Kapitel 1 – Scrum ist doof!

Der Scrum Master: Wie alles begann
Keine Kommentare

Scrum ist doof, so beginnt die Geschichte „Der Scrum Master“ von Jürgen Knuplesch, selbst Scrum Master, agiler Berater, Autor, Mathematiker, Trainer, Theologe und vor allem Mensch. Als agiler Enthusiast und Pragmatiker versucht er jeden Tag die Welt ein wenig zu verbessern, was ihm aber nur selten gelingt. In unserer Fortsetzungsgeschichte gibt er einen Einblick in seinen umfangreichen Erfahrungsschatz.

Scrum ist doof. Jedenfalls ist das meine Überzeugung. Seit einigen Monaten wird Scrum auch bei uns „gemacht“. Norbert, den ich als Entwickler und Mensch sehr schätze, hat es so ausgedrückt: „Da wird wieder eine neue Sau durch das Dorf getrieben.“ Und die arme Sau ist jetzt bei uns, bei WabelTech, angekommen. Wir hatten an einem Seminar von zwei Kollegen mit der Auflage teilgenommen, dass wir keine Fragen stellen dürfen und uns alles erst einmal anhören sollen. Offensichtlich hatten sie Angst vor unseren präzisen, kritischen, seziermesserscharfen Rückfragen.

Um es vorweg zu nehmen: die Seminare waren eine einzige Qual. Die Klimaanlage war ausgefallen und es hatte gefühlt Saunatemperatur im Raum. Bei jedem zweiten Satz kamen in mir Fragen auf, wie das denn funktionieren solle, aber die durfte ich ja nicht stellen. Mein Kopf rauchte und uns wurde gesagt, dass wir jetzt einfach mal in den Teams loslegen sollten mit Planning, Retrospektive, Daily Scrum usw. Leider gäbe es nicht für jedes Team einen Scrum Master, aber das mache nichts. Unnötig zu sagen, dass mein Team keinen Scrum Master bekam, weil wir das „Infra-Team“ (aka. Team Rosa) waren, nur aus zwei Leuten bestanden und der Abteilungsleiter unser Product Owner wurde. So wurstelten wir uns schließlich von Sprint zu Sprint, ohne dass sich irgendetwas verbesserte. Man redete zwar alle zwei Wochen in der Retro darüber, was man verbessern sollte, aber das war es auch schon. Kleinere Anpassungen wurden versucht und im Grunde blieb alles wie es war, nur dass wir noch weniger Zeit für die produktive Arbeit hatten.

Der Scrum Master

Teil 1: Wie alles begann
Teil 2: Die Offenbarung
Teil 3: Re-Entry in die Realität

Scrum in Action

Aber zurück zum Wesentlichen: Meine Arbeit macht mir im Grunde Spaß und auch unter uns Kollegen verstehen wir uns gut. Ich bin zum Beispiel mit verantwortlich für die Erstellung unserer Patch-Releases, bei denen wir Fehlerkorrekturen an unsere Kunden ausliefern. Ein neues Feature-Release kommt bei uns einmal im Jahr zum Kunden. Dort sind dann die neuen coolen Features drin. Öfters geht es nicht, wird uns gesagt, aber das wäre trotzdem agil und Scrum. Wenn die das so sagen, dann wird es wohl stimmen. Ich jedenfalls hatte in meinem Leben bis dato noch nie etwas von Scrum und agil gehört oder gelesen, also verließ ich mich da auf meine Kollegen. Die sind ja wohl agil und ich eben nicht.

Lesen Sie auch: Der Weg von Scrum zum crossfunktionalen, selbstorganisierten Team

Heute ist ein Meetingmarathon, es beginnt mit dem Review. Eigentlich wollten wir zeigen, wie flott Jenkins auf der neuen Infrastruktur läuft. Leider sind wir da aber nicht weitergekommen, weil wir so viele Patches hatten bauen müssen. Zudem hat die große IT-Abteilung (die gehören zu einem anderen Bereich) uns auch die Rechner erst vorgestern zur Verfügung gestellt. Eigentlich hatten wir „Bleche“ gewollt, aber die haben uns ein paar nicht mehr verwendete virtuelle Maschinen zur Verfügung gestellt. Eigentlich können wir gar nichts zeigen, denn auch die 27 Patch-Releases, die wir gebaut haben, zeigen ja nur, dass wir die Ergebnisse der Kollegen korrekt zusammengebaut haben.

Endlich ist das Review zu Ende. Ich atme auf und renne zur Toilette. Dann lasse ich mir noch einen Cappuccino raus. Leider ist der Satz Behälter voll, der Wassertank leer, die Bohnen aus. Wasser und Satzbehälter erledige ich an Ort und Stelle. Ich renne in den 25ten Stock und hole Kaffeebohnen und fülle sie noch außer Atem in die Maschine. Jetzt fehlt auch noch die Milch. Ich muss runter in den ersten Stock. Als ich zurück bin, kann ich mir endlich den ersehnten Kaffee zubereiten. Leider bin ich jetzt schon zu spät für die Retro.

