Der Scrum Master: Teil 7

Der Scrum Master: Eine Weihnachts-Scrum-Geschichte mit Kudo
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Nicht immer gelingt es, neue Teams gleich für den Scrum Spirit zu begeistern. Das kann auch eingefleischte Scrum Master schon mal frustrieren, wie Jürgen Knuplesch in diesem Teil der sehr realen, aber doch erfundenen Geschichte des Scrum Masters berichtet. Wirft unser Scrum Master das Handtuch? Oder kommt ihm der weihnachtliche Geist zu Hilfe?

Eine Weihnachts-Scrum-Geschichte mit Kudo

Wir sind beim siebten Teil der Geschichte angelangt, und sieben ist ja bekanntlich eine biblische Zahl. Am siebten Tag hat Gott sich ausgeruht, sieben Tage hat darum die Woche, in der Offenbarung gibt es ein Buch mit sieben Siegeln und sieben Engel mit sieben Posaunen. Und dann steht auch noch Weihnachten kurz vor der Tür. Da ist es doch an der Zeit, die agile Arbeitsweise, den Scrum Master und etwas weihnachtliche Menschlichkeit zu verbinden.

Laut dem Manifest der agilen Softwareentwicklung soll man seine Teams ja aus motivierten Menschen zusammensetzen. Aber wo bekommt man die nur her? Ein Schlüssel dazu ist die Etablierung einer Wertschätzungskultur im Unternehmen. Bekanntlich kündigen die meisten Mitarbeiter vor allem wegen fehlender oder zu geringer Wertschätzung. Das hat zumeist mit einem ganz unscheinbaren Wort zu tun, das alle Wertschätzung im Keim erstickt. Dieses Wort lautet „selbstverständlich“. Wenn wir die Arbeit und unsere Leistung oder die Leistung anderer Menschen als selbstverständlich ansehen, weil es ja unser Job ist, dann schalten wir damit jegliche Wertschätzung anderen Menschen gegenüber aus. Darum bemühe ich mich, dieses Wort weitestgehend aus meinem Wortschatz zu streichen und durch das einfache Wort „danke“ zu ersetzen. Wenn uns das in unserem Unternehmen gelingt, dann ist das so etwas wie ein Weihnachtswunder.

Eine neue Woche bei WabelTech. Heute ist Teamstart im Team Ui. Das Team wurde neu geformt; ich bin der neue Scrum Master im Team Ui. Ich habe meinen persönlichen Coach Pierre gefragt, wie ich so ein Initialmeeting angehen soll. Er hat mir vorgeschlagen, im Team meine Werte und mein Selbstverständnis vorzustellen. Darum habe ich eine kleine Rede vorbereitet, bei der ich mich dem Team öffnen und meine Werte preisgeben will: Menschlichkeit, Wertschätzung, Respekt. Ich will ihnen sagen, dass ich als Scrum Master für sie immer da sein werde und sie auf mich zählen können.

Nachdem der Product Owner seine Pläne und die Aufgabe erklärt hat, bin ich an der Reihe. Ich halte einen langen, fünfminütigen Monolog und erhoffe mir im Anschluss rege Begeisterung und Zustimmung. Ich bin also voll im Schwung und erkläre den Zusammenhang von Glück und Erfolg im Beruf. Glückliche Menschen sind erfolgreicher. Also ist es immer eine Win-Win-Situation, wenn man es schafft, glückliche Mitarbeiter zu haben. Und ich selbst bin beim Reden immer begeisterter.

Bitte keinen Ringelpiez mit Anfassen!

Dann komme ich zum Schluss. Jetzt sehe ich in die Gesichter. Und ich sehe nichts. Nur nichtssagende, blanke Gesichter. Eine erste Schockwelle durchflutet meinen Körper, wobei ich äußerlich gefasst bleibe. Dann beginnt doch noch eine Diskussion. Tim sagt: Von ihm aus können wir Kanban-mäßig und Scrum-ähnlich arbeiten, aber er will keinen gruppenpsychologischen Schnick-Schnack. Der nächste Schlag. Denn ich hatte vor, im Team Kudo-Karten einzuführen und einen Persönlichkeitstest durchzuführen und mit ihnen Moving Motivators zu spielen, damit sich das Team besser kennenlernt. „Ja, bitte keinen Ringelpiez mit Anfassen!“, sagt auch Kuno. Dabei schaut er in meine Richtung.

Meine Motivation ist innerhalb weniger Minuten von super hoch auf minus 100 gesunken. Minus 100? Minus eine Million wäre wohl genauer. Was wollen die dann noch von mir lernen? Genau diese Themen zu Persönlichkeit und Diversität sind mein Spezialgebiet und der Bereich, in dem ich das meiste Verbesserungspotential sehe. Irgendwie bringe ich das Meeting zu Ende, meine Stimmung ist auch am Ende. Ich lechze nach einer winzigen Prise Ermutigung. Also gehe ich mit Product Owner Ulf noch einen Kaffee trinken. Ich nehme meinen Mut zusammen und frage ihn, wie er den Teamstart und meine Vorstellung fand. „Ich kam mir vor wie in einer Predigt in meiner Kirche.“, antwortet er. Das war jetzt aber nicht besonders detailliert. Und sein Blick und seine Tonlage vermitteln mir den Eindruck, dass ich mich gerade kräftig blamiert habe.

