Kapitel 3: Re-Entry

Der Scrum Master: Wiedereintritt in die Realität
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Erst hinterließ Agile einen schlechten Eindruck, dann stellte sich Scrum als ziemlich toll heraus. Überlebt die Begeisterung für das agile Arbeiten aus Teil 2 unserer Fortsetzungsgeschichte „Der Scrum Master“ aber den Kontakt mit der Realität? Jürgen Knuplesch, selbst Scrum Master, agiler Berater, Autor, Mathematiker, Trainer, Theologe und vor allem Mensch, erzählt eine sehr reale, aber doch erfundene Geschichte über Agile in der Praxis.

Der Scrum Master: Wiedereintritt in die Realität

Das Schöne an einer Geschichte wie dieser ist, dass man seinen Stoff sehr schön sortieren kann und eine Lektion nach der anderen erzählen kann, die man als Scrum Master lernen muss. In der realen Welt passiert alles parallel. Alle Dinge passieren gleichzeitig. Konflikte im Team, Konflikte mit anderen Teams, Konflikte mit Kollegen, die das Team schlecht reden, Konflikte mit dem Product Owner, Schwierigkeiten, Sitzungen spannend zu gestalten, endlose ineffiziente Diskussionen, Teams, die nicht verstehen können, was man ihnen doch erklärt hat, ein Scrum Master, der an seinem Team verzweifelt, ein Scrum Master, der an seiner Firma verzweifelt.

Der Scrum Master

Teil 1: Wie alles begann
Teil 2: Die Offenbarung
Teil 3: Re-Entry in die Realität

Das war jetzt erst einmal das Negative. Auch das Positive passiert parallel dazu, wie ein Team, das zusammenwächst, Konflikte, die endlich gelöst werden, Teammitglieder, die sich weiterentwickeln, Teammitglieder, die erkennen, dass sie eine andere Rolle haben wollen und sie bekommen, Teammitglieder, die den Scrum Master ermutigen und weiterbringen, ein Product Owner, der auf den Scrum Master hört und Dinge anders macht.

Der Re-Entry nach der Scrum-Seligkeit

Aber wenn es einfach wäre, Scrum Master zu sein, dann könnte es ja jeder. Das Einfachste an der Scrum-Master-Rolle ist es, das ersehnte Zertifikat zu bekommen. Das ist genauso langweilig wie einfach. Dazu musst du lediglich den Scrum Guide in Englisch vorwärts und rückwärts lesen, dann ein paar Test-Apps herunterladen, mit denen du dich auf den Test vorbereitest und noch etwas Englisch verstehen, weil die Multiple Choice Fragen natürlich „tricky“ gestellt werden, damit du auch mal das Falsche ankreuzt.

Das Zertifikat hat ebenso wie andere Zeugnisse lediglich den Mehrwert, dass Manager bei einer Einstellung danach fragen und man so seine Chancen, eingestellt zu werden, erhöht. Aber ob jemand ein guter Scrum Master ist oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.

Ich kam also zurück von meiner Reise zum Mond der Scrum-Seligkeit und trat in die Atmosphäre einer real existierenden Software Firma ein. Bei Astronauten nennt man das „Re-Entry“. Die Gefahr zu verglühen ist dabei ziemlich hoch.

Der eiserne Erwin

In vielen Organisationen gibt es jemanden wie Erwin. Erwin hielt sich für den besten Entwickler, den diese Welt gesehen hat und zudem für den Inbegriff eines Scrum Masters und Agil-Verstehers. Er wurde vom Chef als der agile Motor von WabelTech gesehen. Erwin konnte reden. Ich meine, Scrum Master sollten das schon können, das ist eine der Stärken eines Scrum Masters: Er steckt voller Enthusiasmus und redet ganz gern über Agilität, um andere anzustecken.

Erwin redete so viel wie ein guter Scrum Master, eigentlich sogar mehr als ein guter Scrum Master. Aber er redete nicht, um anzustecken, sondern um auszugrenzen. Alles, was er sagte, diente dazu, ihn selbst und seine Peer-Group als die wahren Könner darzustellen und alle anderen als Versager.

