Interview mit Tim Hahn über das E-Commerce-Framework Skryper

Spryker – IT als zentraler Wertschöpfungsfaktor
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E-Commerce ist seit Jahren ein Wachstumsmarkt, der seinesgleichen sucht. Dabei ist es alles andere als einfach, in diesem Umfeld zu bestehen: zahlreiche Anbieter buhlen um die Gunst der Geschäftetreibenden – und die müssen gegen die etablierten Big Player antreten; zum Teil mit Geschäftsmodellen, die sich nicht ohne Weiteres mit bestehenden Shoplösungen abbilden lassen.

Das E-Commerce-Framework Spryker schickt sich an, E-Commerce-Treibenden eine Möglichkeit zu bieten, alle nur denkbaren Geschäftsfälle abzubilden – und ganz nebenbei die IT als zentralen Wertschöpfungsfaktor in Unternehmen zu positionieren.

Um das zu würdigen, hat die Mainzer E-Commerce-Agentur netz98 ein Spin-off geründet – die 98Degrees Commerce. Wir sprachen mit Tim Hahn, dem Geschäftsführer, über die Vorzüge von Spryker.

Spryker und die E-Commerce-Situation

Herr Hahn, wie stellt sich die Situation im E-Commerce-Umfeld allgemein dar?

Tim Hahn: Der E-Commerce Markt und ebenso auch die Branche verändern seit geraumer Zeit ihr Gesicht. Wir sehen etwa einen starken Konsolidierungsdruck, der dazu führt, dass kleinere Agenturen immer häufiger in großen aufgehen oder einfach vom Markt verschwinden. Die Gründe sind einerseits die zunehmenden Anforderungen an das Leistungsspektrum, die kleinere Agenturen nur noch schwer abbilden können und andererseits die Konkurrenz in ihrem Kerngeschäft, der Shopentwicklung, durch die zahlreichen out-of-the-box Lösungen für das untere Preis- und Leistungssegment.

Selbst in den weniger umkämpften Bereichen wie Möbel oder Heimwerkerbedarf fällt es schwer, Kunden zu erreichen und eine nachhaltige Markenpräsenz zu schaffen.

Hinzu kommt die hohe Reife vieler Produktsegmente im Onlinehandel und die immer stärkere Diversifizierung und Dynamisierung der Kundenbedürfnisse. Noch ein Shop mit Elektro- oder Fashionartikeln kann aktuell nicht mehr neben den Platzhirschen bestehen; und selbst in den weniger umkämpften Bereichen wie Möbel oder Heimwerkerbedarf fällt es schwer, Kunden zu erreichen und eine nachhaltige Markenpräsenz zu schaffen.

Um sich wirklich aus der Masse des Angebots abzuheben, müssen Shopbetreiber ihren E-Commerce mehr oder minder auf „ihre“ Zielgruppen maßschneidern und permanent mit deren Anforderungen weiterentwickeln – ohne diese immer genau zu kennen. Hier ist von Shopbetreibern und Agenturen immer häufiger Pioniergeist und ein agileres Vorgehen gefragt, denn Standards locken Kunden eben kaum noch aus der Reserve.

Ein permanentes Customizing ist mit den meisten Shoplösungen unserer Erfahrung nach aber nicht wirtschaftlich machbar. Deswegen muss ein neuer Ansatz her – oder eine neue Technologie. Für uns liegt die Lösung in einem E-Commerce Framework, mit dem man flexibel auf individuelle E-Commerce-Anforderungen reagieren kann.

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Dieses E-Commerce-Framework ist Spryker. Worin bestehen die Unterschiede zwischen Spryker und Magento?

Tim Hahn: Spryker ist ein ausgewiesenes E-Commerce Framework, Magento lässt sich als solches verwenden und ist mit der Version 2.0 einen deutlichen Schritt in diese Richtung gegangen. Beide Lösungen verfügen über eine mehrschichtige Softwarearchitektur (jeweils vier Layer mit vergleichbarer Funktion), setzen auf geringe bzw. klar definierte Abhängigkeiten und eine durchgängige Entkopplung von Modulen und eine saubere Trennung der Businesslogik. Dadurch ist bei beiden Lösungen eine hohe Modularität und Flexibilität gegeben.

Spryker geht hier allerdings noch einen deutlichen Schritt weiter. Weitere Unterschiede zwischen Magento und Spryker betreffen unter anderem die verwendeten Frameworks. Magento baut weiterhin weitestgehend auf das Zend Framework 1 sowie in Teilen auf Symfony. Spryker setzt auf den Symfony-Ableger Silex und ausgesuchte Komponenten von Symfony sowie das Zend Framework 2. Außerdem trennt Spryker Frontend und Backend in zwei unterschiedliche Applikationen, „Yves“ und „Zed“. Dies ist einer der zentralen Unterschiede der beiden E-Commerce Technologien. Die Trennung ermöglicht Spryker eine hervorragende Skalierbarkeit.

