Robotik und künstliche Intelligenz in der Medizin (Teil 2)

So helfen Robotik und KI im medizinischen Alltag
Kommentare

Schon länger klagen nicht nur deutsche Krankenhäuser über einen Mangel an Fachpersonal und die daraus entstehende Arbeitsbelastung. Obwohl Technologie den vielbeklagten Ärztemangel nicht beheben wird, können neuste Entwicklungen in Machine Learning, künstlicher Intelligenz und Robotik dazu beitragen, medizinische Abläufe effizienter zu gestalten und das Patientenwohl zu fördern. Nachdem Teil 1 der Artikelserie sich mit künstlicher Intelligenz und Machine Learning auseinandersetzte, beschäftigen wir uns diesmal mit der Robotik im Gesundheitswesen.

Zu Beginn des Artikels zum Thema Machine Learning und künstliche Intelligenz in der Medizin stand ein kleiner Ausflug in die Vergangenheit. Diesmal lohnt sich der Blick in eine mögliche Zukunft, d.h. in die unendlichen Weiten der Science Fiction. Die Einschränkung, dass die Referenz etwas mit Robotik und Medizin zu tun haben soll, macht die Auswahl eines Beispiels nur unwesentlich leichter.

Denken kann man etwa an den Operationstank aus dem Alien-Reboot Prometheus, an die vollautomatischen Healthcare-Tische aus Elysium oder das schon sehr fortgeschrittene medizinische Notfallprogramm alias „Der Doktor“ aus Star Trek Voyager. Doch wie steht es mit der Gegenwart und der etwas absehbareren Zukunft? Was Roboter in der Medizin heute bzw. bald schon leisten können, soll im Folgenden erkundet werden.

Robotik in der Chirurgie

In der Chirurgie hat die Robotik schon länger Einzug gehalten. Unter Ärzten erfreut sich bspw. der Operationsroboter Da Vinci ebenso großer Beliebtheit wie unter Patienten. Menschen, die von Da Vinci operiert wurden, zeigen sich nach Angaben von Michael Waldner mit den roboterunterstützten Eingriffen sehr zufrieden. Der Chefarzt am Kölner St.-Elisabeth-Krankenhaus nutzt den Roboter primär für laparoskopische Operationen, also minimalinvasive Eingriffe innerhalb der Bauchhöhle; aber auch Schilddrüsen-OPs werden mit dem Da Vinci durchgeführt.

Unter anderem wegen der besseren Sicht in 3D können die Ärzte teils erheblich präziser arbeiten. Insbesondere an schwer zugänglichen Stellen im menschlichen Körper beweist sich der Roboter, dessen Instrumente aufgrund ihrer geringeren Größe wesentlich filigraner vorgehen können als die menschliche Hand. Vollautomatisch ist der Da Vinci jedoch nicht.

Diesem Ziel kommt der VenousPro wesentlich näher. Sollte er sich durchsetzen, können Patienten mit schlecht sichtbaren Venen aufatmen: das schmerzhafte Gestochere hat dann ein Ende. Der Blutabnahmeroboter nutzt Infrarot- und Ultraschnall-Bildaufnahmetechniken, um die Vene im Arm zu finden, der er dann eigenständig eine Nadel einsetzt und Blut absaugt.

Robotik-Pflege

Ebenfalls vollautomatisch, aber zu ganz anderen Zwecken im Einsatz, ist Finchen. Die FAZ berichtete Anfang dieses Jahres von der robotischen Robbe mit dem weichen weißen Fell, die als emotionale Unterstützung hauptsächlich in der Altenpflege eingesetzt wird. Sie soll Demenzpatienten entspannter machen, erklärt die im Artikel interviewte Altenheimleiterin Sabine Kunz.

Etwas unheimlich mutet das schon an. Dass die emotionalen Elemente der Pflege an eine gefühllose Maschine outgesourct werden, ist sicher ein bislang ungekanntes Extrem in der medizinischen Versorgung. Aber es scheint zu funktionieren: Bei den Heimbewohnern kommt Finchen jedenfalls gut an. Die Automatisierung des Pflegebetriebs muss jedoch nicht notwendigerweise auf Kosten des persönlichen Kontakts gehen. Sofern die Zeitersparnis durch Roboter und Algorithmen nicht umgehend zum Personalabbau genutzt wird, könnte sie den persönlichen Kontakt zwischen Patienten und Pflegepersonal intensivieren.

Robo-Hospital

Gegenwärtig gilt das Humber River Regional Hospital in Toronto, Kanada, als Vorreiter bei der Digitalisierung und Automatisierung des Krankenhausbetriebs. Im Herbst 2015 hat die Einrichtung mehrere neue Gebäude eröffnet, bei denen die Ausstattung des Personals sowie aller Krankenbetten mit Tablets und Internetanschluss lediglich der Anfang sein soll.

