Interview mit Polina Khabarova

Women in Tech: „Frauen werden von MINT abgewiesen, noch bevor sie anfangen“
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In unserer Artikelserie „Women in Tech“ stellen wir inspirierende Frauen vor, die erfolgreich in der IT-Branche Fuß gefasst haben. Heute im Fokus: Polina Khabarova, Deputy Director General, Chief Transformation Officer und HRD von CROC

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – so weit, so schlecht. Doch langsam, aber sicher bekommt der sogenannte Boys Club Gesellschaft von begabten Frauen: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß.

Aus diesem Grund wollen wir hier spannenden und inspirierenden Frauen die Möglichkeit geben, sich vorzustellen und zu erzählen, wie und weshalb sie den Weg in die Tech-Branche gewählt haben. Aber auch Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten kommen zur Sprache.

Polina Khabarova, Deputy Director General, Chief Transformation Officer und HRD von CROC


Polina Khabarova ist Deputy Director General, Chief Transformation Officer sowie HRD von CROC und trägt zur strategischen Entwicklung des Unternehmens bei. Sie ist verantwortlich für Unterstützung und Aufsicht aller Praktiken der HR-Abteilung, einschließlich der Schulung und Ausbildung des Personals, der Rekrutierung, der Human Relations, der Unternehmenskultur und der internen Unternehmenskommunikation. Während ihrer Zeit bei CROC hat Polina mehrere beispiellose HR-Projekte entwickelt und die Gründung einzigartiger Programme zur Mitarbeiterbindung initiiert.

Heute leitet sie zudem auch das Wissensmanagement-Team des Unternehmens, das seit über 10 Jahren an Projekten für die größten Unternehmen in Russland arbeitet. Dazu gehören mehr als 100 Online- und Offline-Schulungen in den Bereichen IT, 3D-Technologie, aktuelle HR- und Marketing-Trends, Projektmanagement und andere Praktiken sowie kundenspezifische Kurse, die in Russland einzigartig sind (z.B. Nutzung von ROI und Big Data in HR und Marketing). Polina beaufsichtigte auch die Einrichtung des CROC MBA und der Master-Studiengänge für Wirtschaftsinformatik, die gemeinsam mit der Hochschule für Wirtschaftsinformatik (HSE) entwickelt wurden.

Polina leitete die Gründung der HR-Tech-Praxis bei CROC an, wobei mehr als 20 interne Geschäftsprozesse automatisiert wurden, wie z. B. die Geschäftsreiseformalitäten, Onboarding, die Organisation von internen Schulungen und Firmenveranstaltungen. Seit 2017 ist sie auch Chief Transformation Officer bei CROC und eine interne Vordenkerin für die Transformation. Zusammen mit dem Team des Transformationsbüros berät Polina häufig Topmanager führender russischer und internationaler Unternehmen bei der Unternehmenstransformation. Außerdem ist sie eine Expertin für Personalberatung und eine wichtige Sprecherin bei großen, branchenspezifischen Veranstaltungen. 2018 wurde Polina von Kommersant.ru zur Nummer Eins unter den HR-Direktoren von IT-Unternehmen gewählt und trat als Expertin dem staatliche HR- und Bildungsteam der „Digital Economy. Russia 2024“ bei.

Was hat dein Interesse für die Tech-Branche geweckt?

Es war bereits vor 10 Jahren offensichtlich, dass die Technologie unsere bestehenden Gesellschaftsverträge revolutionieren und das Gesellschaftsgefüge selbst verändern würde. Während meines Philosophiestudiums interessierte mich die Art dieses Wandels und ich verglich immer wieder die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklungen mit der unserer gesellschaftlichen Anpassung an jene.

Die Russian Managers Association und das Verlagshaus Kommersant ernannten mich zur stolzen Nummer Eins unter den Personalchefs im russischen Sektor für Informationstechnologie.

Mein Interessengebiet war hauptsächlich das Management. Als ich nach einer Branche suchte, bei der ich mich als HR-Spezialist bewerben konnte, erkannte ich, dass die Technologiebranche am besten zu mir passen würde, da ich in ein Unternehmen mit hoch qualifizierten Fachleuten mit zukunftsweisenden Gedanken einsteigen wollte. Je mehr ich in der IT gearbeitet habe, desto eher wurde mir klar, dass man die IT-Branche als eine Pionierindustrie für das Erproben neuer HR- und Managementansätze betrachten könnte: die Verwaltung innovativer Unternehmenskulturen, die Motivation von F&E-Teams usw. . Für mich bildet all das darüber hinaus auch eine Brücke zwischen den Teams, die die Zukunft vorhersehen und gestalten, und mir selbst, die immer darüber nachdenkt, wie man die Ankunft dieser Zukunft beschleunigen kann.

