Interview mit Gina Häußge

Women in Tech: „Lasst euch nicht vorschreiben, für was ihr euch zu interessieren habt!“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Gina Häußge, Entwicklerin von OctoPrint.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Gina Häußge

Gina Häußge ist begeisterte Entwicklerin, Gamerin, Hobbybäckerin und die Erfinderin und Maintainerin von OctoPrint. Sie war schon immer fasziniert von Code, liebt es Neues zu lernen und anderen zu helfen. Sie hat den Großteil ihres Erwachsenenlebens Open-Source-Software entwickelt und darf sich glücklich schätzen, das nun sogar Vollzeit und 100% crowdfunded für ihr Projekt OctoPrint tun zu können. In ihrem Büro hängt ein Sandsack, den sie als Ventil für die Schattenseiten der Vollzeit-Open-Source-Entwicklung nutzt. Gina Häußge ist Teil des The ReadME Project von GitHub – mehr Infos über sie und ihr Projekt finden sich dort.

Seit wann interessierst Du dich für die Tech-Branche?

Ich war schon, seit ich denken kann, an Technik interessiert. Ich wollte immer Sachen bauen und auch auseinandernehmen, wollte wissen, wie sie ticken, war interessiert an Wissenschaft und fasziniert von komplexen Abläufen. Zum Glück (und für die 80er gar nicht so selbstverständlich) haben meine Eltern das bereits früh gefördert und mir unglaublich viele Möglichkeiten gegeben, dieses Interesse zu vertiefen und zu spezialisieren. Das fing nicht erst beim ersten Elektronikbaukasten mit sechs Jahren an.

Als dann der erste Computer ins Haus kam, als ich etwa sieben Jahre alt war, wollte ich damit natürlich in erster Linie spielen, aber mein Vater erklärte mir, dies sei kein Spielzeug, sondern ein Arbeitsgerät. Er zeigte mir, was man damit sonst so anstellen kann, indem er mir ein paar BASIC-Befehle beibrachte und mich damit experimentieren ließ. Und damit war mein Schicksal besiegelt. Als ich erfuhr, dass „Softwareentwickler“ ein echter Beruf ist, war mir klar, was ich werden will und habe Schule und Studium entsprechend darauf ausgerichtet.

Ich habe dann nach dem Abitur Informatik auf Diplom studiert. Erst wollte ich nach dem Diplom noch promovieren, das wurde mir aber alles zu theoretisch und zu wenig praxislastig und ich bin in die Wirtschaft gewechselt. Es folgten einige Jahre als Softwareentwicklerin und dann -architektin in einer großen Firma für Individualsoftwareentwicklung. Ich entfernte mich immer weiter von der eigentlichen Entwicklung („zu teuer dafür!“) und wurde immer mehr in Entscheidungs- und Führungsrollen gedrückt. Mir fehlte das eigentliche Entwickeln. Gleichzeitig hatte ich mit einem damals erst kürzlich angeschafften 3D-Drucker einen Grund, ein Projekt zu starten, um eine Monitoringlösung für ihn zu schreiben – nur für mich. Daraus wurde ein Open-Source-Projekt, „OctoPrint“, das heute als der de-facto-Standard für 3D-Drucker-Interfaces gilt und an dem ich heute Vollzeit arbeite.

Vorbilder

Weibliche Vorbilder hatte ich abgesehen von meiner Mutter (Mathematik- und Geographielehrerin) zumindest beim Aufwachsen keine – die waren leider Mangelware. Wer Ada Lovelace, Grace Hopper und Co waren, lernte ich erst später. Auch heute kann ich nicht sagen, dass ich direkt Vorbilder habe. Es gibt aber viele Menschen, zu denen ich aufblicke.

Was mich unglaublich glücklich macht ist aber, dass mich jetzt schon die ein oder andere Nachricht von glücklichen OctoPrint-Nutzern erreicht hat, dass ICH ein Vorbild für ihre Töchter bin. Damit hätte ich nie gerechnet und das erfüllt mich mit Stolz.

Ein Tag in Ginas Leben

Was mich unglaublich glücklich macht ist aber, […] dass ICH ein Vorbild für ihre Töchter bin.

Ich bin selbstständig, arbeite Vollzeit an meinem Open-Source-Projekt, OctoPrint und finanziere das alles mittels Spenden meiner Nutzer. Ich arbeite in meinem Homeoffice: Der Tag beginnt mit dem Durchsehen der aktuellen Tickets und der Communityforen und dem Community-Discord. Danach kommt es auf den Tag an. Manchmal verbringe ich Stunden mit einem einzigen Bugfix. Oder ich refactore eine Komponente über mehrere Stunden, um die Umsetzung eines Features zu vereinfachen oder erst möglich zu machen. Ich mache Buchhaltung, kümmere mich um meine Unterstützer in Form von Video-Devlogs, Codinglivestreams oder auch Hilfe bei Problemen oder arbeite an der Social-Media-Präsenz des Projekts usw. Kein Tag ist wie der andere und oft habe ich sehr viele Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, um allen gerecht zu werden.

