Interview mit Isabell Sippli

Women in Tech: „Lasst euch von niemand einreden, dass ihr irgendwas nicht könnt“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Isabell Sippli, Senior Technical Staff Member, IBM Hybrid DevOps & Management.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Isabell Sippli

Isabell-SippliIsabell Sippli widmete sich bereits während ihres Computer-Science-Studiums unter anderem den Themen Machine Learning und Künstliche Intelligenz. Nach ihrem Abschluss begann sie ihre Karriere als Software Engineer bei IBM , wurde Team Lead eines internationalen Teams, Lead Developer sowie Speakerin auf diversen internationalen Konferenzen. Aktuell arbeitet sie als Senior Technical Lead eines größeren Entwickler-Teams bei IBM.

Seit wann besteht Interesse für Tech und wie hast du die ersten Kontakte zum Tech-Themenbereich geknüpft?

Ich habe mein Interesse für Tech in der Oberstufe entdeckt – in einer Informatik AG. Außerdem waren meine Eltern immer sehr progressiv im Bezug auf neue Technologien – ich hatte als eine der Ersten meiner Klasse Zugriff auf einen Computer zu Hause und auch relativ früh Internetzugang. So habe ich nach und nach Freude am Ausprobieren entdeckt.

Das Informatikstudium hat mich gereizt, weil ich verstehen wollte, wie mein Computer im Hintergrund funktioniert und weil ich „richtig“ Programmieren lernen wollte. Ich war mir aber sehr unsicher ob das zu mir passt. Mit der Unsicherheit bin ich offen umgegangen – und habe meinen Eltern erklärt, dass ich große Lust habe, das Studium zu beginnen, es aber sein kann, dass ich eventuell einen anderen Weg einschlage. Nach dem ersten Praktikum war mir dann aber klar, dass das genau mein Ding ist =)

Wie verlief dein Weg bis zum jetzigen Job? Welche unterschiedlichen Karrierewege hast du eingeschlagen?

Nach mehreren Praktika und Werkstudententätigkeiten habe ich 2007 bei IBM im Germany R&D Labor als Software-Testerin angefangen. Nach einem halben Jahr bin ich dann in die Entwicklung gewechselt (damals war das noch strikt getrennt), und habe 5 Jahre hauptsächlich in Java/JEE entwickelt. Dort hatte ich auch erste kleine Führungsaufgaben, zum Beispiel als Implementation Lead für Features. Als ich das Gefühl hatte, nicht mehr wachsen zu können, bin ich in auf eine kundennahe Stelle gewechselt. Dort war ich als Lead Architektin verantwortlich für die Implementierung verschiedener Private Clouds bei europäischen Kunden und habe sowohl im Pre- als auch im Postsales gearbeitet. Die Zeit war sehr reiseintensiv und lehrreich.

Nach knapp 2 Jahren bekam ich ein Angebot im Stabsteam eines technischen Executives zu arbeiten und habe dort ein Jahr lang verschiedene Technologien auf ihre Produktreife und Eignung für das damalige Portfolio evaluiert. Anschließend bin ich in meinen jetzigen Wirkungsbereich gewechselt, als Architektin für ein neues SaaS-Produkt. Sukzessive habe ich mehr und mehr Verantwortung übernommen (mehr Components, größere Teams).

Seit 2017 bin ich Senior Technical Staff Member und als leitende Architektin für ein großes Entwicklungsteam verantwortlich.

Gab es Menschen, die dich auf deinem Weg gefördert haben? Hast du Vorbilder?

Ja, einige. Ich habe 2 (männliche) Mentoren innerhalb der IBM, die mich bestärkt haben, bestimmte Schritte zu gehen, und mir immer wieder die richtigen Fragen gestellt haben, um meinen Weg selbst zu finden. Dabei waren auch wichtige Türöffner, und ohne diese wäre ich jetzt nicht wo ich heute bin.

Steine hat man mir nicht in den Weg gelegt – Im Gegenteil.

