Teil 2: Ein Lastenheft konzeptionieren und Benutzeranforderungen berücksichtigen

Aufbau von Lastenheften und Ermittlung von Benutzeranforderungen
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Im professionellen Umfeld erfolgt vor der Softwareentwicklung eine detaillierte Planung und Analyse der Anforderungen. Insbesondere für die Entwicklung von Individualsoftware ist eine ausführliche Planungsphase notwendig. Der grundlegende Anforderungskatalog – gewissermaßen als erstes Ergebnis dieser Planungsphase – wird in einem so genannten Lastenheft zusammengefasst. Diese Artikelserie betrachtet die wichtigsten Aspekte dieser frühen Planungsphase.

Ging es im ersten Teil um Sinn und Zweck von Lastenheften sowie um den konkreten Aufbau eines Lastenhefts dreht sich in Teil zwei alles um den Prozess zur Ermittlung von Benutzeranforderungen sowie um mögliche Hilfsmittel.

Der Prozess der Ermittlung der Benutzeranforderungen

Wie bereits ausgeführt, sollte das Lastenheft im Idealfall durch den Kunden erstellt (er muss wissen, was er will…) und dem Auftraggeber als fertiges Dokument übergeben werden. Häufig ist der Kunde aus den verschiedensten Gründen dazu nicht in der Lage. Zum einen kann nicht immer das notwendige Fachwissen vorausgesetzt werden, zum anderem können die (zeitlichen) Ressourcen nicht vorhanden sein. Auch ist der Fall anzutreffen, dass vom Kunden lediglich das Problem benannt wird und vom Auftraggeber ein Sorglospaket zur Lösung erwartet wird. Und hier liegt genau das Problem: Die Nennung des Problems ist zu unspezifisch, oft ist nicht klar, was das eigentliche Ziel einer Softwareentwicklung sein soll. Mit anderen Worten: Es ist lediglich ein Unzufriedenheitszustand auszumachen, das Ziel bleibt dabei zunächst im Dunklen. In diesen Fällen fällt die Erstellung des Lastenhefts als Pflichtenheft auch in den Aufgabenbereich des Auftragnehmers. Dieser Schritt sollte nach Möglichkeit als separates Projekt deklariert und vertraglich eigenständig behandelt werden. Das zentrale Problem beim Projektstart und damit bei der Erstellung des Lastenhefts lässt sich durch die folgenden Sätze zusammenfassen:

  1. Der Softwareentwickler versteht (häufig) wenig von den Kundenproblemen.
  2. Der Softwareanbieter benutzt eine Sprache, die der Kunde nicht versteht.

Artikelreihe

Lastenheft: Inhaltliche Problemstellung

Wichtigste Aufgabe des Anbieters ist es nun, diese semantische Lücke zwischen den Beteiligten zu schließen. Das Projekt Lastenhefterstellung umfasst zwei wesentliche Inhalte. Zum einen die Durchführung einer Voruntersuchung zur Erfassung der inhaltlichen Problemstellung, zum anderen die Anfertigung einer Durchführbarkeitsuntersuchung. Im Ergebnis soll als Pflichtenheft das Dokument Lastenheft stehen. Die Erstellung einer Projektkalkulation und eines Projektplans sind eigentlich erst dem nächsten Schritt der Pflichtenhefterstellung zuzuordnen. Beides wird jedoch bereits oft während dieser frühen Projektphase vorgenommen. Das kann notwendig sein, wenn der Auftraggeber bereits zu Beginn eine Schätzung der zu erwartenden Kosten erwartet. Die Projektkalkulation bedingt natürlich eine (zumindest grobe) Projektplanung. In den Bereich der Voruntersuchung fallen die folgenden Aufgaben:

  • Auswählen und Abgrenzen des Untersuchungsgegenstands
  • Analyse des Ist-Zustands
  • Festlegung des Soll-Zustands
  • Ermittlung der Hauptfunktionalität der Software
  • Feststellung der relevanten Daten
  • Dokumentation der wichtigsten Merkmale der Benutzerschnittstelle
  • Aufführung wichtiger Qualitätsmerkmale

