Teil 9: Agile is dead!

Der Scrum Master: Ist Agile tot?
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Ist Agile tot? Dieser Frage stellt sich unser Scrum Master in neusten Teil dieser erfundenen, aber doch sehr realen Geschichte von Jürgen Knuplesch. Ein echter Scrum Master lässt sich zwar nicht vom rechten Weg abbringen, kann aber Mal ins Schwanken kommen.

Ein echter Scrum Master gibt seine agile Denkweise nicht auf, wenn er aus der Tür seiner Firma geht. Auf jede erdenkliche Weise wendet er Agilität auch in seinem Alltag an und versucht neue Mitstreiter zu gewinnen. Da wird schon Mal ein Kanban-Board für die tägliche Hausarbeit eingeführt oder im Sportverein eine neutrale Moderation der Vereinssitzung angeregt. Zumindest ich bin ein unverbesserlicher agiler altruistischer Weltverbesserer. Schließlich sind Menschen und Interaktionen wichtiger als Prozesse und Werkzeuge. Und dieses Grundprinzip ist universell. Schade nur, dass sich das Universum weigert, aus dem Stand agil zu werden.

Vetter Tim proklamiert das Ende des agilen Zeitalters

Eigentlich ging es mir gut. Ich hatte wieder in die Spur gefunden und war dabei, als Scrum Master meine Aufgaben zu erfüllen. Doch dann kam von unerwarteter Seite ein heimtückischer Angriff. In unserer Familie kam es zu einer der üblichen Familienfeiern. War es ein Geburtstag? War es eine Konfirmation? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls kam ein entfernter Vetter von mir zur Feier. Tim war auch in der Softwarebranche tätig. Da konnten wir uns über so manches austauschen und diskutieren. Als Scrum Master mache ich ja auch nicht beim Privatleben halt, sondern versuche meine agile Mission in der ganzen Welt voranzutreiben. Es kam auf diesem Fest zu folgendem kurzen Dialog:

Der Scrum Master: „Hey Tim, wie weit ist denn in eurer Firma die agile Arbeitsweise umgesetzt worden? Ich glaube, das das eine riesige Chance für euch ist. Dadurch könntet ihr viel motivierter zur Tat schreiten.“

Tim: „Ich denke da anders. Agil hat seinen Zenit überschritten. Inzwischen verlassen schon etliche ehemals agile Aktivisten das sinkende Schiff. Z. B. hat Dave Thomas, einer der Unterzeichner des agilen Manifests, einen bahnbrechenden Vortrag zum Thema „Agile is dead“ gehalten. Agil war gestern.“

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Ich weiß nicht mehr wie das Gespräch weiterging, jedenfalls schlug diese Nachricht bei mir wie eine Bombe ein. Hatte ich etwa auf das falsche Pferd gesetzt? Was erlaubt sich dieser Dave Thomas überhaupt? Erst erfindet er das agile Manifest und dann beschmutzt er den heiligen Gral der Agilität mit Dreck. Und wenn schon! Ich jedenfalls werde nicht aufgeben, wovon ich tief im Innern überzeugt bin, nur weil Vetter Tim sich zusammen mit Dave Thomas gegen die Agilität verschworen hat. Irgendwie kam mir noch der Gedanke mir diesen Vortrag auf YouTube anzusehen, um zu sehen ob Vetter Tim das auch richtig verstanden hatte. Aber leider schob ich den Gedanken vor mir her wie eine Welle einen Surfer vor sich hertreibt, weil ich Angst hatte in dieser Welle unterzugehen.

Zudem frustrierte mich die fehlende Unterstützung eines lieben Verwandten. Es ist wohl das Los eines Scrum Masters, immer wieder und an den unterschiedlichsten Orten Kritik für sein agiles Gedankengut einzustecken. Sich mit seinen Ideen zu verstecken und den Status Quo widerspruchslos hinzunehmen, ist nicht so die Sache des Scrum Masters. Dafür wird er geschätzt und dafür wird er gehasst.