Ich hatte das Glück, immer sehr unterstützende Manager und Mentor/innen zu haben, die mich gefördert und gefordert haben.

Ich habe einige Vorbilder, sowohl weiblich als auch männlich. Dazu gehören Kolleginnen, die es wunderbar geschafft haben, Familie und Führungsaufgabe zu vereinen, sowie eine Kollegin, selbst technische Executive, die mich im Besonderen mit ihrer Weitsicht, Freundlichkeit, technischer Kompetenz und bodenständiger Grundeinstellung beeindruckt.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag in deiner aktuellen Position aus? Entwickelst du auch selbst?

Ich bin Senior Technical Staff Member im Bereich IT Operations Management. Ich habe die technische Leitung eines Software Produktes (mehr hier), das heißt ich gebe technische Leitlinien an meine Entwicklungsteams und diskutiere Lösungsansätze mit meinen Peers und Teams, erstelle Prototypen um Machbarkeit zu analysieren, spreche viel mit Kunden um deren Anforderungen zu verstehen und analysiere den Markt. Ich verbringe viel Zeit in Webkonferenzen, habe aber auch immer wieder ruhige Stunden um mich in technische Problem einzuarbeiten, weiter zu lernen und einfach auch mal mit Technologie zu spielen.

Ich habe am Anfang meiner Karriere ausschließlich programmiert, das ist aber mit meinen veränderten Verantwortlichkeiten weniger geworden. Trotzdem bleibe ich dran, mein letztes Projekt war ein kleines Command Line Tool in GO, um die Verwendung einer REST API einfacher zu machen.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche? Welche Hürden müssen Frauen heute immer noch überwinden?

Darüber denke ich immer wieder nach, aber ich habe keine allumfassende Antwort. Ich glaube aber, dass die Sozialisierung von Jungen und Mädchen schon sehr früh in eine bestimmte Richtung drifted, und dass es zu wenig weibliche Vorbilder gibt. Ich finde, es passieren viele tolle Dinge, wie z. B. gender-neutrale Spielsachen, Girls Day, diese Interview-Serie, etc.

Allerdings brauchen Frauen je nach Hintergrund mehr Mut sich auf die Tech-Branche einzulassen, ungewöhnliche Wege zu gehen, und zu sich selbst sowie ihrer Herangehensweise zu stehen.

IT Security Camp im Februar 2021

Mit Christian Schneider

Christian ist als freiberuflicher Whitehat Hacker, Trainer und Security-Coach tätig. Als Softwareentwickler mit mittlerweile 20 Jahren Erfahrung fand er 2005 seinen Themenschwerpunkt im Bereich IT-Security.

Interview mit Christian Schneider zum Thema „DevSecOps“.

DevSecOps ist, bezogen auf Security-Checks, die logische Fortführung der Automatisierung im DevOps-Sinne


Welche Klischees/Stereotypen sind dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet? Welche Probleme ergeben sich daraus?

Ich möchte betonen, dass ich in der glücklichen Lage bin, mit relativ wenig davon konfrontiert worden zu sein – da bin ich aber eher die Ausnahme.
Was mir begegnet ist:

  • „Frauen und Informatik, was willst denn du hier?“
  • „Du siehst gar nicht aus wie eine Informatikerin.“
  • „Du wirst nur gefördert weil du eine Frau bist.“
  • „Kinder und technische Karriere lassen sich nicht vereinbaren.“

Das ist rational gesehen alles Quatsch, aber emotional fühlt sich das manchmal nicht so an. Daraus entstehende Probleme sind aus meiner Sicht vor allem Abschreckung sowie Verunsicherung, was zum Ausbremsen junger weiblicher Talente.

Zum Thema Vereinbarkeit – es gibt in unserer Branche, in meiner Wahrnehmung zum Glück abnehmend, immer wieder eine „Workaholic Hero Culture“. Der Mythos vom ständig erreichbaren Techie, der jedes Problem lösen kann, egal zu welcher Uhrzeit. Davon lassen sich meiner Meinung nach einige Frauen abschrecken, weil sie schon vorab keine Vereinbarkeit mit Familie sehen.