Eigene Projekte

Es ist ein wunderbares Abenteuer.

Ende 2012 kaufte ich mir einen 3D Drucker. Um diesen in einen anderen Raum als mein Büro auslagern und dennoch wissen zu können, was er gerade so macht, beschloss ich, ein Web-Interface für ihn zu entwickeln. Das hab ich auf einem kleinen Einplatinencomputer, einem Raspberry Pi, installiert und konnte ihn einfach an den Drucker hängen, um ihn so aus der Ferne zu überwachen. Daraus wurde „OctoPrint“, mein Open-Source-Projekt, das ich seitdem weiterentwickle. 2014 wurde ich von einer Technologiefirma, die auch 3D-Drucker in ihrem Portfolio hatte, dafür Vollzeit angestellt. Seit 2016 mache ich das Ganze nun selbstständig, komplett in Eigenregie und zu 100% finanziert über Crowdfunding.

OctoPrint erlaubt die volle Kontrolle über den angeschlossenen 3D-Drucker: die Überwachung des Druckjobs und auch die visuelle Kontrolle über eine Webcamintegration – alles über einen Browser. Durch eine umfassende Plug-In-Schnittstelle können Nutzer Plug-Ins mit eigener Funktionalität oder auch einer Anpassung der Kernfunktionen bereitstellen. Daraus ist ein richtiges Ökosystem rund um OctoPrint herum entstanden, mit hunderten von Plug-Ins und Plug-In-Autoren, die sich großer Beliebtheit erfreuen.

Laut OctoPrints DSGVO-konformem Anonymous Usage Tracking gibt es aktuell rund 130.000 einzelne Instanzen weltweit. Das Tracking ist opt-in, die Dunkelziffer basierend auf Update-Requests vermutlich zehnmal so hoch. Den Erfolg, den ich mit OctoPrint hatte, hätte ich mir niemals träumen lassen. Als ich es Ende 2012 begann zu entwickeln, wollte ich nur ein eigenes, kleines Problem lösen. Ich ging definitiv nicht davon aus, dass es 8 Jahre später mein Job sein würde. Es ist ein wunderbares Abenteuer.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche?

Ich bin fest davon überzeugt, dass Frauen sich nicht allgemein weniger für MINT-Felder interessieren, […]

Es ist leider nach wie vor so, dass bereits im Kindesalter ein deutliches Durchsetzen von Geschlechterrollen praktiziert wird. Das fängt schon beim Spielzeugmarketing an – Puppen und Kaufladen für die Mädchen, Konstruktionssets und Autos für die Jungs. Selbst LEGO ist leider auf diese Hellblau-Rosa-Falle mit aufgesprungen. Wenn wir als Gesellschaft kleinen Mädchen laufend direkt oder indirekt erklären, dass sie sich für Technik nicht zu interessieren haben, weil das „Jungskram“ ist oder ihnen erst gar keine Möglichkeit geben, sich damit zu befassen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn dann später auch kein entsprechendes Interesse mehr vorhanden ist.

Ich bin fest davon überzeugt, dass Frauen sich nicht allgemein weniger für MINT-Felder interessieren, sondern dieses Interesse durch das soziale Umfeld bei vielen einfach im Laufe des Heranwachsens erstickt wird. Nicht nur durch Eltern – das gesamte Umfeld propagiert ja Stereotypen. Familie, Freunde, Familie der Freunde, Medien usw. Es ist meiner Meinung nach ein systemisches Problem, das schon in frühen Jahren beginnt, zu wirken. Und ganz nebenbei: nicht nur bzgl. Frauen in MINT-, sondern auch bzgl. Männern in Pflege- und Betreuungsberufen. Das ist meiner Meinung nach ein großer Verlust von Talent.

Probleme und Hindernisse

Ein Papercut allein ist unangenehm aber verschmerzbar. Aber Tausende davon führen irgendwann auch zu fatalem Blutverlust.

Man hat mir keine großen aber viele, viele kleine Steine in den Weg gelegt. Das fing schon damit an, Verwandten und Freunden immer wieder erklären zu müssen, dass sie mir mit Barbie und dergleichen keine Freude machen, ich mich aber sehr über ein LEGO-Set oder ein „Was ist Was“-Buch freuen würde. Es ging weiter mit ständigen Signalen aus meinem Umfeld, dass irgendwas mit mir ja nicht stimmen könne, weil ich mich so sehr für Jungskram und so wenig für Mädchenkram interessiere. Natürlich blieb dabei auch die für Nerds wohl allgemein sehr häufige Mobbingphase nicht aus. Und schließlich habe ich mich meine gesamte Karriere immer und immer wieder beweisen müssen, weil meine Kompetenz und Expertise immer und immer wieder nur aufgrund meines Geschlechts hinterfragt wurde.

