Interview mit Sandra Parsick, freiberufliche Softwareentwicklerin

Women in Tech: „Wenn man Interesse an Technik hat, soll man sich nicht von irrationalen Ratschlägen beirren lassen“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Sandra Parsick, freiberufliche Softwareentwicklerin.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Sandra Parsick

Sandra Parsick

Sandra Parsick ist als freiberufliche Softwareentwicklerin und Consultant im Java-Umfeld tätig. Seit 2008 beschäftigt sie sich mit agiler Softwareentwicklung in verschiedenen Rollen. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Java-Enterprise-Anwendungen, agile Methoden, Software Craftsmanship und der Automatisierung von Softwareentwicklungsprozessen. In ihrer Freizeit engagiert sie sich in der Softwerkskammer Ruhrgebiet.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Mein Interesse an Tech besteht schon seit ich denken kann. Angefangen hat es damit, dass ich zu Hause lieber meinen Vater beim Handwerklichen helfen wollte, als meiner Mutter beim Kochen. Wenn ich bei meinen Großeltern zu Besuch war, dann habe ich auch sehr gerne meinem Opa, der Bauingenieur war, bei der Arbeit zugeschaut. Er hat mir dann auch immer kleine Mathematikaufgaben zum Knobeln gegeben.

Mein Interesse an Tech besteht schon seit ich denken kann.

Die Interesse zum Computer hat dann mein Cousin bei mir geweckt. Wir hatten zu Hause kein Computer, aber mein Cousin hatte einen. Wenn wir bei meiner Tante zu Besuch waren, dann habe ich den Jungs gerne beim Computerspielen zugeguckt und wollte es auch mal ausprobieren. Ich hab dann meinen Eltern lange in den Ohren gelegen, dass wir auch einen Computer brauchen. Irgendwann haben sie sich erbarmt und dann lief es klassisch für mich: Erst spielte ich viele Computerspiele, dann wurde ausprobiert was man noch so mit dem Computer machen kann.

Vorbilder und Unterstützer

Das eine Vorbild habe ich nicht, aber ich habe mich von vielen Personen inspirieren lassen. Meine Eltern, eigentlich meine ganze Familie, hat mich in dem was ich vorhatte, immer 100 Prozent unterstützt. Später im Job waren es hauptsächlich Männer, die mich gefördert haben und mir Mut zugesprochen haben. Ich denke, das lag aber auch daran, dass ich die einzige Technikerin im Team war.

Ein Tag in Sandras Leben

Ich bin als Freiberufler selbstständig und bin als Entwickler im Java-Umfeld unterwegs. Neben der normalen Softwareentwicklung, helfe ich den Firmen ihre Entwicklungsprozesse zu automatisieren. Ich habe eigentlich keinen normalen Arbeitsalltag. Es kommt auf den Auftrag an: Manchmal arbeite ich ganz normal als Entwicklerin in den Teams mit, manchmal berate ich die Teams oder ich vermittle in Schulungen und Workshop Wissen.

Für mich stand schon früh fest, dass ich was Technisches machen will. Eine Zeit lang wollte ich KFZ-Technik studieren, weil ich unbedingt Testfahrerin werden wollte. Ich hab aber schnell gemerkt, dass ich kein Talent für Physik gehabt hatte, da ich mir die Physik immer über die Mathematik erklärt habe. So hat es schnell herauskristallisiert, dass es entweder etwas mit Mathematik oder mit Informatik wird. Das hat sich auch schnell in meinen Leistungskursen für das Abitur widergespiegelt – Mathematik und Informatik. Ich hab mich dann nach dem Abitur an der Universität Bonn für Mathematik und Informatik eingeschrieben. Schnell bemerkte ich, dass mir Mathe dann doch zu abstrakt ist und ich habe mich komplett auf die Informatik konzentriert und das Studium darin auch beendet. Danach habe ich in der QA-Abteilung bei einem Start-up angefangen. Nach einem Jahr bat ich dann um eine Versetzung in die Entwicklung. Dort hatte ich Glück gehabt, dass ich an einen Senior-Entwickler geraten bin, der meinte, aus mir soll eine vernünftige Entwicklerin werden und nahm mich unter seine Fittiche.