Wer zu spät kommt, …

Es geht weiter mit der Retrospektive. Wir treffen uns im Besprechungszimmer „Titanic“, das von Olaf, einem ehemaligen Mitarbeiter, so getauft wurde, weil ihm dort die fristlose Kündigung mitgeteilt wurde. Olaf hat inzwischen etwas Neues gefunden. Damals mussten ein paar Mitarbeiter gehen, weil die Firma eine Krise hatte. Ich komme wegen der Kaffeewartung zu spät. Dietmar schaut mich böse an und erinnert mich daran, dass Scrum immer „Einhalten der Time Box“ bedeutet und dass es ganz schlecht sei, dass ich zu spät bin. Mein Versuch, meine Verspätung zu erklären, wird abgewürgt. Ich beginne mich sehr schlecht zu fühlen und ich habe keinen Bock mehr auf Dietmar und die ganzen Drecks-Besprechungen.

Wir sitzen also in Titanic und fangen an, über den letzten Sprint zu reden. Eigentlich jammern wir nur. Ich und Ulf beschweren uns bei Dietmar, unserem Chef, über die vielen Patches, die spontan gebaut werden mussten. Eigentlich wollten wir ja Jenkins auf einen schnelleren Server umziehen, aber leider kamen ständig neue Patches dazwischen. Ich musste deshalb mehrfach bis nach zwanzig Uhr im Haus bleiben, weil der jeweilige Patch erst ganz spät vom Tester-Team zurückkam, das zwölf Stockwerke über uns sitzt. Überhaupt war das Tester-Team sehr pingelig und wir haben uns per E-Mail hin und her gestritten, ob bestimmte Phänomene nun ein Bug sind oder nicht.

Schließlich hat Dietmar entschieden, dass der Patch raus muss und die Fehlermeldungen der Tester ignoriert werden sollten. Dann habe ich den Patch eben erst um neunzehn Uhr weiterbearbeiten können und wurde gegen halb neun fertig mit dem Bauen. Wir regen uns schließlich alle gemeinsam über die pingeligen Tester auf, die uns sowieso schon lange nerven. Dietmar verspricht, dass er denen Mal in den nächsten vier Wochen den Marsch blasen wird. Ich glaube zwar nicht, dass sich dadurch bei WabelTech etwas ändern wird und doch verschaffte es mir etwas Genugtuung, dass Dietmar denen mal seine Meinung sagen wird.

Planning und andere Schwierigkeiten

Danach ist Planning. Wir streiten endlos über die Stories und wie lange wir dazu brauchen werden. Dietmar meint, dass das alles viel zu lange dauert und dass wir das schneller können. Ulf und ich gehen aber lieber auf Nummer sicher. Wir wollen nicht zuwenig schätzen und dann von Dietmar kritisiert werden, dass wir es nicht geschafft haben. Ulf und ich sind nicht sicher ob die neuen Maschinen die gewünschte Beschleunigung bringen oder unser Performance-Problem mit der CI nicht noch verschlimmern. Dann wird Dietmar angerufen. Irgendjemand saumäßig wichtiges will ihn sprechen. Er unterbricht das Meeting kurz, um die Firma zu retten. Ulf und ich sitzen in „Titanic“ und langweilen uns. Zuerst diskutieren wir über das Wochenende und Ulf erzählt von seinem neuen Firmenwagen. Dann holen wir uns noch einen Kaffee. Und noch einen. Und noch fünf. Dann nach zwei Stunden ist Dietmar schon wieder da. Es täte ihm leid, aber das sei jetzt echt wichtiger gewesen. Wir streiten also weiter über die Stories. Dietmar beschließt mit uns, das das Meeting heute ausnahmsweise drei Stunden Später zu Ende geht.

Lesen Sie auch: Agile Softwareentwicklung: 5 Tipps für erfolgreiches Pair Programming

Nach dem Meeting bin ich platt wie eine Flunder. Ich treffe Michi, den Scrum Master von Team Gelb, und wir gehen noch ein Bier trinken beim „Tschappos“. Das haben wir schon ewig nicht mehr gemacht. Ich kotze mich so richtig aus über den aus meiner Sicht verlorenen Tag. Und Michi hört mir aufmerksam zu. Je mehr er zuhört, umso mehr merke ich, dass ich nur am Jammern bin. Ich sitze in einer Opferrolle fest. Ich habe Angst in der Firma nicht voranzukommen und stelle fest, dass ich wenig Wertschätzung empfange. Michi erzählt mir, dass noch immer Freiwillige für die Scrum-Master-Rolle für eines seiner Teams gesucht wird. Er will nicht Team-Mitglied und Scrum Master im selben Team sein, weil das zu Rollenkonflikten führe.

Auf dem Weg nach Hause komme ich ins Grübeln. Will ich eigentlich immer nur der „Motzer“ sein? Ich merke, wie ich alles nur kritisiere, aber selbst keinen Beitrag zur Lösung finde. Außerdem habe ich Scrum von vorne herein abgelehnt, weil es uns aufgezwungen wurde. Ich habe dem Thema ja gar keine Chance gegeben. Und vielleicht wäre Scrum Master ein Weg aus der beruflichen Sackgasse, in der ich mich momentan gefühlt befinde. Ich fasse einen mutigen Beschluss: Ich werde mich bei Dietmar zur Rolle des Scrum Masters freiwillig melden. Ich bin ganz aufgeregt. Hoffentlich sagt Dietmar „ja“…

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -