Interview mit Lisa Steinhauser

Women in Tech: „Programmieren erschien mir immer als etwas unerreichbares und unantastbares.“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Lisa Steinhauser, Praktikantin bei matched.io.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Lisa Steinhauser

Lisa Steinhauser ist Teilnehmerin des technischen Studienorientierungs- und vorbereitungsjahres “proTechnicale”. In diesem Rahmen macht sie ein Praktikum beim HR Tech-Startup “matched.io”, wobei sie ihre ersten Berufserfahrungen sammelt.

Lisas Ziel ist es, später einmal selbst ein Tech-Startup zu gründen, mit dem sie gesellschaftliche oder Umweltprobleme lösen kann. Für ihr Engagement und Interesse wurde sie im Jahr 2019 mit dem “Top Talents under 25”-Award ausgezeichnet.

Linkedin: https://www.linkedin.com/in/lisa-steinhauser-07a90a189

Wann hast Du angefangen, dich für die Tech-Branche zu interessieren?

Mein Vater war Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik. Durch ihn wurde ich schon von klein auf in diese Richtung geprägt. So wurde mein Interesse für Technik als Kind unter anderem durch technisches Spielzeug und später durch Science Fiction und den Fortschritt der Technologien an sich geweckt.

Lange Zeit wollte auch ich Ingenieurin werden, da mir Mathematik und naturwissenschaftliche Fächer, wie Physik, in der Schule viel Spaß gemacht haben.

Da ich mich nach der Schule noch nicht bereit für ein technisches Studium gefühlt habe, beschloss ich am technischen Studienvorbereitungs- und Orientierungsjahr für junge Frauen “proTechnicale” teilzunehmen. Durch das Programm werden uns Einblicke in verschiedene technische Themen, Studiengänge und Berufe gewährt. Außerdem lernen wir viele andere junge Frauen mit ähnlichen Interessen kennen und kommen in Kontakt mit Frauen, die sich bereits in der Arbeitswelt etabliert haben. Diese Vorbilder machen uns Mut und zeigen uns, was wir alles erreichen können.

Mit Informatik bin ich jedoch erst vor einem halben Jahr durch das Digital Shaper Program “TechLabs” in Berührung gekommen. Es waren immer vor allem IT-Themen in der Technik, die mich besonders begeistert haben. Ich selbst habe mich dort jedoch nie gesehen. Lange war Informatik in meinem Kopf etwas Unerreichbares. Eine Art Königsdisziplin in der Technik, die ich mir nicht zugetraut habe. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass das ein fester Bestandteil meines Studiums und meiner zukünftigen Karriere sein soll.

Unterstützung und Vorbilder

Lange war Informatik in meinem Kopf etwas Unerreichbares.

Mein Vater war ein großes Vorbild für mich. Auch meine Mutter hat sich dafür eingesetzt, meine Interessen zu fördern und hat mich dazu motiviert, das zu machen, was mich erfüllt und woran ich Freude habe. Ohne diese Unterstützung wäre ich sicher nicht da, wo ich heute bin. Dafür bin ich sehr dankbar. Umgekehrt ist es jedoch noch ein großes Problem, dass nicht alle Kinder und Jugendlichen die gleichen Chancen haben, da sie keine derartige Unterstützung von zu Hause erfahren.

Durch proTechnicale habe ich einige inspirierende Frauen aus dem MINT-Bereich kennengelernt. Ein Beispiel dafür ist Tereza Iofciu. Sie war Senior Data Scientist bei mytaxi und FREE NOW und arbeitet mittlerweile als Head Data Scientist Coach bei “Neuefische”. Sie erzählte uns von ihrem Werdegang und gab uns nützliche Tipps, wie “Lass dir von anderen Leuten nicht erzählen, was du nicht kannst”, “Umgib dich mit anderen motivierenden Menschen” oder “Chancen eröffnen neue Chancen” mit auf den Weg.

Auch Manuela Sayin, Mitgründerin des HR Tech-Startups “http://matched.io ”, einer Job Matching Plattform für Entwickler:innen, bei der ich momentan ein Praktikum mache, ist ein großes Vorbild für mich. Sie coacht mich, gibt mir sinnvolle Tipps in vielen Bereichen und hat von Anfang an versucht, mir basierend auf meinen Stärken, Interessen und Zielen, Aufgaben und Projekte zuzuteilen, die mich herausfordern, an denen ich wachsen kann und dabei Freude habe. Da ich mich auch sehr für Gründertum interessiere, ist es toll, jetzt schon Werte kennenzulernen, die ich später auch mal selbst in meinem Tech-Startup etablieren möchte.

Hindernisse

Von außen wurde ich stets gefördert. Es gab lediglich ab und zu das ein oder andere Kommentar von Menschen der älteren Generation, dass es ja untypisch für Frauen sei, eine solche Richtung einzuschlagen. Das konnte mich jedoch nicht von meinem Weg abbringen, da ich verstehe, dass jene Personen es einfach nicht anders kennengelernt haben. Die positive Resonanz auf mein Interesse für Technik hat die negative bei weitem übertönt. Wenn man erstmal so weit gekommen ist, beschlossen zu haben, einen Weg in Richtung MINT einzuschlagen, kommen die vielen tollen Förderangebote fast von alleine.

Worauf bist du besonders stolz?

Ich habe mir schon früh überlegt, wie ich mir ein erfülltes Leben vorstelle, wenn ich mit 80 Jahren darauf zurückblicke. Ich möchte meine wertvolle Lebenszeit effektiv genutzt haben, um einen positiven Einfluss auf die Welt und die Menschheit gehabt zu haben und ihnen so etwas zurückzugeben. Seit dieser Erkenntnis habe ich ein großes Ziel vor meinen Augen, das mich dazu ermutigt, ungewisse Wege zu gehen. Demnach bin ich heute stolz darauf, mich seitdem bei jeder Lebensentscheidung an meinem Ziel orientiert zu haben. Ich habe immer nach den Sternen gegriffen und alle Chancen genutzt, die mir geboten wurden. Meist war damit Mut und ein gewisser Mehraufwand verbunden, der sich aber immer mehr als gelohnt hat.

