Interview mit Daniela Valero

Women in Tech: „Um den Wandel zum Besseren voranzutreiben ist es elementar, dass mehr Frauen in der Tech-Branche Fuß fassen.“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Daniela Valero, Senior Engineer Experience Technology bei Publicis Sapient.

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Unsere Woman in Tech: Daniela Valero

Daniela Valero

Wann entstand dein Interesse für IT und wie hast du die ersten Kontakte zum Tech-Themenbereich geknüpft?

Als ich etwa 15 oder 16 Jahre alt war, hatten wir das Fach Programmieren in der Schule und lernten, grundlegende Algorithmen in Turbo Pascal zu schreiben. Von Anfang an war ich davon total begeistert und liebte die Thematik so sehr, dass ich auch die Hausaufgaben meiner Freundinnen und Freunde machen wollte. So konnte ich auch mehr Zeit am Computer verbringen, denn wir hatten keinen zu Hause.

Später dann, als ich mich schließlich für ein Studium entscheiden sollte, war ich zwischen Phykologie, also der Studie von Algen, und Informatik hin und her gerissen. Mir war jedoch schnell klar, dass ich ohne Programmieren nicht leben wollte – also fiel die Wahl am Ende doch leichter als gedacht. An der Uni engagierte ich mich in einer GNU/Linux-User-Gruppe und kam so in Kontakt mit der Kommandozeile und anderen „nerdy“ Anwendungen.

Wie verlief dein Weg bis zum jetzigen Beruf? Welche unterschiedlichen Karrierewege hast du eingeschlagen?

Meine Karriere begann als Java-Entwicklerin in einer sehr konservativen und traditionell arbeitenden Software-Firma. Das Unternehmen hatte Regeln, die für mich keinen Sinn ergaben. So war von allen Mitarbeitern das tägliche Tragen von Anzügen gefordert – auch von den Entwicklern, obwohl sie alle in einen großen, fensterlosen Raum gepfercht waren und keinen Kundenkontakt hatten.

Danach arbeitet ich als PHP-Entwicklerin für die venezolanische Regierung. Die Arbeitskultur dort war stark von Politik geprägt: Wer war der größere Chávez-Fan? Wer hat mehr „Freunde“ in Machtpositionen? Da ich eine entschiedene Gegnerin des Regimes bin, wechselte ich die Seiten.

Meine nächste Karriere-Station absolvierte ich dann als Webmasterin bei der größten oppositionellen Onlinezeitung Venezuelas – La Patilla. Die Website basierte auf WordPress und ich verantwortete alle Aspekte der Technologie und der Plattform – vom Helpdesk über die Implementierung und Pflege von Funktionen bis hin zur Koordinierung der Serverstrategie und der Skalierung. Wir mussten häufig DoS-Angriffe der Regierung abwehren, denn das Land befand sich mitten in einem Medienkrieg.

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Zero Trust – why are we having this conversation?

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Digitaler Ersthelfer

mit Martin Wundram (DigiTrace GmbH)


Dies war dann der Punkt, an dem ich mich entschied, ins Ausland zu gehen. Es verschlug mich zu einem kleinen Startup in Bonn, das eine App zur Dokumentenverwaltung entwickelt hatte. Dort entwickelte und pflegte ich die neue Website und konzipierte ein Online-Dashboard für die Benutzer der App, um ihre Einstellungen effizienter zu konfigurieren. Alles basierte auf ClojureScript. Da ich noch nie damit gearbeitet hatte, holte ich mir Hilfe vom Backend-Team, um die Technologie zu verstehen. Ich lernte viel und genoss das multikulturelle Umfeld.

2014 kam ich schließlich zu Publicis Sapient, einem Beratungsunternehmen für die digitale Business Transformation, wo ich bis heute als technische Leiterin im Frontend-Bereich tätig bin. Die Arbeit macht richtig Spaß – nicht zuletzt wegen des tollen Teams und der spannenden Technologieprojekte für internationale Kunden.

Gibt es Menschen, die dich auf deinem Weg gefördert haben? Hast du Vorbilder?

Bei Publicis Sapient sind drei Frauen meine großen Vorbilder: Suse Menne, Alison Walden und Ute Zankl. Suse leitet als Country & Operations Lead das Business in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie ist eine bodenständige und kooperative Führungspersönlichkeit, die wirklich gut in dem ist, was sie tut. Suse hat mich seit meinem Einstieg bei Publicis Sapient gefördert und unterstützt mich bis heute.

Alison ist Direktorin für Experience Technology in unserem kanadischen Office in Toronto. Sie ist freundlich, bescheiden, eine wunderbare Rednerin und anerkannte Expertin für Web-Accessability. Trotz ihrer Position als Direktorin am anderen Ende der Welt nimmt sie sich immer gerne Zeit, wenn ich sie um Rat frage. Einfach eine wunderbare Frau.

Ute führt bei uns den Bereich People Strategy. Sie setzt sich aktiv für Diversity ein, ist in schwierigen Momenten immer für mich da und steht mir zur Seite.