Spryker ZED-Layer

Der ZED-Layer von Spryker

Das Frontend System Yves verzichtet zudem auf einen Full-Page-Cache, was hinsichtlich der Komplexität weitere Vorteile bringt. Unterschiede gibt es auch bei den einzelnen Komponenten oder Modulen der Shopsoftware-Lösungen. Module heißen bei Spryker Bundles. Die Bundles sind, wie auch die Module bei Magento 2, einzeln versioniert und werden kontinuierlich weiterentwickelt. Das Releasemanagement folgt allerdings einer Continuous-Delivery-Strategie und bringt die bekannten Vorteile bei Stabilität, Qualität und Relevanz bei der Weiterentwicklung der Bundles. Nur einige wenige sind zwingend für den Betrieb erforderlich, der Rest kann optional via Composer installiert werden. Das Baukastenprinzip vereinfacht eine Entwicklung für Geschäftsmodelle jenseits des Standards.

Magento 2 geht den umgekehrten Weg und startet bei der Installation mit allen Modulen, die aber bei Bedarf entfernt werden können. An den Modulen und der Art und Weise wie Composer eingesetzt wird, erkennt man, dass Magento ein bestimmtes E-Commerce-Set-Up vor Augen hat oder besser vorgibt, während Spryker tatsächlich einen offenen Entwicklungsrahmen bietet. Die technologischen Unterschiede sind also aus unserer Sicht nicht beträchtlich, aber doch entscheidend. Aus Ihnen resultiert ein anderes Projektvorgehen und die Adressierung unterschiedlicher Kunden-Cases.

Gelernt von Rocket Internet

Was ist das besondere an Spryker; wer braucht solch ein Framework?

Tim Hahn: Spryker gibt ambitionierten E-Commerce-Betreibern eine Technologie an die Hand, mit der sie hochspezialisierte, individuelle Geschäftsmodelle fernab vom Standard-Webshop realisieren können. Das klingt etwas marketinglastig, meint aber nichts anderes als das mit Spryker insbesondere sehr komplexe Online-Geschäftsmodelle abgebildet werden können, bei denen man sonst auf eine Individualentwicklung setzen würde oder klassische, fertige Shoplösungen stark customizen müsste.

Beispiele sind etwa B2B-Marktplätze, Serviceangebote im Finanz- und Versicherungssektor oder Shops, die stark auf Personalisierung, komplexe Produkt-Konfiguratoren und Omnichannel-Konstrukte setzen. Mit Spryker lässt sich ein E-Commerce-Angebot eben von Anfang an für ein bestimmtes Ziel entwickeln, ohne den Aufwand und die Risiken, eine Shoplösung durch umfangreiches Customizing verbiegen zu müssen.

Mittelfristig sollen Spryker-Projekte auch die IT als zentralen Wertschöpfungsfaktor und Treiber im Unternehmen etablieren.

Hier geht Spryker in puncto Entwicklungsoffenheit und Entwicklungsfrequenz auch über die Fähigkeiten von Magento 2 hinaus, das noch näher am Standard-Shopkonzept ist. Das Spryker-Framework eignet sich also für jeden Pure-Player, Hidden Champion oder Konzern im digitalen Transformationsprozess, der die Verwirklichung seiner E-Commerce-Agenda nicht vom Branchenstandard abhängig machen möchte und sie permanent weiterentwickeln will. Mit Spryker erhält er, oder genauer seine IT, das passende Werkzeug, diese Vorstellungen agil und bei gleichbleibend hoher Produktivität umzusetzen, beispielsweise, um unkompliziert unterschiedliche Varianten seines Geschäftsmodells auszutesten.

Spryker ist aus den Erfahrungen von Rocket Internet und Project A Ventures entstanden … Was konnte man von Rocket Internet und der Software Alice & Bob lernen?

Tim Hahn: Eben genau dies. Dass es diese Kunden-Cases immer häufiger gibt und das man zu ihrer Realisierung ein agiles Framework braucht, das gerade auch durch die Trennung zwischen Frontend und Backend, eine fortschrittliche Architektur und sehr guten Code nochmal einen besonderen Boost bei Performance, Skalierbarkeit und Agilität bringt. Und aus dem Tagesgeschäft nimmt Spryker noch die Einsicht mit, dass es ohne eine leistungsfähige IT – und damit ist nicht nur die Technologie, sondern vor allem die Fachabteilung gemeint – im Online-Business keine Erfolge geben kann.