Tatsächlich gehören robotische Mitarbeiter bereits zum Alltag des Krankenhauses. Bei den Robo-Kollegen handelt es sich natürlich nicht um humanoide Maschinen auf zwei Beinen, sondern bspw. um kleine, autonome Gefährte, die auf ihrem Rücken diverse Utensilien aus dem Krankenhausalltag transportieren. Daneben gibt es Roboter, die eigenständig Blutproben analysieren und Medikamente mischen, ebenso wie ein vollautomatisches Abfallbeseitigungssystem.

Komplettiert wird das vollautomatische Krankenhaus vielleicht bald durch erhöhte Konnektivität. Von der Patientenaufnahme per Touchscreen über aufs Smartphone gesendete Wartezeitprognosen bis hin zu digitalen Planungssystemen – die Digitalisierung des Gesundheitssystems steht gerade erst in den Startlöchern, ganz gleich ob Patientendaten aufgenommen, der Bettenstand des Krankenhauses überprüft oder die Wartezeit von Patienten und Angehörigen verringert werden soll.

Auswirkungen der Automatisierung

Wie immer, wenn eine neue Automatisierungswelle ansteht, wird über ihre gesellschaftlichen Auswirkungen diskutiert. Sprich darüber, was mit den „freigesetzten“ Arbeitskräften geschehen soll. Die FAZ stellt in der oben schon zitierten Reportage die bange Frage „Was kommt da auf uns Menschen zu?“ und die Zeit sah Anfang dieses Jahres die Massenarbeitslosigkeit zurückkommen.

Gekontert wird das Argument meistens damit, dass die durch technische Innovation neu entstehenden Industrien die arbeitslosen Beschäftigten absorbieren. Fakt ist, dass mit der voranschreitenden Integration weiterer Länder (besonders China und Indien) in den Weltmarkt heute so viele Menschen unter kapitalistischen Bedingungen beschäftigt sind wie niemals zuvor. Allerdings zeigen Studien der International Labor Organisation ebenfalls, dass die Arbeitslosenzahlen sowie die Anzahl der prekär Beschäftigten und der Working Poor weiter steigen.

Dass der neue, mikroelektronisch angetriebene Automatisierungsschub noch mehr Menschen überflüssig machen wird, ist jedenfalls abzusehen. Noch ist LKW-Fahrer einer der häufigsten Berufe in den USA. Wenn sich bald selbstfahrende Autos durchsetzen, dürfte es damit vorbei sein.

Will perform surgery for food

Inwiefern Jobs im Gesundheitswesen Opfer der Automatisierung werden, steht jedoch noch in den Sternen. Weder können Ärzte, noch pflegerisches Fachpersonal umgehend durch Maschinen ersetzt werden.  Dafür sind die von ihnen ausgeführten Tätigkeiten noch zu komplex. Da Vinci und Finchen sind derzeit noch die Ausnahme. Und weder sind Roboter ausgereift genug, um Chirurgen komplett überflüssig zu machen, noch können sie die emotionale Komponente der Pflege übernehmen.

Es erscheint daher – aktuell zumindest – äußerst unrealistisch, dass Menschen der Obhut von Maschinen vollständig überlassen werden. Daneben bestehen rechtliche Unwägbarkeiten: Wer ist zur Verantwortung zu ziehen, wenn bei einem vollautomatischen Eingriff etwas schief geht? Denkbar ist hingegen, dass Verwaltungsjobs und niedrigschwellige Tätigkeiten zunehmend der Digitalisierung anheim fallen werden.

Fazit

Ähnlich wie im Bereich des Maschine Learnings befindet sich der Einsatz von Robotern in der Medizin noch in den Kinderschuhen. Aber auch hier entwickelt sich die Technologie in rasantem Tempo. Bis vollautomatische Robotersysteme weite Verbreitung in Krankenhäusern finden werden, dürfte es noch dauern; nicht zuletzt, weil in einem sensiblen Feld wie der Medizin weitaus höhere Ansprüche angelegt werden als etwa in der Industrie. Schließlich steht das körperliche Wohlbefinden von realen Menschen auf dem Spiel, vielleicht sogar ihr Leben.

Dennoch lässt die heute schon verfügbare Technik hoffen. Robotik trägt schon jetzt dazu bei, Operationen sicherer zu machen, Pflegepersonal zu entlasten sowie technische Abläufe und Verwaltungsaufgaben zu optimieren. Vorausgesetzt, die Technologie wird nicht dazu genutzt, Personal einzusparen, kann sie dringend benötigte Zeit für eine intensivere, aufmerksamere Behandlung und Betreuung der Patienten freisetzen. Davon würden dann wirklich alle profitieren.

Lesen Sie auch den ersten Teil dieser Artikelserie: Machine Learning und künstliche Intelligenz in der Medizin

Aufmacherbild: Robot holding a medical syringe von Shutterstock / Urheberrecht: science photo

Unsere Redaktion empfiehlt:

Relevante Beiträge

Meinungen zu diesem Beitrag

X
- Gib Deinen Standort ein -
- or -