In der Tech-Community bewundere ich Rachel Andrew und Marc Thiele. Rachel, weil sie in ihrer Karriere so viel erreicht hat. Sie ist eine renommierte CSS-Expertin, Mitglied des w3c und Chefredakteurin des Smashing Magazine. Marc ist der Gründer der Beyond-Tellerand-Konferenz, einer Veranstaltung, bei der sich Technologie und Kreativität treffen. Das von ihm geschaffene Umfeld ist einladend und hat einen extrem hohen Qualitätsanspruch. Marc ist immer bescheiden, unterstützend und ein großer Verfechter der Vielfalt.

Wurden dir in deiner Karriere auch bewusst Steine in den Weg gelegt?

Während meiner ersten Jobs wurde ich stark diskriminiert und schikaniert. Mir wurden Dinge gesagt wie: „Sie sehen mit geschlossenem Mund hübscher aus“ oder „Tun Sie einfach, was ich sage, wenn Sie hier ein einfacheres Leben führen wollen“. Die Arbeitsumgebungen waren von psychologischer Aggression geprägt. Eines Tages folgte mir sogar die Frau eines Kollegen nach der Arbeit im Bus. Als ich ausstieg und sie bemerkte, drohte sie, mich zu töten. Die ersten zwei Jahre meiner Karriere waren wirklich sehr hart.

Nach dieser Zeit hatte ich das Glück, in Umfeldern zu arbeiten, in denen man Vielfalt schätzt und sich sicher fühlen kann. Womit ich jedoch immer wieder konfrontiert bin, sind Unconscious Bias. Ich habe mit männlichen Kollegen gearbeitet, deren Kommunikation mir gegenüber respektlos war. Bei anderen Gelegenheiten wurden mir Führungsrollen aufgrund unterbewusster Vorurteile nicht zugetraut. Genau diese Unconscious Bias ließ meine Karriere das ein oder andere Mal stagnieren.

Zum Glück bin ich ein widerstandsfähiger Mensch und weiß, wann ich um Hilfe bitten muss.

Trotz aller Hindernisse habe ich bisher jedes Ziel erreicht, das ich mir gesetzt habe. Langsamer und mit größerer Anstrengung als soziale oder beruflich bessergestellte Menschen, aber ich habe es geschafft.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag in deiner aktuellen Position aus?

Aktuell arbeite ich als Senior Experience Technology Engineer bei Publicis Sapient. In dieser Position verantwortete ich im vergangenen Jahr als Frontend-Lead ein Projekt für DHL – also die Frontend-Delivery unseres Teams sowie in enger Zusammenarbeit mit dem Product Owner die weitere Roadmap.

Mein Arbeitsalltag beginnt mit dem üblichen „Daily“. Das Meeting ist eigentlich das einzig Vorhersehbare, denn jeder Tag ist anders. Manchmal kümmere ich mehr um administrative Aufgaben wie Planung, Pflege und Vorbereitung von „Stories“. An anderen Tagen konzentriere ich mich mehr auf die Optimierung unserer Arbeitsweise und den Austausch zwischen Stakeholdern und Teammitgliedern. Oder ich arbeite direkt mit der Technologie, schreibe Code, erneuere Pull-Anfragen oder entwickle unsere technische Vision weiter.

Vor einigen Jahren haben wir eine digitale UI-Bibliothek mit Komponenten für Bosch entwickelt. Die Qualitätsstandards waren die höchsten, die wir bei Publicis Sapient bis dahin umgesetzt hatten. Das Team, das ich leiten durfte, bestand aus hoch talentierten Senior Developern. Es war ein hartes Jahr, aber wir konnten die Erwartungen des Kunden übertreffen und sein Vertrauen erlangen. Was wir entwickelt hatten, wurde schließlich auf diversen Bosch-Websites weltweit ausgerollt.

Zudem habe ich noch eine weitere Verantwortung: die Leitung des Diversity-Teams in unserem Kölner Büro. Dieses treibt Initiativen für mehr Vielfalt und Inklusion voran. Wir haben im vergangenen Jahr erfreulicherweise viele engagierte Mitglieder hinzubekommen und sind für jeden da, der unsere Hilfe braucht.

Warum gibt es so wenige Frauen in der Tech-Branche? Welche Hürden müssen Frauen heute immer noch überwinden?

Meiner Meinung nach haben wir Frauen viele natürliche Stärken, aber auch einige Eigenschaften, die uns im Weg stehen: Wir neigen dazu, zu hart mit uns selbst ins Gericht zu gehen, Selbstkritik zu üben und lassen uns leicht in Bezug auf unsere Fähigkeiten verunsichern.

Unsere Branche ist patriarchalisch organisiert und an Männern ausgerichtet. Die negativen Eigenschaften des Frauseins stehen uns immer noch zu oft im Weg. Zudem werfen uns Männer häufig ungerechtfertigt vor, wir seien zu emotional und würden bei Kleinigkeiten überreagieren. Dazu kommt dann noch das stärker ausgeprägte Konkurrenzdenken der Männer, das dazu führt, dass wir Frauen oft – bewusst oder unbewusst – kleingeredet werden, damit sie selbst besser dastehen.

