Kapitel 2: Scrum ist doch nicht so doof

Der Scrum Master: Die Offenbarung
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Eine sehr reale und doch erfundene Geschichte: In Teil 1 von „Der Scrum Master“ erzählte Jürgen Knuplesch, selbst Scrum Master, agiler Berater, Autor, Mathematiker, Trainer, Theologe und vor allem Mensch, von einer furchtbar schief gegangenen agilen Transformation. In Teil 2 erwartet uns nun die Offenbarung: Wendet sich doch alles zum Guten?

Ein neuer Tag bei WabelTech. Der ätzend lange Tag der endlosen Besprechungen liegt hinter mir im Nebel der Vergangenheit. Heute soll für mich ein neues Zeitalter beginnen. Ich will mich freiwillig als Scrum Master melden. Ich schreibe aufgeregt eine E-Mail an meinen Chef. Als er mich einige Tage später in sein Büro einlädt, ist mir etwas unwohl zumute.

Er ist bereit in meine Ausbildung zum Scrum Master zu investieren, hat aber zwei Bedingungen. Ich muss mir den Kurs selber heraussuchen und alles mit dem Sekretariat zusammen organisieren. Und ich muss ein Buch lesen, das wir zu Scrum bei WabelTech haben. Es hätte schlimmer kommen können und mit etwas Fleiß nehme ich die beiden Hürden. Das Buch ist sehr langweilig, aber versprochen ist versprochen. Der Kurs, den ich herausgesucht habe, findet in Frankfurt statt.

Der Scrum Master

Teil 1: Wie alles begann
Teil 2: Die Offenbarung

Es ist Fußball-Weltmeisterschaft und morgen wird Deutschland im Achtelfinale gegen Algerien spielen. Hoffentlich hat mein Hotel einen Fernseher, aber davon darf ich wohl ausgehen. Ich besteige den Zug und komme pünktlich in Frankfurt an. Der Weg zum Veranstaltungsort führt mich über Frankfurts Straßen und ich staune, wie viele Menschen dort obdachlos auf der Straße campieren. Am Veranstaltungsort angekommen suche ich mir erst mal einen guten Platz in der zweiten Reihe. In der ersten Reihe fühle ich mich immer irgendwie so „nackt“, obwohl ich gerne vorne sitze. Getränke sind ausreichend vorhanden und ich versorge mich mit Kaffee und unterhalte mich mit den anderen Teilnehmern. Einer ist von der Bahn, der andere noch im Studium und hat den Kurs vom Veranstalter geschenkt bekommen. Mit den anderen komme ich nicht ins Gespräch, denn es geht jetzt los.

Der Kurs: Auf dem Weg zum Scrum Master

Der Referent ist groß und sieht irgendwie fremdländisch und wie ein Mensch aus. Jedes Mal stelle ich mir irgendeinen perfekten Superhelden vor, der so einen Kurs halten wird, und jedes Mal ist es ein ganz normaler Mensch. Im Grunde ist mir das auch lieber, aber irgendetwas in mir sucht wohl nach dem perfekten Vorbild, das es nicht gibt. Der Kurs beginnt und ich bin sofort positiv überrascht, dass Fragen jederzeit erlaubt sind. Moustafa Kalras kommt aus einem arabischen Land und spricht perfekt deutsch und hat schon viele Jahre Erfahrung in Scrum und so. Während der Kurs fortschreitet fühle ich mich zu meiner Überraschung wohl und wertgeschätzt, sowohl vom Referenten als auch von den anderen Teilnehmern. Meine Beiträge werden geschätzt und ich werde zum Sprecher unserer Kleingruppe ernannt, weil die anderen wohl keine Lust haben, vor der ganzen Gruppe zu reden, ich aber schon.

Wenn Scrum so ist wie unser Kurs, dann ist Scrum etwas für mich. Es ist so erfrischend anders als bei WabelTech. Moustafa leitet den Kurs mit viel fachlicher Kompetenz und, was mir besonders gefällt, mit viel Humor. Humor ist eine Zutat, die das Lernen ungemein erleichtert. Auf einmal leuchten mir die Konzepte von Scrum ein. Es geht darum, innerhalb eines Sprints ein potentiell auslieferbares Produktinkrement zu erzeugen, um dieses dann den Stakeholdern präsentieren zu können. Dadurch, dass die Stakeholder, also Kunden, Manager und unsere Projektmitarbeiter den Entwicklungsfortschritt mit ihrem Feedback begleiten, wird die Gefahr in die falsche Richtung zu programmieren minimiert. Auf einmal finde ich das alles logisch. Hinzu kommt, dass man auf Veränderungen zeitnah reagieren kann und nicht erst in Stein gemeißelte Spezifikationen durch zwanzig Ausschüsse und Gremien schicken muss. Nein, man kann nach jedem Sprintende im Review beobachten und entscheiden, ob die eingeschlagene Richtung stimmt. Bei einer Wanderung schaut man ja auch nicht nur einmal am Anfang der Reise auf den Kompass, sondern auch zwischendurch um die Chance auf ein Verirren minimieren zu können.

Wenn Scrum so ist wie unser Kurs, dann ist Scrum etwas für mich.