Nach paar Jobwechsel und wo ich wieder nach neuen Herausforderungen suchte, haben mich meine Eltern darauf hingewiesen, dass sie die Uhr danach stellen können, wann ich mit meinem aktuellen Job unzufrieden bin und vielleicht sollte ich was grundlegendes ändern. Zeitgleich haben Kollegen, die als Freiberufler bei mir in den Firmen waren, mir geraten, versuch es doch mal mit der Selbstständigkeit, Nach einem Mitarbeiterjahresgespräch, das nicht zu meiner Zufriedenheit ablief, habe ich dann am nächsten Tag gekündigt und meinte okay, jetzt hast du drei Monate Zeit dich auf die Selbstständigkeit vorzubereiten. Mittlerweile bin ich länger selbstständig als ich angestellt war und zufrieden damit.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Ich glaube, das es kulturelle Gründe. Ich weiß von Frauen, die in der DDR aufgewachsen sind, dass bei denen z. B. Informatik ein typischer Studienfach für Frauen war. Auch kann man das heutzutage noch beobachten, dass z. B. in den osteuropäischen und südamerikanischen Ländern der Frauenanteil in der IT weit höher ist als bei uns. Ich hab auch mal einen Artikel gelesen, der beschrieb, dass in den westlichen Ländern, der Frauenanteil in der Datenverarbeitung bis zur Einführung des Personal Computer auch höher war als heute.

Es gibt immer noch genug Menschen, egal welchen Geschlechts, die dir als Frau irrationale Ratschläge geben.

Formell gibt es keine Hürden für Frauen, aber auf einer emotionalen Ebene. Es gibt immer noch genug Menschen, egal welchen Geschlechts, die dir als Frau irrationale Ratschläge geben, nur weil du als Frau etwas in deren Augen frauenuntypisches machen willst. Als ich meine Leistungskurse für das Abitur gewählt haben, gab es Stimmen, die meinten, ich sollte doch besser Deutsch nehmen, obwohl meine Note gerade für die Kombination Mathematik und Informatik sprachen.

Als ich mich selbstständig machen wollte, gab es Stimmen, die das Ganze für ein Hirngespinst hielten und mich auch fragten, wann ich mir endlich wieder einen vernünftigen Job suche. Ich hab mich davon nicht beirren lassen, aber ich kann mir gut vorstellen, das anderen Frauen sich davon beeinflusst lassen und dann diesen Ratschlägen folgen, obwohl sie total irrational sind.

Frauen in MINT-Fächern

Viele sind erstaunt, wenn sie hören, dass ich als Entwicklerin viel mit Leuten reden muss. Daher versuche ich Schülerinnen zu motivieren, wenn sie was „mit Menschen“ machen wollen, sich ein IT-Beruf anzuschauen, da man heutzutage dort viel mit Menschen zu tun hat. Viele Produkte würden nicht so sehr auf Männer ausgelegt werden. Ein Beispiel sind die Gesundheits-Apps, die lange Zeit keine Funktionen hatten wie z. B. Menstruationskalender.

Vielleicht müssen wir auch die IT-Berufe mehr als soziale Berufe interpretieren. Neue technische Innovationen haben Einfluss auf die Gesellschaft und die Gesellschaft hat Einfluss auf die Technik. Ein weiterer Aspekt ist, wenn die Teams durchmischter sind, dann gehen die Menschen sozialer miteinander um.

Ich glaube, wir werden immer eine Diversity-Debatte haben. Diversity macht ja nicht bei den Geschlechtern halt.

Hindernisse

Hürden und Hindernisse gab es bestimmt. Doch ich schlug dann halt einen anderen Weg ein oder bin über die Steine gegangen, um an mein Ziel zu kommen bzw. es ergaben sich andere, neue und zum Teil spannendere Perspektiven. Wenn Menschen zusammen arbeiten, dann menschelt es halt. Ich hab es nicht auf mein Geschlecht bezogen.

Wenn Menschen zusammen arbeiten, dann menschelt es halt.

Klischees gibt es sicherlich. Wenn Leute erfahren, dass ich in der IT-Branche arbeite, dann wird meistens davon ausgegangen, dass ich im Projektmanagement tätig bin.
Wenn ich sie aufkläre, dass ich entwickle, gehen sie immer davon aus, dass ich im Frontend-Bereich entwickle. Ich persönlich hab damit kein Problem. Ich kläre die Leute auf und dann ist gut.

Tipps & Tricks

Wenn man Interesse an Technik hat, dann soll man sich nicht von irrationalen Ratschlägen beirren lassen und einfach machen. Auch wenn man kein Interesse an Technik hat und eher was Soziales machen will, ist die Tech-Branche dafür gut geeignet, da wir komplexe Probleme lösen müssen, die sich nur in Teams mit verschiedenen Hintergründen lösen lassen.
Generell kann ich allen nur raten, macht das woran ihr Interesse habt und wenn ihr zu viele Zweifler um euch habt, dann sucht euch Leute, die euch unterstützen.

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