Der Weg in den Beruf

Ich habe meinen Abschluss an der Lomonossow-Universität in Moskau gemacht, zuerst den Bachelor im Fachbereich Philosophie und anschließend den Master im Fachbereich Staatsmanagement. Meine Karriere begann ich in der Personalabteilung von Merloni Elettrodomestici, ein Netzwerk aus großen internationalen Unternehmen, und dann arbeitete ich bei Artcom Worldwide Partners, einer Werbeagentur.

2007 trat ich dem IT-Unternehmen CROC als Praktikantin bei. Zu diesem Zeitpunkt war ich auf der Suche nach einem gut etablierten IT-Unternehmen mit Schwerpunkt auf der Finanzbranche und beobachtete auch die Personen, die mich interviewten, sehr genau. Die Leute von CROC haben mich inspiriert, als sie mit soviel Begeisterung über ihre Projekte sprachen. Es war also ein glücklicher Fund: Manche Dinge, die hier geschaffen wurden, kann man sonst nirgendwo sehen, nicht einmal in großen internationalen Unternehmen.

In der Zwischenzeit, nach dreieinhalb Jahren, wurde ich zur Teamleiterin für die Corporate Culture (Unternehmenskultur) ernannt. Einige Jahre später wurde ich dann zur Leiterin der Personalabteilung befördert und seit 2014 arbeite ich als der stellvertretende CEO der Human Resources. Nun bin ich auch der Chief Transformation Officer, der für die Umgestaltung des Unternehmens verantwortlich ist, wozu auch die Änderung unserer Unternehmenskultur und die Einführung neuer Ansätze zur Geschäftsentwicklung gehören.

Unterstützung und Vorbilder

Ich habe immer Unterstützung von meiner Familie erhalten. Meine Mutter war ein perfektes Vorbild – mit 35 Jahren hatte sie bereits ihr eigenes Geschäft. Und es war übrigens eines der ersten Rekrutierungsunternehmen in Russland. Mein Vater förderte dieses Vorbild immer, indem er meiner Mutter half und sie ermutigte. Außerdem habe ich während meines Studiums an der Universität viele Frauen kennengelernt, die in verschiedenen Branchen Karriere machten. Alles in allem, ist es seit meiner Kindheit die Norm, eine erfolgreiche Frau in der Wirtschaft zu sein und nicht die Ausnahme.

Ein Tag in Polinas Leben

CROC ist einer der russischen IT-Marktführer, der zur Entwicklung der nationalen digitalen Ökosysteme beiträgt und IT-Projekte in 40 weiteren Ländern umsetzt. Unser Unternehmen bietet eine breite Palette von IT-Lösungen an, einschließlich Systemintegration und verwaltete B2B- und Beratungsdienste. Darüber hinaus bietet CROC auch Standardprodukte und vielversprechende End-to-End-Technologien an, wie z. B. Big Data, Blockchain, künstliche Intelligenz, virtuelle und erweiterte Realität, das Internet der Dinge, Robotik und maschinelles Lernen.

Ich arbeite an der strategischen Entwicklung des Unternehmens und bin verantwortlich für die Unterstützung und Beaufsichtigung aller HR-Praktiken, einschließlich der Schulung und Ausbildung des Personals, der Rekrutierung, der menschlichen Beziehungen, der Unternehmenskultur und der internen Kommunikation. Ich habe mehrere beispiellose HR-Projekte entwickelt und einzigartige Programme zur Mitarbeiterbindung initiiert. Außerdem leite ich das Wissensmanagement-Team des Unternehmens, das seit über 10 Jahren an Projekten für die größten Unternehmen in Russland arbeitet. Als Mitglied des HR- und Bildungsteams der „Digital Economy. Russia 2024“ berate ich häufig Topmanager führender russischer und internationaler Unternehmen zu Praktiken der Unternehmenstransformation.

Gemischte Teams bieten ein produktives und interessantes Umfeld, da die Diversität der Ansichten zu einer besseren Entscheidungsfindung führt, die Kommunikation verbessert und innovativere Ideen fördert.

Mein typischer Arbeitstag ist eine Mischung aus operativen, strategischen und „Brücken“-Aufgaben. Ich verbringe etwa 20% meiner Zeit mit operativen Aufgaben als HRD und CTO und 20% mit der strategischen Planung, wobei ich tagsüber viele Besprechungen mit verschiedenen Teams und Mitarbeitern habe. Ich versuche, alle Aufgaben auszubalancieren und ein paar Stunden pro Tag beim, wie ich sagen würde, Nachdenken einzusparen.