Ich merke, wie Begeisterung und Enthusiasmus für Scrum in mir aufsteigen. Das Gefühl kenne ich gut aus meiner Jugendzeit. Jetzt bin ich bald 50. Wow. Scrum, oder eher die Art und Weise wie Moustafa Scrum erklärt, macht mich zu einem begeisterten jungen Mann, der für seine Ideen brennt. Auf einmal ist es passiert: Ich habe eine Offenbarung davon, wie die Arbeit mit Scrum aussehen könnte, wenn man die agilen Konzepte umsetzt. Und mein kreatives Gehirn spuckt schon während des Seminars eine Idee nach der anderen aus, wie wir das bei WabelTech anwenden könnten. Ein potentiell auslieferbares Produktinkrement? Dann muss die Software vorher auch getestet sein, denn sonst ist es ja nicht fertig. Bislang gibt es bei WabelTech dieses Testerteam aus dem andern Stockwerk, an das wir die Software schicken und zwar erst dann, wenn eine Patch-Auslieferung ansteht. Es kann passieren, dass das Zeug schon vor vier Wochen programmiert wurde und der Entwickler gar nicht mehr sicher weiß, was er da so getrieben hat. Das passt nicht zu dem Produktinkrement. Genau! Wir brauchen Tester im Team. Der Code muss zeitnah getestet werden. Dann kann der Entwickler gefundene Bugs mit wenig Aufwand fixen. Unser System verteuert dagegen den Entwicklungsprozess.

Die Offenbarung: „Das will ich auch!“

Und dann kommen wir zum Thema „Excellence“. Und da packt Moustafa eine Anekdote aus, die bei mir einschlägt. Moustafa war auch einmal ein armer Student und dummerweise hatte sein Auto einen Defekt. Viele unter uns kennen den Moment, wenn das Autohaus dir offenbart, dass deine Bremsscheiben Schaden genommen haben, weil du die Bremsbeläge zu spät hast wechseln lassen. Das kostet mehrere hundert Euro, weil die dann garantiert die Bremsscheiben wechseln wollen. Moustafa war Student und hatte wenig Geld, also erinnerte er sich an seine Zeit beim Militär. Da gab es das Problem auch schon mit den Militärfahrzeugen. Damals waren die Ersatzteile knapp und die arabischen Soldaten findig. Sie haben damals die Bremsscheiben in die heiße Wüstensonne gelegt und dann haben die Bremsen wieder funktioniert.

Auf einmal ist es passiert: Ich habe eine Offenbarung davon, wie die Arbeit mit Scrum aussehen könnte, wenn man die agilen Konzepte umsetzt.

Also hat Moustafa das damals dem KFZ-Mechaniker vorgeschlagen, denn ihm wurde schon angst und bange, wenn er an die Rechnung dachte. Der Mechaniker schaute ihn kurz an und sagte: „Herr Kalras, wenn sie das machen wollen, dann nicht hier. Wir machen hier ordentliche Arbeit und keinen Pfusch.“ Der Mechaniker war bei diesem Vorschlag mit seiner Berufsehre in Kontakt gekommen und hatte gemerkt, dass er dies nicht mit seinem Verständnis von Qualität vereinbaren konnte. Moustafa sprach jetzt uns an: „Wie sieht dein Verständnis für Qualität des Quellcodes aus? Sehr viele Entwickler haben leider kaum Berufsehre und liefern Code ab, der nicht den einfachsten Qualitätsanforderungen entspricht. Das gibt es so in fast keinem anderen Beruf.“ Moustafa hatte mich wieder gepackt: Ja, ich will auch, dass der Code bei WabelTech eine hohe Qualität. Kein „Bremsscheiben-in-die-Sonne“-Code, sondern Code mit hoher Qualität.

Und so brachte mir Moustafa in zwei Tagen mehr bei als ich bei WabelTech je hätte lernen können. Unter anderem auch, dass man Scrum formal durchführen kann, aber gar nicht agil arbeitet. Das wird anderswo auch „Fassadenscrum“ genannt und ist auch heute noch vielerorts der Fall.

Der Kurs ging zu Ende. Deutschland hatte am Vorabend Algerien mit 2:1 aus der WM geschmissen und Per Mertesacker hatte sein legendäres Eistonneninterview gegeben, sodass wir endlich wussten, dass im Achtelfinale einer WM keine Karnevalstruppe antritt. Ich fuhr zurück und hatte im Gepäck eine ganze Sammlung von Dingen, die wir unbedingt verbessern sollten. Aus meiner Jugend wusste ich, dass die anderen diese Euphorie nie geteilt haben, wenn man euphorisiert von einer Konferenz zurückkam. Damit würde ich auch rechnen müssen. Aber die Sache war es wert, dafür zu kämpfen. Und ich bin jetzt auch kein Mitglied einer Karnevalstruppe mehr, sondern einer der Scrum verstanden hat und es erfolgreich einsetzen will. Einer, der sich nicht mehr alles als agil verkaufen lässt, was in Wirklichkeit nichts damit zu tun hat. Ich bin bereit. Danke, Moustafa und ihr anderen Helden der wahren Agilität!

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