Durchführbarkeitsuntersuchung

Die Durchführbarkeitsuntersuchung umfasst zwei Aspekte: Zunächst ist die fachliche Durchführbarkeit des Softwareprojekts zu prüfen. Dazu gehören die Abklärung der technischen Voraussetzungen, die Ermittlung alternativer Lösungsvorschläge und das Abschätzen von fachlichen Risiken. Dann ist die ökonomische Durchführbarkeit des Projekts zu beurteilen. Hilfsmittel sind eine grobe Aufwands- und Terminschätzung und die Anfertigung einer ersten Wirtschaftlichkeitsberechnung. Abbildung 1 fast die beiden Ansatzpunkte aus Sicht des Auftragnehmers nochmal zusammen. Für den Fall, dass bereits ein Lastenheft durch den Auftraggeber vorgelegt werden kann, ist der Auftragnehmer in der Position des Moderators, und seine Leistungen umfassen einen normalen Beratungsaufwand. Sind zunächst auch die Anforderungen zu ermitteln, d. h. es wird kein Lastenheft durch den Aufraggeber vorgelegt, so muss dieses ebenfalls durch den Auftragnehmer erstellt werden. Er befindet sich jetzt in der Rolle des Mediators, der Beratungsaufwand kann hier als höher bezeichnet werden. Der Vorgang zur Erstellung des Lastenhefts ist in Abbildung 2 zusammengefasst.

Form und Gestaltung des Lastenhefts

Hinsichtlich der Form und Gestaltung lassen sich zum Dokument des Lastenhefts einige Hinweise geben. Diese dienen mehr als „roter“ Faden und sind nicht als starres Gerüst aufzufassen. In Tabelle 1 sind einige Hinweise aufgeführt.

Kriterium Hinweise
Umfang Das Lastenheft ist übersichtlich zu halten. Die Formulierungen sind knapp zu gestalten und auf das Wesentliche zu beschränken. Detaillierungen können mithilfe von tabellarischen Übersichten und Grafiken vorgenommen werden. Insgesamt sollte das Dokument auf wenige Seiten beschränkt bleiben und damit genügend Freiraum für Lösungsvarianten lassen.
Form Gewählt wird eine textgebundene Darstellung. Die äußere Form sollte professionell wirken. Die Zuordnung zum Auftraggeber sollte beispielsweise durch das Firmenlogo deutlich werden.
Gliederung Ein logischer Aufbau des Dokuments ist zwingend. Aus Sicht des Auftragnehmers wird die Arbeit deutlich vereinfacht, wenn sich die Dokumentengliederung am „üblichen“ Vorgehen orientiert. Dieses stellt darüber hinaus sicher, dass keine wichtigen Punkte vergessen werden.
Begrifflichkeiten Wichtig ist eine eindeutige Definition und einheitliche Verwendung der Begriffe. Insbesondere ist darauf zu achten, dass eine eventuelle branchenspezifische Terminologie erklärt wird (Glossar).
Verzeichnisse Ein Inhaltsverzeichnis gehört zwingend zum Dokument. Weitere mögliche Verzeichnisse können Abkürzungs- Definitions- und Quellenverzeichnisse sein. Ein Definitionsverzeichnis ist notwendig, um Fachbegriffe aus dem Anwenderkontext eindeutig zu erklären.
Versionierung Das Lastenheft unterliegt in seiner Entstehungsphase oft der Diskussion und Abstimmung zwischen den Beteiligten. Zur Verdeutlichung der Weiterentwicklung und zur Identifizierung des aktuellen Dokuments sollte eine eindeutige Versionsbezeichnung verwendet werden. In Anlehnung an den Prozess der Softwareentwicklung können Vorabversionen zunächst mit 0.* und die erste freigegeben Version mit 1.0 bezeichnet werden.
Vollständigkeit Trotzt des relativ hohen Abstraktionsniveaus ist auf Vollständigkeit zu achten. Das ist notwendig, da das Lastenheft die Basis für das im nächsten Schritt zu formulierende Pflichtenheft darstellt. Insbesondere sind alle gewünschten Kernfunktionen der Software darzustellen.
Einhaltung von Richtlinien Es ist zu prüfen, ob die Beschreibung der Anforderungen mit den Richtlinien der Unternehmung übereinstimmen. Dieses betrifft z. B. Sicherheitsanforderungen. Es dient der frühen Vermeidung von Fehlentwicklungen.
Detaillierungsgrad Es ist zu prüfen, ob alle Punkte des Lastenhefts auf der gleichen Abstraktionsebene verfasst wurden. Von (technischen) Details ist im Lastenheft abzusehen.
Didaktik Sprache und Gliederung des Dokuments sind so aufzubauen, dass es allgemein gut verständlich ist und durch alle Beteiligten verstanden wird. Eine übermäßige – technisch orientierte –Fachterminologie ist zu vermeiden.