Es mag solche Anforderungen geben, aber ich kenne viel mehr Jobs, die sich ganz wunderbar mit einem ausgewogenen Privatleben vereinbaren lassen.

Vor allem die flexiblen Arbeitszeiten, sowie das Homeoffice machen mir den Alltag sehr viel leichter.

Ich habe einen kleinen Sohn, und arbeite momentan 85%, mein Mann Vollzeit. In Nicht-Corona-Zeiten funktioniert das mit einer Kita prima, gerade ist es ein bisschen schwieriger und anstrengender, aber sicher deutlich einfacher als in anderen Branchen. Ich freu mich trotzdem, wenn die Kitas wieder aufmachen =)

Und warum sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten? Würde unsere Welt anders aussehen, wenn mehr Frauen in MINT-Bereich arbeiten würden?

Weil es eine tolle, ständig wachsende und sich wandelnde Branche ist – ich könnte mir keinen spannenderen Arbeitsplatz vorstellen. Es gibt so viele Möglichkeiten zu lernen und sich zu entwickeln. Es gibt viele Studien, die zeigen, dass männlich-weiblich gemischte Teams besser performen, und deshalb sind mehr Frauen für alle ein Gewinn.

Ich weiß nicht, ob die Welt anders aussehen würde, aber unsere Branche wäre bunter, und die Ergebnisse sicher vielfältiger. Auch kann ich nicht einschätzen, wie Teams ganz ohne Frauen anfühlen, wenn ich teilnehme ist es ja kein reines Männer Team mehr. Ich habe allerdings von Kollegen Rückmeldungen erhalten, dass durch meine Anwesenheit mehr Ruhe einkehrt und insgesamt ein freundlicherer Umgang herrscht. Vorteile sehe ich für alle – und insbesondere für die Frauen, die sich dadurch die tollen Chancen innerhalb unserer Branche erschließen könnten. Ich glaube aber nicht, dass nur bestimmte Bereiche von Innovationen profitieren können. Wir sollten aufhören, bestimmte Bereiche als rein weiblich oder männlich zu betrachten.

Die Diversity-Debatte wird erst zu Ende sein, wenn für alle, egal welchen Geschlechts, Hautfarbe, sexueller Orientierung, Herkunft, gleiche Chancen zum Einstieg und Aufstieg bestehen – und es wird dauern bis das flächendeckend erreicht ist. IBM ist hier sicherlich Vorreiter und ich habe mich noch nie benachteiligt gefühlt, aber wenn man sich ein bisschen mit dem Thema beschäftigt, findet man schnell dunkle Flecken.

Tipps und Tricks

Traut euch, und seid neugierig! Sucht euch Vorbilder und Mentoren, und baut euch ein Netzwerk von Vertrauenspersonen auf. Verliert nie die Neugier und die Leidenschaft am Lernen, seid flexibel, und investiert in euch durch ständige Weiterbildung. Lasst euch von niemand einreden, dass ihr irgendwas nicht könnt – probiert es aus, und macht euch selbst ein Bild.

Man muss kein Hardcore-Techie sein, um in der Tech-Branche erfolgreich zu sein.

Und auch nicht schon von Kind auf Programmieren können. Ich habe in der Oberstufe zum ersten Mal programmiert, in einer AG, und bin dann relativ kalt ins Studium gestartet. Was ich da gelernt habe (aus den Kursen, in der Zusammenarbeit mit Kommilitonen, und in Praktika) hat für einen super Start ins Berufsleben gereicht. Voraussetzungen sind aus meiner Sicht Freude an Problemlösungen und Knobeln. Eine generelle Affinität zu Computern und das Interesse zu verstehen, wie Technik funktioniert, ist sehr hilfreich. Ich verbringe zum Beispiel meine Freizeit eher selten vor dem Bildschirm – sondern lieber mit meiner Familie, Freunden oder beim Yoga oder Reiten.

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