Wie sieht dein Alltag aus?

Bei proTechnicale habe ich zu regulären Unterrichtszeiten einen sehr bunten Alltag, da wir keinen festen wöchentlichen Stundenplan, sondern immer verschiedene Projekte, Kurse und Coachings haben. Momentan absolviere ich ein Praktikum, das auch Bestandteil von proTechnicale ist. Hier, bei http://matched.io, mache ich momentan meine ersten Erfahrungen mit der Arbeitswelt, was alles sehr spannend und neu für mich ist. Ich arbeite an eigenen Projekten, lerne aber gleichzeitig auch etwas über andere Tätigkeitsbereiche, wie den der Entwickler:innen, die sich mit dem Algorithmus befassen. Nebenher habe ich nun mein zweites Semester bei TechLabs angetreten und tauche nach Data Science nun tiefer in Web-Development ein.

Da ich meinen Alltag momentan in der Regel sitzend bestreite, darf auch meine Leidenschaft, das Cheerleading, nicht zu kurz kommen. Durch die Pandemie besteht unser Training momentan aus Homeworkouts über Zoom, durch die wir uns für die Zeit nach Corona fit machen.

Warum gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

[…]mir erschien Programmieren immer als etwas unerreichbares und unantastbares

Meiner Erfahrung nach ist oft noch ein falsches Bild von Tech-Berufen in den Köpfen verankert. Zum einen gibt es kaum weibliche Vorbilder. Das führt dazu, dass unterbewusst keine Identifikation mit den jeweiligen Berufen stattfindet. Bevor ich durch das Digital Shapers Program “TechLabs” in Kontakt mit Computer Science gekommen bin, erschien mir Programmieren immer als etwas unerreichbares und unantastbares. Ich traute es mir nicht zu, weil von außen das Bild vermittelt wurde, dass das nur “Superbrains” und “Computer-Nerds” können, die schon im Kindergarten ihren ersten Code geschrieben haben. Deshalb ist es meiner Meinung nach besonders wichtig, ein realistisches Bild zu schaffen. Am einfachsten schafft man das, wenn weibliche Vorbilder sichtbar gemacht werden und in Zukunft schon in der Schule ein realistisches Bild technischer Berufe vermittelt wird. Das schafft man vor allem auch durch mehr Integration technischer Themen und Projekte im Schulunterricht.

Wäre unsere Welt anders, wenn mehr Frauen in MINT-Berufen arbeiten würden?

Es gibt mehrere positive Aspekte, die durch mehr Frauen in MINT-Berufen erreicht werden können.

Diverse Teams sorgen nicht nur für eine angenehme Arbeitsatmosphäre, sondern auch dafür, dass durch vielseitige Denk- und Herangehensweisen bessere Ergebnisse erzielt werden. [1,2] Da MINT-Berufe außerdem meist gut bezahlt sind, wird sich diese Entwicklung auch positiv auf die Schließung der “Gender Pay Gap”, sowie Altersarmut bei Frauen auswirken.

Ein weiterer Punkt ist, dass zukünftige Generationen an Frauen automatisch mehr weibliche Vorbilder haben werden und ihnen so Mut gemacht wird, um auch selbst einen Beruf in diesem Bereich anzustreben. Also eine Art Erfolgsspirale.

Die Diskussion um Diversity gewinnt an Fahrt. Wie lange wird es dauern, bis die aktuelle Debatte Ergebnisse zeigt?

Auch wenn der Trend durch bisherige Diskussionen und Maßnahmen bereits in die richtige Richtung geht, sind wir mit einem Frauenanteil von 18% in der deutschen IT-Branche noch weit von unserem Ziel und dem Fortschritt in anderen Ländern, wie Bulgarien (28%) und Rumänien (26%), entfernt.

Ich denke, dass es wichtig ist, so früh wie möglich anzusetzen und Mädchen schon von klein auf mit technischen Themen in Kontakt zu bringen. Das in Kombination mit noch mehr technischen Einblicken während der Schulzeit und Zusatzangeboten, wie proTechnicale oder TechLabs, wird die Lösung sein. Natürlich wird es noch etwas dauern, bis meine und noch jüngere Generationen an Frauen und Mädchen in den Statistiken auftauchen. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir auf dem richtigen Weg sind und es nur noch eine Frage der Zeit ist.

Welche Ratschläge kannst du anderen jungen Frauen mit auf den Weg geben, die eine Tech-Karriere anstreben?

Ich bin zuversichtlich, dass wir auf dem richtigen Weg sind […]

Traut euch alles zu und seid euch euren Kompetenzen bewusst! Auch wenn ein technisches Studium oder eine Stellenausschreibung für einen Job sich erstmal unbewältigbar anhört, sollte das dabei entstehende Gefühl euch nicht dazu verleiten, schon von vornherein aufzugeben. Das sogenannte “Imposter Syndrom”, bei dem Betroffene starke Selbstzweifel hinsichtlich eigener Fähigkeiten, Leistungen und Erfolge hegen, tritt bei Entwickler:innen, aber vor allem auch bei Frauen besonders häufig auf. “Wer es nicht versucht, wird es nicht erfahren”. Ein weises Sprichwort meiner Mutter, das mich schon oft dazu ermutigt hat, scheinbar unerreichbare Dinge anzugehen. Bisher hat sich das in allen Fällen ausgezahlt.

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