Interview mit Julia Wester, Mitbegründerin von 55 Degrees AB

Women in Tech: „Abschlüsse können hilfreich sind, sind aber nicht ausschlaggebend.“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Julia Wester, Mitbegründerin von 55 Degrees AB.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Women in Tech: Julia Wester.

Julia Wester ist eine der Mitbegründerinnen von 55 Degress AB, einer ergebnisorientierten Consulting-Firma aus dem Süden Schwedens, die ebenfalls Altassian Solution Partner ist. Julia leitet das Consulting-Training und nutzt dafür ihre 18 Jahre Erfahrung, die sie beim Arbeiten mit und Managen von hochleistungsfähigen Teams beispielsweise bei Turner Broadcasting, F5 Networks und LeanKit gesammelt hat. Sie liebt es anderen Leuten beizubringen, wie man das alltägliche Chaos im Job durch Transparenz, kontinuierliche Verbesserung und eine Lagom-Mentalität bändigen kann. Außerdem erklärt sie gerne, dass Managament kein schmutziges Wort sein muss. Julia bloggt bei everydaykanban.com und twittert über @everydaykanban. Mehr über 55 Degrees kann man auf der Firmenwebseite finden.

Wann entstand dein Interesse für Tech?

Ich habe nie eine Karriere in der Tech-Branche angestrebt. Ich hatte einen Job in der Debitorenbuchhaltung bei Quikrete. Das reichte, um meine Rechnungen zu bezahlen, aber ich war gelangweilt und uns wurde nicht einmal soweit getraut, als dass wir Mail-Accounts bekommen hätten. Es kommt eben immer darauf an, wen man kennt: Mein Ehemann war ein Techie und hatte einen Job als Coder. Das hörte sich spaßig an und er hatte dort gute Freunde. Ich bat ihn, mir abends Coden beizubringen. Also verbrachte ich Nächte damit, kaputte Tabellen zu reparieren, Webseiten zu debuggen und diese von Grund auf zu bauen. Ich dachte mir, dass das mehr als nur ein Job sein könnte. Es könnte eine richtige Karriere werden.

Wie verlief dein Weg bis zum jetzigen Beruf?

Ich schloss das College mit einem Bachelor in Musikpädagogik ab – samt einer Lizenz für das Unterrichten von Kindergartengruppen bis hin zu 12. Klassen in Georgia (USA). Aber nach einem Schuljahr habe ich entschieden, dass das nichts für mich ist. Ich mochte es, etwas zu tun zu haben, aber brauchte auch meine Auszeiten. Es war nichts, dass ich immer machen wollte. Der Job, den ich dann bekam, war genau das: ein Job. Ich konnte die Rechnungen bezahlen, aber es war keine Karriere.

Sobald ich gelernt hatte, zu coden, nutzte ich meine Kontakte bei CNN, um ein Vorstellungsgespräch zu bekommen und erhielt einen Job, bei dem ich die Zeitplanung der Webmaster übernahm. Ich meine, „Hey, was auch immer es braucht, um einen Fuß in die richtige Tür zu bekommen, oder?“ Von dort arbeitete ich mich die Leiter hoch über Entwicklerjobs bis zum Management. Ich war nie ein echter Techie, aber ich liebe es, Probleme zu lösen.

Ich muss dazu sagen, dass die Arbeit zusammen mit meinem Ehemann einige Schwierigkeiten für meine Karrierelaufbahn mit sich brachte. Manchmal stand er mir bei Beförderungen wegen einer Firmenpolitik im Weg. Aber am Ende hat es aber funktioniert. Wir haben einen Großteil unserer Karrieren zusammengearbeitet und tun das auch heute noch.

Hattest du Unterstützung von Freunden oder Familie erhalten?

Ich habe eine Menge Unterstützung erfahren. Ich befürchtete, dass meine Eltern, die extrem viel arbeiteten und sparten, um mich aufs College zu schicken (mit der Hilfe einiger großartiger Stipendien), über mich verärgert wären, weil ich im Grunde meine Ausbildung weggeworfen hatte. Aber mein Vater – in all seiner Güte – sagte mir, dass Bildung nie verschwendet sei und dass ich gelernt habe, zu lernen. Er ist mir immer ein Vorbild. Er arbeitet hart und hat eine beispiellose Arbeitsmoral. Meine Mutter genauso.

