Interview mit Sascha Wolter

Von IoT, Security und Medienkompetenz
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Alltagsgegenstände werden immer smarter und übernehmen immer mehr Verantwortung. Natürlich kann uns das allen das Leben etwas leichter machen – aber es wirft dennoch interessante Fragen auf, denen wir uns nicht verschließen können.

Zum Beispiel die nach der Verantwortung für Entwickler. Oder nach den Auswirkungen auf Anwender – gerade letzteres wird zum Teil köstlich vom Twitter-Account Internet of Shit aufs Korn genommen.

Auswüchse vernetzter Dinge

Es scheint, als stelle sich mittlerweile Ernüchterung ein, wenn es darum geht, jeden Gegenstand im Haushalt vernetzen zu wollen. Mal eben so bei etwas Musik zu entspannen kann unter Umständen schon etwas zu viel verlangt sein, wie folgender Tweet beweist:

Neben solch kuriosen Fundstücken stellen sich natürlich auch andere Fragen. Zum einen natürlich die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Vernetzens – muss wirklich jeder Gegenstand mit dem Nutzer kommunizieren? Oder sieht man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht? Zum anderen stellt sich aber auch die Frage nach der Sicherheit; zum Beispiel nach der Sicherheit der eigenen Daten. Doch stehen wir mit unseren Bedenken nützlichen Innovationen im Weg?

Über genau diese Fragen haben wir uns mit Sascha Wolter, Vorstandsmitglied im Fachausschuss Usability & User Experience der BITKOM, sowie Conected-Home-Experte der Telekom, unterhalten.

Von Nutzen und Nutzung

Sascha, die Zahl vernetzter Gegenstände nimmer immer weiter zu – und meist ist der Sinn, der sich hinter einer Vernetzung steckt, nicht mal auf den zweiten Blick ersichtlich. Wo liegt aktuell die größte Herausforderung?

Sascha Wolter: Nicht nur der eigentliche Nutzen, sondern auch die Nutzung zählen zu den größten Herausforderungen. Obwohl die Idee des „Internet der Dinge“ bereits mehrere Jahrzehnte alt ist, befindet es sich noch in den Kinderschuhen. Es ist bereits absehbar, dass heutige Konzepte langfristig an ihre Grenzen stoßen.

Außerdem erfordert die rasant anwachsende Zahl vernetzter Geräte zwangsläufig neue Paradigmen im Zusammenspiel von Mensch und Maschine.

Wie groß ist die Kluft zwischen Nutzen und Bedienbarkeit im Internet der Dinge? Ist nicht aktuell zu viel Eingreifen vom Nutzer erforderlich?

Sascha: Die Anwender erwarten zunehmend natürliche Interaktionsformen und Verhaltensweisen und sind nicht weiter bereit, sich den Zwängen einer durch elektronische Geräte erweiterten Umwelt unterzuordnen. Die Geräte sollen sich ihren Bedürfnissen anpassen und nicht umgekehrt.

Sascha Wolter können Sie live auf der Internet of Things Conference erleben.

Um das zu erreichen, müssen sich Geräte wie autonome Lebewesen verhalten. Schon alleine die schiere Anzahl vernetzter Geräte erfordert es, dass sie sich selbständig organisieren, lernen und antizipieren. Die Installation, Konfiguration und Wartung von Hunderten von Geräten, Sensoren und Aktuatoren wird andernfalls kaum noch zu beherrschen sein.

Sicherheit im IoT

Du sagst, Sicherheit im IoT sei nur ein Feature neben vielen – damit willst du aber nicht sagen, dass sie zu vernachlässigen ist, oder?

Was nützt mir Sicherheit, wenn dadurch das eigentliche Produkt unbenutzbar wird?

Sascha: In der Tat, Sicherheit ist ein relevanter Aspekt rund um die Vernetzung von Alltagsgegenständen von der Topfpflanze über das Auto bis hin zu ganzen Städten. Sicherheit ist aber eben nur ein „Feature“ neben vielen. Was nützt mir Sicherheit, wenn dadurch das eigentliche Produkt unbenutzbar wird? Konkret: Was nützt mir ein besonders leichtes Fahrrad, wenn ich ein mehrere Kilogramm schweres Schloss zur Sicherung benötige? Doch das Bedürfnis nach Sicherheit treibt die Menschen und erstickt so manche Innovation im Keim – verständlich aber nicht zielführend. Zumal die „technische“ Sicherheit ja durchaus machbar ist, ja eigentlich sogar selbstverständlich sein sollte!