Agile is dead? Ich gehe der Sache auf den Grund

Irgendwie erschien es mir aber kaum vorstellbar, dass sich einer der Autoren des agilen Manifests von den unschätzbar wertvollen Prinzipien desselben abgewandt haben könnte. Ich war beschäftigt damit, Agilität bei Wabeltech voranzutreiben und meine Arbeit zu erledigen. Darum dauerte es eine Weile, bis eines Abends ein kleines Infofenster in meinem Gehirn auftauchte und mich an etwas erinnerte: Video von Dave Thomas zu „Agile is dead“ suchen und anschauen. Die Kinder waren zu Bett oder im elektronischen Tunnel und die beste Ehefrau von allen war außer Haus und ging ihrem Hobby nach. Also ließ ich die Waffen meines legendären Online-Mehrspieler Panzer-Actionspiels schweigen, da ich ohnehin den Reflexen der jungen Spieler weit unterlegen war, und wandte mich der Frage zu, was Dave Thomas eigentlich wirklich von sich gegeben hatte. Das Video hatte ich schnell gefunden: https://www.youtube.com/watch?v=a-BOSpxYJ9M .

Ach, so war das gemeint….

Das Thema des Referats von Dave Thomas bei der GOTO 2015 war tatsächlich „Agile is dead“, soweit hatte Tim noch recht. Auf der Bühne erschien ein Mann, der aussah wie ein amerikanischer Pfadfinder, aber von Anfang an mit viel Humor und Überzeugung sprach. Ich begann zu schauen und innerhalb weniger Sekunden begriff ich, dass das kein Abgesang für das agile Manifest war, sondern eine Kritik an der Vereinnahmung der agilen Arbeitsweise durch eine Industrie, die das Wort „Agile“ verkaufen wollte. Ich schaute mir das Video mit wachsender Begeisterung und Interesse an und nun verstand ich die feinsinnig ironische Kritik des Titels endlich: „Agile is dead“, sollte sagen, dass es das Wort „agil“ nicht als Einzelpackung gibt, denn „agil“ ist kein Substantiv, sondern ein Adjektiv. Ich weiß nicht, warum wir Grammatik immer in lateinischen Spezialworten ausdrücken müssen, wenn die Art wie es ein Grundschulkind lernt, wesentlich klarer kommuniziert, was gemeint ist. Damals hieß Adjektiv noch „Wie-Wort“ und das trifft den Kern der Sache. „Agil“ ist ein „Wie-Wort“. Es beschreibt ein Hauptwort oder Substantiv genauer und darum schreibt man es auf Englisch und Deutsch auch klein. Deswegen beschreibt agil auch immer das „wie“ und nicht das „was“. Und es gibt eigentlich auch nicht das „agile Manifest“ sondern das „Manifest für agile Software Entwicklung“. Natürlich ist es kein Problem das auch mal abzukürzen, aber mit dem Wort „agil“ wurde so viel Missbrauch betrieben, dass Dave es an der Zeit hielt, uns zu den Wurzeln zurückzuführen. Das ganze Referat empfehle ich dem geneigten Leser zur persönlichen Erbauung anzusehen.

Dave Thomas wollte durch den provokativen Titel aufrütteln und uns zurück zu den agilen Werten führen. Und dazu sage ich „bravo“. Leider gibt es Leute wie Tim und mich, die nur den Titel gelesen haben und dadurch zu völlig falschen Schlussfolgerungen gekommen sind.

Wie man das Wörtchen „agil“ besser verwenden kann

Nachdem ich den ganzen Vortrag gesehen hatte fühlte ich mich bestärkt. Ich nahm mir vor, „Agile“ möglichst nicht mehr als Substantiv zu verwenden, stattdessen rede ich lieber von der agilen Arbeitsweise etc.

Das Wort „agil“ ist zu wenig, um den Inhalt des Manifests der agilen Softwareentwicklung zu beschreiben. Es ist ein „Terminus technicus“ hinter dem weit mehr steht als die Grundbedeutung des Adjektivs. Für mich ist „agil“ ein Mindset. Es beschreibt Werte und eine Einstellung zum Leben und zur Arbeit. Darum kann im Grunde immer nur ein Mensch agil sein und kein Framework, kein Prozess und keine Methode. Frameworks, Prozesse und Methoden können einen agil denkenden Menschen mehr oder weniger bei der Erreichung seiner Ziele unterstützen, aber agil ist immer nur der Mensch. Und wenn du einmal agil bist, dann bist du es auf beiden Seiten deiner Firmentür.

Ich hatte also meinen Frieden mit Dave geschlossen. So hatte mir Tim am Ende doch noch einen echten Dienst erwiesen, weil er mich dazu gebracht hatte diesen spannenden Vortrag anzuschauen. Als ich Tim das nächste Mal sah, lag es mir auf der Zunge, etwas ironisch-sarkastisch Böses von mir zu geben. Aber dann dachte ich, dass ich mir diesen Stress lieber spare und hab in mich hineingeschmunzelt. Mein inneres Kind hat zurückgeschmunzelt und das war mir genug.

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