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Seine Ausstrahlung war so magisch, dass mir jedes Mal die Worte wegblieben, wenn er zu einem seiner langen Monologe ansetzte. Es fühlte sich aber jedes Mal wie Gehirnwäsche an. Er liebte es, wenn man ihn bewunderte und ihn abwesend und fasziniert anstarrte. Während echte Agilität immer menschliche Effizienz treibt, die das Potential in jedem einzelnen sieht, war Erwins Definition eine unmenschliche Effizienz, die alle Leute eliminierte, die nicht so waren, wie Erwin das wollte. Gerne unterhielt er sich laut auf dem Flur, so dass ihn der gesamte Entwicklungsbereich trotz geschlossener Türen hören konnte. Manchmal auch leise, wenn er mal wieder Gift versprühte. Dann konnte es passieren, dass man in die Kaffeeküche kam und ihn und seine Jünger auf einmal wider Erwarten stumm wurden. Einer der fünf Scrum-Werte ist „Respekt“, aber das war bei Kollegen wie Erwin noch nicht angekommen.

Erlebnisse mit Erwin

Ich komme also zurück von meinem Kurs und darf gleich zwei Entwicklungsteams als Scrum Master betreuen und gleichzeitig noch Entwickler in einem dritten Team sein. Mein Chef traut mir also eine Menge zu, oder er unterschätzt die Scrum-Master-Aufgabe. Und ich darf endlich in den illustren Zirkel der Scrum Master bei WabelTech eintreten.

Wir treffen uns regelmäßig, um uns über den Stand in unseren Teams auszutauschen. Erwin ist auch dabei. Ich hatte schon immer meine Schwierigkeiten mit Erwin. In einer früheren Firma war ich gleich zwei noch dominanteren Typen zum Opfer gefallen. Damals hatte ich noch nicht gewusst, dass es Menschen gibt, die nicht teamfähig sind. Ich war damals ausgebrannt und musste kündigen.

Seit dieser Zeit habe ich eine Antenne für Menschen, die dich aussaugen und dir niemals Energie geben. Als Erwin in unsere Firma kam, merkte ich sofort, dass er ein ähnlicher Typ wie meine zwei alten Freunde war. Er redete häufig schlecht hinter dem Rücken von Kollegen. Bezeichnete sie als „Straßenkehrer“, um anzudeuten, dass er sie für komplett unfähig hielt. Wir sitzen also in unserem Scrum-Master-Meeting, und Erwin legt los: „Also das läuft ja gar nicht gut hier. Unser Infrastruktur-Bereich besteht aus totalen Versagern. Habt ihr gehört, wieviel die verdienen? Das ist unfassbar. Und die schaffen es noch nicht einmal, eine virtuelle Maschine für unsere Selenium-Tests zur Verfügung zu stellen. Die wollen das tatsächlich mit Windows machen. Dabei wäre das mit Debian so einfach. Ich würde so eine Maschine in zwei Stunden komplett einrichten, aber die bringen nichts auf die Reihe. Und dann haben wir noch immer keinen bereichsweiten Chat ausgerollt. Ich hasse diese alten Kommunikationsmethoden. Wir sind agil. Wir wollen die neusten Kommunikationskanäle. Und dann diese Entwickler aus deinen beiden Teams!“ (Ach du Schreck, er redet von mir und meinen beiden Teams.) Und weiter: „Du musst denen endlich beibringen, Code zu schreiben, der die richtige Qualität hat. Ich habe ein paar Klassen von Hugo ausgecheckt. Da wird einem ja schlecht.“

An dieser Stelle wollte ich etwas sagen, aber Erwin redete einfach weiter. Das ging noch einmal etwa zehn Minuten, und dann kam das große Finale: „So lange wir hier so schlechtes Personal haben, wird es mit WabelTech immer weiter bergab gehen. In meiner alten Firma hätten wir das niemals zugelassen. Diese schlappe Geschäftsführung hat einfach nicht die Eier, um hier die ganzen „Straßenfeger“ zu entlassen. Die muss man rausschmeißen und durch Leute wie mich ersetzen, dann kann das hier noch was werden.“