Von der Vorstellung einer absoluten (ökonomisch realisierbaren) Sicherheit müssen wir uns jedoch verabschieden. Diese gibt es auch im „realen“ Leben nicht. Ein System kann eben nur so gut, nur so sicher sein, wie das schwächste Glied in der Kette – und das ist nun mal der Mensch. Doch das entbindet die Produktverantwortlichen nicht davon, ihre Hausaufgaben zu machen und Sicherheitsmaßnahmen einzusetzen, die im Verhältnis zum Anwendungszeck und den Risiken stehen. Nur so können wir die vielfältigen Chancen nutzen, die uns das Internet der Dinge bietet.

Was könnten Entwickler und Hersteller tun, um uns Anwendern die Sorgen zu nehmen?

Sascha: Verantwortung und Verständnis sind wesentliche Zutaten, um Vertrauen aufzubauen. Doch häufig fokussieren Hersteller die technische Machbarkeit und notwendige Geschäftsmodelle, so dass das Verständnis für den Nutzer und dessen Bedürfnisse auf der Strecke bleibt: Am Ende hat man zwar eine technisch ausgeklügelte Lösung mit großartigen Monetarisierungsstrategien, aber keinen eigentlichen Kundennutzen.

Entwickler sind sich Ihrer Verantwortung oft nicht bewusst.

Auch der Entwickler ist sich seiner Verantwortung oft nicht bewusst. Wie auch, wenn er komplett entfremdet vor sich hin programmiert und das eigentliche Produkt ohnehin nicht selber benutzt. Dann kann ihm die Qualität auch egal sein, solange die Entwicklungsprozesse eingehalten werden – über den Tellerrand hinausschauen würde hier ja nur Mehraufwand bedeuten. Deshalb wird vereinzelt schon eine Art Hippokratischer Eid für Programmierer gefordert, um diesen die Auswirkung ihres Schaffens zu verdeutlichen.

Doch auch die Anwender müssen mit der zum Eigenschutz notwendigen Kompetenz im Umgang mit dem Internet der Dinge ausgestattet werden. Es ist mir ein Rätsel, warum so wenig für das Verständnis von IT-Systemen und den verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen Daten getan wird. Programmieren und Medienkompetenz sind heutzutage sicherlich von größerer Bedeutung als so manche Stunde Religionsunterricht.

Weil es so schön ist zum Schluss eine besondere Frage: was ist das krudeste IoT-Projekt oder –Produkt, dem du bisher begegnet bist?

Sascha: Die Liste kruder IoT-Projekte ist lang. Doch dem einen oder anderen Projekt tut man Unrecht, denn häufig gibt es durchaus einen Nutzen, der sich nur nicht direkt erschließt. Abstruse Benutzererlebnis und wirre Geschäftsmodelle tun ihr Übriges.

Die vernetze Eierschachtel Quirky „Egg Minder“ ist so ein Beispiel. Die Rezensionen bei Amazon illustrieren auf durchaus unterhaltsame Art und Weise die Absurdität dieses Produktes, doch gibt es durchaus auch Anwender, denen die Information über Anzahl und Frische beim spontanen Einkauf im Supermarkt hilft.

Aber bei dem Patent von Sony für eine vernetzte Perücke „Smart Wig“ benötigt es schon viel Fantasie, sich einen Nutzen und die dazugehörige Nutzung vorzustellen …

Sascha Wolter

Sascha WolterSascha Wolter ist Experte für die Planung und Umsetzung von geräteübergreifenden Anwendungen für das Internet der Dinge. Bereits seit 1995 arbeitet er als Berater, Dozent, Sprecher und Autor – mit dem Fokus auf Verständnis, Innovation und Nutzen. Aktuell engagiert er sich als Vorstandsmitglied im Fachausschuss Usability & User Experience der BITKOM. Wenn er nicht gerade neue technische Möglichkeiten für die Deutsche Telekom AG im Bereich Connected Home erkundet, dann entdeckt er auf ungewöhnliche Weise mit seinen Kindern die Welt.

 

Aufmacherbild: Internet of Things (IoT) word on wood floor with doodle icon on blackboard wall von Shutterstock / Urheberrecht: weedezign

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