Mein Selbstwertgefühl ist nun auch am absoluten Nullpunkt angelangt. Was mache ich hier nur? Da ist ein Team, das nichts mit mir anfangen kann. Und ich scheine hier auch nichts zu bringen. Ich habe so was von keiner Lust, noch jemals Kudo-Karten in diesem Team vorzuschlagen, denn damit wäre meine nächste Scham-Attacke vorprogrammiert. Ich schleppe mich an meinen Arbeitsplatz bei meinem anderen Team und lecke meine Wunden. Ich mache mich über den Weihnachtsmann her, den wir zu Nikolaus von WabelTech geschenkt bekommen haben. Aber danach fühle ich mich auch nicht besser.

Kudo-Karten

Die nächsten Tage sind grausam. Ich habe keine Lust mehr, als Scrum Master zu arbeiten. Dann geht mir dieses blöde Team total auf die Nerven, weil ich wieder denke, dass ich doch Recht habe und all diese Dinge gerade diesem Team helfen würden. Ab und zu bin ich etwas besserer Laune, wenn ich in meinen anderen Teams bin. In der Mittagspause erzähle ich Nadja und Tim von den Kudo-Karten, ohne ernstlich vorzuhaben, sie in irgendeinem Team einzuführen. Trotzdem erläutere ich: Wenn einem etwas Konkretes positiv bei einem Kollegen auffällt, dann darf man so eine Karte schreiben, um Wertschätzung auszudrücken. Zum Beispiel: „Danke Peter, dass du die roten Tests gefixt hast“, oder „Danke Eva, dass du mir gestern bei Git geholfen hast“, oder nur „Danke Sarah, dass du mir gestern zugehört hast, das hat mir sehr geholfen.“ Und dann unterschreibt man die Karten noch, damit der Betreffende weiß, wer es war. Die ganzen Karten kann man dann dem anderen in die Hand drücken oder noch besser in eine Kiste werfen und dann gemeinsam bei der Retrospektive vorlesen. So kann man die Wertschätzungskultur verbessern. Wenigstens hören Nadja und Tim mir zu.

Ich selbst bin mehr und mehr frustriert und denke, dass ich hier nichts bringe. Vielleicht sehe ich das nach dem Weihnachtsurlaub anders, aber ich brauche zumindest jetzt eine Pause, um mich von dieser Enttäuschung zu erholen. Vielleicht sollte ich aufhören, als Scrum Master zu arbeiten. Zum Glück habe ich jetzt Ferien. Ein paar Kollegen wünschen mir frohe Weihnachten, und dann bin ich schon draußen bei der U-Bahn. Ich hänge mir meine Tasche um, in der das Geschenk für meinen Sohn Karlos steckt und begebe mich in die Weihnachtsferien.

Bescherung

Die nächsten Tage vergehen mit Festvorbereitungen und trüben Gedanken bezüglich der Arbeit. Dann sitzen wir endlich am 24. im Wohnzimmer und packen Geschenke aus. Ich trinke ein Glas Sekt und freue mich, wenn sich meine Frau oder die Kinder über meine Geschenke freuen. Moment. Ich habe ja ein Geschenk vergessen. Das für Karlos. Das ist ja noch in meiner Tasche. Ich schleiche mich also ins Arbeitszimmer und öffne die Tasche. Da ist es ja.

Aber was ist das? Da sind ja zwei Kudo-Karten. Ich schaue sie mir etwas genauer an und setze mich erst einmal hin. Beide sind für mich. Eine ist von Tim, die andere von Nadja.

Lieber Jürgen,

danke, dass du immer neue verrückte, kreative Ideen hast. Bitte, bitte hör nicht auf, solche Ideen einzubringen.

Dein Tim

 

Lieber Jürgen,

danke, dass du so enthusiastisch für agile Themen und Scrum bist, das mag ich an dir. Bitte hör nicht damit auf, auch wenn wir nicht alles gleich umsetzen.

Deine Nadja

Irgendwie bekomme ich feuchte Augen. Ich werde also doch gesehen und mein Einsatz ist doch wertvoll. Ich brauche einen Moment und mache mich dann auf ins Wohnzimmer, überreiche Karlos sein Geschenk und setze mich wieder aufs Sofa, zu meinem Sekt.

Meine Frau fragt: „Gefallen dir deine Geschenke? Du siehst irgendwie glücklich aus.“ Ich antworte: „Ja, eure Geschenke gefallen mir gut.“ Und, so denke ich heimlich, die beiden Geschenke meiner Kollegen haben mir geholfen, meine Arbeit wieder zu lieben. Ich bin fest entschlossen nach dem Urlaub meine Einstellung zu ändern und mich dann um das Team Ui zu kümmern. Jetzt habe ich erstmal alles bekommen, um meinen Urlaub genießen zu können und mich aufs neue Jahr zu freuen!

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1 Kommentar auf "Der Scrum Master: Eine Weihnachts-Scrum-Geschichte mit Kudo"

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Jessica
Gast

Danke für diesen wieder sehr gelungenen Post. Ich habe alle Teile davor auch mit Spannung gelesen und musste das ein oder andere Mal schmunzeln, weil mir einige Situation extrem bekannt vorkamen. Insbesondere die leidenschaftlichen Begeisterungsreden, die dann doch auf ausdruckslose Gesichter treffen kenn ich nur allzu gut^^ Da erfreut es schon wenn nur einer die Scrum Master Leistung anerkennt 🙂

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