Als ich mit 14 Jahren vor dem Raum auf den Beginn meiner ersten Informatikunterrichtsstunde warte, wurde ich von Klassenkameraden leicht spöttisch beäugt und schließlich von einem amüsiert gefragt, was ich denn glaube, was ich hier tun würde. Den Klassenkameraden verging das Lachen relativ schnell, als der Unterricht losging und ihnen klar wurde, dass ich ihnenn – dank privaten Interesses – schon meilenweit voraus war und IHNEN eigentlich diese Frage hätte stellen können. Es war aber dennoch eine von vielen negativen Erfahrungen meines Lebens, denen ich mich aufgrund meiner „ach so ungewöhnlichen“ Interessen stellen musste.

Wenn ich durch meine Eltern nicht so viel Unterstützung erfahren hätte, hätte ich vermutlich noch während meiner Schulzeit einfach aufgegeben. Es ist unglaublich entmutigend, wenn man von entfernteren Verwandten, Mitschülern und selbst einigen Lehrern ständig das Signal bekommt: „Du kannst das doch eh nicht, dafür ist dein Gehirn einfach falsch gebaut.“ Selbst wenn man ihnen ständig immer und immer wieder das Gegenteil beweist.

Und auch später im Beruf fand ich mich immer wieder in der Situation, dass ich ein bisschen extra Anstrengung investieren musste, nur um zu beweisen: „Ja, ich bin hier schon richtig.“ Selbst heute noch: Als Erschaffering und Entwicklerin eines populären Open-Source-Projektes, passiert es mir immer mal wieder, dass mir jemand erklärt, es könne ja gar nicht sein, dass ich OctoPrint entwickelt habe, ich sei immerhin eine Frau. Oder, dass jemand anzweifelt, ich sei eine Frau, da ich ja OctoPrint entwickelt habe. Habe ich schon erwähnt, dass ich einen Sandsack in meinem Büro habe?

Dieser ständige Gegenwind, dieses ständige Anzweifeln der eigenen nachgewiesenen Kompetenz und Expertise, ist nicht nur unglaublich ermüdend und raubt oft auch Zeit und Energie, die besser für die eigentlichen Aufgaben verwendet werden sollten. Es führt auch bei vielen Frauen schlicht zum Aufgeben. Ein Papercut allein ist unangenehm aber verschmerzbar. Aber Tausende davon führen irgendwann auch zu fatalem Blutverlust.

Warum sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten?

Warum sollten sie NICHT in der Tech-Branche arbeiten? Wir können in unserer zunehmend digitalisierten Gesellschaft wirklich jede gute EntwicklerIn brauchen, derer wir habhaft werden können. Aktuell geht eine Menge Talent verloren, weil es einfach nie gefördert wird oder oft sogar im Keim erstickt.

Es gibt darüber hinaus Studien, die diversen Teams auch eine höhere Effizienz, mehr Kreativität und bessere Problemlösestrategien bescheinigen. Von daher sollte das schon rein finanziell im Interesse aller sein.

Wie sieht die Zukunft aus – wird die Diversity-Debatte bald Geschichte sein?

Die „Diversity-Debatte“ ist kein Thema, das wir Frauen alleine gelöst bekommen.

Das kommt meines Ermessens nach ganz darauf an, welche Weichen wir heute stellen. Die fehlende Diversity im STEM-Feld ist meiner Meinung nach kein Problem, das wir innerhalb von ein paar Jahren mit ein paar wenigen Feinjustierungen in den Unternehmen lösen können, sondern wird bereits im Kindesalter verankert. Solange die Gesellschaft kleinen Kindern erklärt, dass ein bestimmtes Spielzeug nichts für sie ist und sie stattdessen doch lieber mit dem rollengerechten da drüben spielen sollen, solange werden wir Jahrzehnte später zu wenig Frauen in MINT, zu wenig Männer in der Betreuung und Pflege und allgemein in ganzen Berufsfeldern keine Geschlechterdiversität haben.

Und auch die Herren sind hier gefragt. Die „Diversity-Debatte“ ist kein Thema, das wir Frauen alleine gelöst bekommen. Stereotypen und Gatekeeping müssen aktiv von allen wahr genommen und bekämpft werden. Das heißt auch, den Kollegen einzunorden, der immer wieder ach so lustige Witzchen über „Frauen an den Herd“ in der Kaffepause zum Besten gibt, den Kommilitonen, der die ganze Zeit süffisant die einzige Frau in der Lerngruppe beäugt und „Schätzchen“ nennt und den Mitschüler, der das einzige Mädchen im Informatikkurs fragt, was sie denn überhaupt hier will.

Tipps & Tricks

Der wichtigste Tipp meiner Meinung nach ist: „Lasst euch nicht vorschreiben, für was ihr euch zu interessieren habt!“ Menschen werden euer ganzes Leben lang versuchen euch zu erklären, dass ihr für die Tech-Branche doch eigentlich ungeeignet seid oder, dass ihr es euch unnötig schwer macht. Hört nicht darauf. Wenn ihr euch für Technologie interessiert, dann los! Lasst euch nicht kleinreden!

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