Tabelle 1: Hinweise zur Erstellung eines Lastenhefts

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Lastenheft-Hilfsmittel

Um nicht bei Null anzufangen, kann man auf verschiedene Vorlagen für die Erstellung eines Lastenhefts zurückgreifen. Eine Suche im Internet führt zu zahlreichen kostenfreien aber auch kostenpflichtigen Angeboten, meist in der Gestalt von kommentierten Gliederungsvorschlägen in Form eines Dokuments für Microsoft Word. Beispiele finden sich hier, hier und hier. Diese Vorlagen müssen dann den eigenen Bedürfnissen und dem jeweiligen Projekt angepasst werden. Ist man als Softwareentwickler öfter mit der Aufgabe der Erstellung eines Lastenhefts bzw. in unterstützender Funktion für Auftraggeber tätig, so empfiehlt es sich, eine eigene professionelle Dokumentenvorlage zu erstellen. Vorteilhaft gestaltet sich dann der Übergang zur Erstellung des Pflichtenhefts. Man vermeidet, wichtige Informationen im Lastenheft zu übersehen.

Noch professioneller und umfassender ist die softwaregestützte Durchführung des gesamten Prozesses der Anforderungsanalyse. Zur Unterstützung finden sich einige wenige Produkte auf dem Markt, die auch meist eine weitergehende Funktionalität – oft aus dem Bereich des Projektmanagements – anbieten. Kurz erwähnt wird die Anwendung Solages. Gemäß der Beschreibung des Herstellers ist Solages ein Werkzeug zur Auswahl und Einführung betriebswirtschaftlicher Software. Aus der Perspektive dieses Artikels sind die angebotenen Funktionen zur Anforderungsmodellierung besonders von Interesse. Die Software bietet dazu viele Optionen (vgl. Webseite des Produkts).

Ausblick

In den ersten beiden Beiträgen dieser Artikelserie wurde auf die Inhalte des Lastenhefts zunächst in allgemeiner Form eingegangen. Je nach Anwendung, Art der Software und der Größe des Projekts sind natürlich Anpassungen vorzunehmen. Wir wollen es bei diesen allgemeinen Anforderungen nicht belassen. Als konkretes Anwendungsbeispiel beschäftigen wir uns eingehender mit der Anforderungsdefinition für Webprojekte. Damit folgen wir dem allgemeinen Trend, dass Unternehmensapplikationen zunehmend als Webanwendungen umgesetzt werden. Bedeutung hat das Lastenheft aber auch für den (vermeintlich einfachen) Fall der Erstellung einer umfassenden Internetpräsenz, wo üblicherweise ein Content-Mangement-System (CMS) zum Einsatz kommt. Hier sind bereits in einem frühen Stadium der Planung Überlegungen zur Struktur des Internetauftritts zu integrieren. Dazu jedoch mehr in den folgenden zwei Teilen der Artikelserie (Teil 3: Anforderungen für Webprojekte definieren, Teil 4: Anforderungen an den Projektablauf).

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