In vielen Fällen hat man das Gefühl, dass wir mehr wie ein Mann handeln müssen, um selbst erfolgreich zu sein. Das ist ein unbequemer Kompromiss, den nur wenige Frauen bereit sind einzugehen. Andere halten sich lieber gleich raus oder verlassen das Feld schnell wieder.

Welche Stereotypen sind dir in Bezug auf „Women in Tech“ schon begegnet und welche Probleme ergeben sich daraus?

Die beste Art, die Stereotypen zu beschreiben, ist das Double-Bind-Dilemma.

Wenn Frauen in Führungspositionen aufsteigen, neigen die Menschen zwar dazu, sie als kompetent anzusehen. Sie mögen sie aber nicht, da sie als „eiserne Ladies“ betrachtet werden. Wenn wir vorsichtig und kooperativ agieren, mögen uns die Leute eher, sehen uns aber nicht als technisch kompetent an. Eine Zwickmühle.

Wir können also als kompetent gelten und nicht gemocht werden, oder als inkompetent, aber dafür beliebt. Das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Polen zu finden, ist eine Herausforderung, die wir uns während unserer Karriere stellen müssen.

Das Problem ist, dass wir uns in einem Zustand des ständigen Kampfes wiederfinden – was auf Dauer nicht zu ertragen ist. Viele Frauen neigen deshalb dazu, in technischen Berufen keine Führungspositionen anzustreben, denn wenn man erstmal dort ankommt, wird der Kampf noch schlimmer.

Und warum sollten mehr Frauen in der Tech-Branche arbeiten? Würde unsere Welt anders aussehen, wenn mehr Frauen im MINT-Bereich arbeiten würden?

Viele Studien belegen, dass gemischte Teams, die weibliche wie männliche Attribute vereinen, besser performen. Dies wirkt positiv auf die Zusammenarbeit, das Wohlbefinden, die emotionale Intelligenz und psychologische Sicherheit.

Meiner Meinung nach wird das alte Modell der männlichen Softwareindustrie von Tag zu Tag unbedeutender. Zwar ist dieses Konzept einer der Gründe, warum die Industrie heute da steht wo sie ist, aber für den Erfolg in der Zukunft muss die männliche Dominanz gebrochen werden.

Um den Wandel zum Besseren voranzutreiben und unsere Arbeitsweise positiv zu verändern, ist es elementar, dass mehr Frauen in der Tech-Branche Fuß fassen.

Wie sieht die Zukunft aus – wird die Diversity-Debatte bald Geschichte sein?

Ich glaube, dass diese Debatte noch viele Jahre mit unterschiedlicher Intensität weitergeführt werden wird. Gegenwärtig zeigt die Sozialwissenschaft, wie wichtig Vielfalt und Geschlechterparität für Teams sind. Es werden nicht nur bessere Ergebnisse erzielt, sondern auch Innovationen positiv beeinflusst.

Unternehmen beginnen endlich, Diversity ernst zu nehmen und sie zur Priorität zu machen. Allerdings lernen und verändern sich Gesellschaften nur sehr langsam. Es dürften also noch viele Jahre vergehen, bis sich der Kampf für mehr Vielfalt erledigt hat.

Früher war es für Minderheiten noch schwieriger, sich zu behaupten. Sie mussten stark sein und den Mut aufbringen zu rebellieren. Meine Generation tut nun das Gleiche. Heute gibt es glücklicherweise mehr Männer, die sich für Vielfalt einsetzen.

Die nächste Generation wird es leichter haben, aber die schwierige Situation von Frauen in der Tech-Branche wird sicherlich noch einige Jahre andauern.

Hast du Tipps für Frauen, die in die Tech-Branche einsteigen möchten?

Finde etwas, das du gerne machst und lerne es zu beherrschen. Halte dich auf dem Laufenden über den neuesten Stand der Technologie, finde Mentoren, trage zu Open Source bei, erstelle Codepens und PoCs und arbeite an deinen technologischen Fertigkeiten. Härte zeigen zu können, wenn sie notwendig ist, ist ebenfalls ein großer Vorteil. Zudem gilt es, offen zu sein und sich kontinuierlich weiterzubilden sowie die Kommunikations- und Zuhörfähigkeiten zu verbessern und die weibliche emotionale Intelligenz nutzbringend einzusetzen.

Wenn du es dann noch schaffst, regelmäßig Treffen der Women in Tech-Community zu besuchen, dich mit Gleichgesinnten zu vernetzen und ein Netzwerk aufzubauen, bist du auf dem richtigen Weg. Ebenfalls solltest du immer darauf achten, deine Emotionen zu kontrollieren, respektvoll und freundlich zu sein, und deinem Gegenüber offenes Feedback zu geben, wenn du belästigt oder schikaniert wirst. Falls es das nicht wert ist, zieh weiter. Getreu dem Motto: „Wenn du durch die Hölle gehst, halte nicht an, sondern zieh weiter. Hier ist kein guter Ort für eine Pause.“

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