. Sie sind bis heute ein Schatz für mich. Ich lade alle zu einem Umtrunk ein. Viele kommen. Zum Abschluss rede ich über „Stumblin‘ in“ von Chris Norman und Suzie Quattro mit dem Gedanken, ab und zu bei wabeltech vorbeizuschauen. Dann endet meine Zeit bei wabeltech. Ich habe mich entschlossen in die Freiberuflichkeit zu gehen, um endlich frei von diesen unmenschlichen Systemen zu sein. Wird es mir gelingen?

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