Mein Mann war ebenfalls eine große Unterstützung. Er hat mir nicht nur beim Beginn meiner Tech-Karriere geholfen, sondern hat auch in anderen kritischen Momenten Zusammenhänge erklären können beispielsweise, als ich Managerin wurde und herausfinden musste, warum mein Team nicht lieferte. Er stellte mir Kanban mit einem Buch vor und so bekam meine Karriere eine ganz andere Laufbahn.

Hat man Dir Steine in den Weg gelegt?

Manchmal werden die Wege beim Führen, die subtiler und unterstützender sind, nicht so wertgeschätzt.

Nein. Der Moment, der einem Hindernis am nächsten kommt, war, als ein CIO mir sagte, dass ich aggressiver sein müsste, um eine Führungspersönlichkeit zu werden. Als ich ihm erklärte, dass ich mich auf die Verbesserung von Prozessen und Ergebnisse fokussieren wollte, sagte er, dass ich dafür vermutlich nicht aggressiver werden müsste. Aber ich glaube, dass er das nicht als dieselbe Art Führungspersönlichkeit ansah. Manchmal werden die Wege beim Führen, die subtiler und unterstützender sind, nicht so wertgeschätzt. Ich bin nach dieser Erkenntnis nicht mehr lange dortgeblieben. Ich mochte das Unternehmen, aber ich wusste, dass ich nicht mehr die Richtige war für unsere neue Führungsebene.

Ein Tag in Theresas Leben

Als Mitinhaberin von 55 Degress AB in Svedala, Schweden, habe ich an einem normalen Arbeitstag viele Rollen inne. Ich bin Trainer für Team Leads, Manager und manchmal andere Trainer. Dann bin ich hin und wieder Product Owner für ActionableAgile für Jira. An manchen Tagen gebe ich Workshops für Scrum, Kanban, Facilitation und/oder Metriken. Dazwischen kümmere ich mich um alles, was mit dem Führen eines Unternehmens zu tun hat, das versucht, zu expandieren.

Worauf bist Du besonders stolz in deiner Karriere?

Ich war Managerin bei 3 unterschiedlichen Firmen, welche enorm verschieden waren in ihrer Größe. Besonders stolz bin ich darauf, dass ich in allen 3 Firmen als vertrauenswürdige Managerin galt, der die Leute vertrauen konnten und mit der man reden konnte. Ich wurde respektiert, weil ich Dinge tat, die erledigt werden mussten und ich wurde geschätzt, weil ich die Menschen als ganze Person behandelte und mich um sie über das hinaus sorgte, was sie für mich oder das Unternehmen leisten konnten. Dieses Gefühl schlägt jeden individuellen Projektstart oder jeden Erfolg.

Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Meine Cousine studierte Mediziningenieurwesen und ihr wurde direkt gesagt, dass es unwahrscheinlich sei, dass sie es schaffen könnte.

Ehrlich gesagt, habe ich nicht genug Forschung betrieben, um genaue Informationen dazu zu haben. Ich bin mir sicher, dass es mehrere Gründe hat – vom Gender-Bias während des Erwachsenwerdens durch Spielzeug und dem Formen von Interessen der Mädchen bis hin zum Umgang mit Mädchen, wenn sie in der Schule heranwachsen und sich auf traditionell männliche Gebiete fokussieren wollen. Meine Cousine studierte Mediziningenieurwesen und ihr wurde direkt gesagt, dass es unwahrscheinlich sei, dass sie es schaffen könnte. (Erzähler aus dem Off: Sie hat es geschafft!) Es passiert noch sehr viel mehr, sobald man tiefer gräbt, aber ich starte erstmal damit.

Welche Hindernisse haben Frauen in der Tech-Branche zu bewältigen?