Mittelfristig sollen Spryker-Projekte auch die IT als zentralen Wertschöpfungsfaktor und Treiber im Unternehmen etablieren, eben durch eine gesteigerte Agilität und Produktivität.

Herausforderungen und Aufwände hinter Spryker

Welche Herausforderungen gibt es beim Einsatz von Spryker?

Tim Hahn: Das ist sicherlich immer vom jeweiligen Kunden-Case abhängig. Eine klassische Wasserfall-Konzeption entfällt häufig zugunsten einer kontinuierlichen, agilen Anpassung und Weiterentwicklung der Ziele wie auch der Plattform. Hier muss es schon das richtige Mindset beim Kunden geben, bzw. die Bereitschaft aller Beteiligten – mit der Unterstützung der Geschäftsführung – sich ein entsprechendes Verständnis von Agilität im E-Commerce anzueignen. Ein Pflichtenheft dürfte man bei Spryker-Projekten nur selten finden.

Aus technologischer Perspektive gibt es hingegen keine besonderen Herausforderungen. Außer dass man wirklich professionelle und kreative Entwickler benötigt, die mit den besonderen Anforderungen und Möglichkeiten der Architektur- und Entwicklungsprinzipien, die bei Spryker Verwendung finden, umgehen können. Auch sind die Anforderungen an den Product Manager, Business Analysten oder vergleichbare Rollen häufig größer als in Standardshop-Projekten.

Es ist eben nicht immer ganz einfach, einen sauberen, schlanken und wartungsarmen Code zu schreiben und etwa Abhängigkeiten zwischen Klassen hierarchisch immer klar zu regeln.

Mit welchen Aufwänden sollte man rechnen?

Tim Hahn: Das hängt wirklich stark von dem jeweiligen Case und dem Know-how des Auftraggebers ab. Eben weil in der Regel wenig am Reißbrett entworfen und nur vom Kunden abgenickt wird, sondern vieles im engen Austausch mit ihm entsteht, kann etwa der Aufwand dann höher sein, wenn der Kunde zwar eine bestimmte Vorstellung von E-Commerce hat, aber selbst nicht weiß, in wie viele Einzelaspekte/Anforderungen dies letztlich runtergebrochen werden muss.

Spryker liefert dank erprobter Architektur- und Entwurfsmuster eine solide Ausgangsbasis.

Hieraus erklärt sich dann auch die große Bedeutung des Product Managers, der diese Transferleistung erbringen muss. Da nicht auf vorkonfektionierte Standards zurückgegriffen wird, wäre der Entwicklungsaufwand mit Spryker im Vergleich zu anderen Softwarelösungen höher, wenn es um Geschäftsmodelle ginge, die zu 80 Prozent auf altbekannte Standard-Features setzen. Dafür ist Spryker aber gerade nicht gedacht. Bei komplexen Projekten mit einem hohem Individualisierungsgrad hingegen ist der Einsatz von Spryker garantiert ressourcenschonender als der Versuch, ein monolithisches System zu verbiegen; zumal Spryker dank erprobter Architektur- und Entwurfsmuster eine solide Ausgangsbasis liefert.

Sie sind nun auch Geschäftsführer der 98Degrees Commerce. Warum ein Spin-Off?

Tim Hahn: 98Degrees Commerce ist die erste E-Commerce Agentur, die sich ausschließlich auf Spryker-Projekte spezialisiert. Bei netz98 verfügen wir über eine große Erfahrung hinsichtlich hochkomplexer und maßgeschneiderter E-Commerce-Lösungen im B2C und B2B und haben uns mit unserem Know-how und unserem Qualitätsbewusstsein eine führende Position unter den europäischen Magento-Agenturen erarbeitet. Das war letztlich nur möglich durch die Spezialisierung auf eine E-Commerce-Softwarelösung: Magento. Dieses Konzept übertragen wir jetzt auch auf Spryker.

Dazu war es nötig eine eigene Unit zu schaffen und diese operativ möglichst vom Magento Tagesgeschäft zu trennen. Auch weil es bei den Anforderungen an das Projektmanagement und der technologischen Realisierung zwischen Magento und Spryker deutliche Unterschiede gibt. Durch die klare Trennung können wir außerdem die Position von Spryker im Markt stärken, ohne die Magento-Fokussierung von netz98 zu verwässern.

 

Tim Hahn

Tim HahnTim Hahn beendete sein Studium an der Technischen Universität Darmstadt im Jahr 2000 als Diplom-Ingenieur. Im Jahr 1998 gründete er zusammen mit Manuel Seitner die E-Commerce-Agentur netz98. Heute ist er Geschäftsführer der netz98 new media GmbH und 98Degrees Commerce.

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