„Hmm“, sage ich, „aber warum ist dann deine alte Firma pleite gegangen und WabelTech gibt es noch heute?“

„Das war einfach Pech, weil WhatsApp den ganzen Markt aufgemischt hat und unser super Produkt dagegen nicht ankam, auch wenn wir qualitativ sogar besser waren.“
So ging das in diesem Meeting und eigentlich die ganze Zeit. Die Kollegen in Erwins Team gingen bereits mit gekrümmten Rücken durchs Büro und sahen immer so frustriert aus. Leider hatte ich keine gute Idee, wie ich helfen könnte, außer mich immer mehr gegen Erwins unverfrorene Wertungen zur Wehr zu setzen, was wegen seiner rhetorischen Geschicklichkeit und seinem Ansehen bei den Führungskräften sehr schwierig war. Aber ich versuchte es wenigstens.

Kulturtermiten

Menschen wie Erwin sind „Kulturtermiten“, weil sie die Firmenkultur von innen aushöhlen. Sie haben oft fachlich durchaus etwas beizutragen, auch wenn sie ihre Fähigkeiten meistens überschätzen und das Potential ihrer Kollegen unterschätzen. Sie glauben merkwürdigerweise nicht an eine kontinuierliche Verbesserung ihrer Kollegen, sondern legen sie auf das, was sie von ihnen glauben, fest. Sie können sich kaum vorstellen, sich auch einmal zu irren.

Wenn man sie nicht stoppt und ihnen hilft, sich zu verändern, dann sind sie es, die eine Firma zugrunde richten und nicht, wie von ihnen behauptet, ihre unfähigen Kollegen und Chefs. Selten trauen sich ihre Vorgesetzten, sich ihnen in den Weg zu stellen, weil sie so selbstsicher und dominant auftreten, aber genau das wäre notwendig, um eine agile Firmenkultur aufzubauen, die insbesondere auf gegenseitigem Respekt fußt. Die Werte sind die Wurzeln der Agilität, und wenn sie fehlen, dann wirkt Agilität wie eine vertrocknete Pflanze.

Bye Bye Erwin

Es gab eine gute Sache an dem eisernen Erwin, auf die ich meine Hoffnungen setzte. Er drohte ständig damit zu kündigen, wenn sich bei WabelTech nicht bald etwas ändern würde. Und ich hoffte so sehr, dass er es tun würde. Und eines Tages tat er es. Ich war selten so glücklich bei WabelTech als an dem Tag, als Erwin unsere Firma verließ.

Willkommen in der Realität

Ich bin also wieder in der Realität angekommen. Es ist nicht leicht, Agilität positiv zu leben, wenn einem die eisernen Erwins dieser Welt ständig in die Suppe spucken und man selbst noch nicht so weit ist, ihnen komplett die Stirn zu bieten. Aber aufgeben ist keine Option. Ich werde trotz aller Widrigkeiten an mir arbeiten und WabelTech helfen, eine agilere Firma zu werden.

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2 Kommentare auf "Der Scrum Master: Wiedereintritt in die Realität"

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Max
Gast

Hi,
tut mir leid. Dieser Artikel ist Schrott.

Vielleicht sollte die Firma Erwin kündigen und nach 1 bis 2 Monaten selber Insolvenz anmelden, da sich merkt dass es niemand mehr gibt der „Einsatz“ im Sinne von „Ich mache das jetzt“ zeigt.
Es gibt immer Gründe, warum Erwin da ist, wo er ist.
Hätte man sich sparen können diesen Artikel zu lesen.
Grüße

Ulli
Gast

Ich finde den Artikel gut, er zeigt in einer unaufdringlichen Art auf dass ein Erwin nicht immer zur Lösung beiträgt sondern öfters das Problem selber ist. Ich kenne selber solche Leute, meistens können sie nur gut reden leisten aber selber keinen Einsatz. Oder nur dann wenn der Vorgesetzte hinschaut. Lesen sie mal die Unterschiede von produktiven Menschen und beschäftigten Menschen.

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