[…]Das ist ein Problem, das endlich ans Tageslicht gezerrt wird und wir alle müssen uns dagegen stemmen.

Ich muss zugeben, dass ich das Glück hatte, nicht viele Hindernisse wegen meines Geschlechts gefühlt zu haben. Das einzige Mal, dass ich wirklich einen Geschlechtsunterschied gefühlt habe war, als ich bei einer Konferenz über Company Sales war und alle anderen IT-Leute zum Golfen waren und nicht einmal darüber nachdachten, mich auch zu fragen – die einzige Frau. Glücklicherweise wollte ich sowieso kein Golf spielen, aber sie hätten wenigstens fragen können. Wenn das schon vorkommt, was gibt es dann noch.

Andere Bekannte, die ich sehr gerne habe, erlebten zügellose sexuelle Diskriminierung. Das ist ein Problem, das endlich ans Tageslicht gezerrt wird und wir alle müssen uns dagegen stemmen.

Schlussendlich können Selfzweifel ein riesiges Hindernis für Frauen (und Männer) sein. Sobald sie sich zeigen, müssen wir sie abblitzen lassen. Niemand erwartet Perfektion. Lasst uns einfach hinaus gehen und alles besser machen, als wir es vorgefunden haben.

Wäre unsere Welt eine andere, wenn mehr Frauen in MINT arbeiten würden?

Wenn man möchte, dass Menschen sich einbringen, dann muss man ihnen das Gefühl geben, willkommen zu sein.

Wenn man möchte, dass Menschen sich einbringen, dann muss man ihnen das Gefühl geben, willkommen zu sein. Es ist für eine gesellschaftliche Gruppe leichter, sich zu beteiligen, wenn andere wie sie bereits vertreten sind. Ich denke, sobald mehr Frauen in traditionell männlichen Karrieren vertreten sind, wird man auch mehr einen Wandel weg von Männer-Club-ähnlichen Atmosphären erleben. Es brauchte eine Frau in der NASA, um dort eine Toilette für Frauen zu öffnen. Das gleiche gilt auch hier. Falls wir einen kulturellen Wandel möchten, müssen wir anwesend sein und wir müssen die Entscheidung (friedlich) erzwingen. Ich bin der Meinung, dass schon große Schritte gemacht wurden, um Frauen in die Tech-Branche zu bringen, aber man sieht noch nicht viele Women of Color. Wir haben noch mehr Arbeit vor uns.

Die Diversitätsdebatte gewinnt an Aufwind. Wie lange wird es dauern, bis man Erfolge sieht?

Die wichtigsten Formen von Diversität sind häufig aber gerade jene, die unsichtbar sind.

Ich denke, dass wir viel Zeit für die Arten von Diversität aufwenden, die man sehen kann. Die wichtigsten Formen von Diversität sind häufig aber gerade jene, die unsichtbar sind. Kognitive Vielfalt ist das, was wirklich einen Unterschied darin machen kann, wie wir unsere Arbeitsplätze sehen, wie wir Probleme betrachten und darauf, wie viele verschiedene Möglichkeiten man erdenken kann, um diese Probleme zu lösen. Ein großartiges Buch, das ich unbedingt empfehlen kann, ist „In Defense of Troublemakers: The Power of Dissent in Life and Business“, das diese Thematik im Detail behandelt. Wenn man sich darauf fokussiert, kognitive Vielfalt zu schaffen, merkt man sehr schnell einen Unterschied.

Kannst Du Frauen, die eine Tech-Karriere anstreben, einen Rat geben? Was sollten sie über die Branche wissen?

Du kannst es auf jeden Fall schaffen und du verdienst es genauso viel wie jeder andere auch.

Abschlüsse können hilfreich sind, sind aber nicht ausschlaggebend. Ich schaue auf diesen Teil der Bewerbungen als letztes bei Neueinstellungen, wenn überhaupt. Falls du also keinen Abschluss hast, solltest du nicht verzweifeln. Konzentrier dich auf das, was du hast, lerne, wie man das am besten für dich funktioniert und finde eine Person, die dir eine Chance gibt, dich zu beweisen.

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