Auf was bist du in deiner Karriere am meisten stolz?

In den letzten zwei Jahren war ich laut der Russian Managers Association und dem Verlagshaus Kommersant die stolze Nummer Eins unter den Personalchefs im russischen Informationstechnologiesektor.

Ich bin besonders stolz darauf, dass ich das Problem der Unterrepräsentation von Frauen in der Wirtschaft ansprechen kann, und freue mich, eine Diskussion über das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern zu initiieren, da der Technologiesektor, sowohl in Russland als auch weltweit, dieses Problem lösen muss, um kreativer und gerechter zu werden. Gemischte Teams bieten ein produktives und interessantes Umfeld, da die Diversität der Ansichten zu einer besseren Entscheidungsfindung führt, die Kommunikation verbessert und innovativere Ideen fördert.

Fast die Hälfte unserer Vorstandsmitglieder sind Frauen.

Bei CROC machen wir das Umfeld für Frauen komfortabler und schaffen gleichzeitig intelligente und kreative Plattformen innerhalb des Unternehmens, auf denen Männer und Frauen zusammenarbeiten können. Unsere gemischten Projektteams arbeiten in einer freundlichen Atmosphäre, in der jeder die gleichen Chancen hat, seine Fähigkeiten zu entwickeln und sich eine Beförderung zu sichern. Darüber hinaus sind fast die Hälfte unserer Vorstandsmitglieder Frauen.

Wieso gibt es nicht mehr Frauen in der Tech-Branche?

Es ist die kulturelle Wahrnehmung der Menschen, die die Technologie hemmt und nicht die Schwerfälligkeit. Deshalb ist die Gesellschaft nur selten bereit für eine bestimmte Veränderung, wenn sich in Wirklichkeit das gesamte technische Umfeld bereits verändert hat. Die Menschen sind immer noch im Brotverdiener- und Hausfrauenkonzept gefangen. Wahrscheinlich werden nur wenige Zweifel daran haben, wie diese Titel zwischen den Geschlechtern verteilt sind. Und das, obwohl die Ära der weit verbreiteten Schwerarbeit in den meisten Bereichen menschlicher Tätigkeit längst vorbei ist. Es gibt also keinen Grund dafür, dass körperliche Vorteile ein entscheidendes Kriterium sein sollten, wenn wir darüber entscheiden, wer eine Position zugewiesen bekommt.

Die Ursache für diese Haltung ist die angeblich geringere Eignung von Frauen für Wissenschaft, technisches Ingenieurwesen oder Mathematik (MINT). Es entscheiden sich weniger Frauen für einen technischen Studiengang, da sie bereits von klein auf durch Geschlechterstereotype entmutigt werden. Wie z. B., dass Jungs besser in Mathematik und Wissenschaft sind, obwohl uns wissenschaftlichen Studien sagen, dass selbst wenn es definierte Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf irgendeiner Ebene gibt, diese so gering sind, dass man damit das Ungleichgewicht der Geschlechter in der Technik nicht erklären kann.

Welchen Herausforderungen müssen sich Frauen in der Tech-Branche stellen?

Es heißt, dass 40 Prozent der Männer mit MINT-Abschluss in technischen Berufen arbeiten, während nur 26 Prozent der Frauen mit MINT-Abschluss dies tun. Das bedeutet, dass qualifizierte Frauen — abgeschreckt durch das unfreundliche Umfeld der vorbereitenden Rekrutierungssitzungen und ein feindseliges Klima innerhalb der Organisationen — von dem Bereich abgewiesen werden, noch bevor sie anfangen. Dies reduziert die Geschlechtervielfalt des Talentpools für Rekrutierer erheblich.

Qualifizierte Frauen — abgeschreckt durch das unfreundliche Umfeld der vorbereitenden Rekrutierungssitzungen und ein feindseliges Klima innerhalb der Organisationen — von dem Bereich abgewiesen werden, noch bevor sie anfangen.

Frauen, die mutig genug sind, sich zu bewerben, sehen sich oft mit problematischen Einstellungspraktiken konfrontiert. Für ein IT-Unternehmen ist es durchaus üblich, ein Interview zu beginnen, ohne auch nur “Hallo” zu sagen, stattdessen heißt es: “Zeigen Sie mir, wie man das in C++ macht”. Dies repräsentiert einen sehr feindlichen und prahlerischen Ansatz. Die „Brogrammierer“-Kultur (man beachte die Semantik) versucht zu zeigen, wie viel klüger sie sind. Diese Art und Weise Interviews durchzuführen, prognostiziert häufig eine höhere Erfolgsaussicht bei Männern und eine niedrigere bei Frauen. Und diejenigen, die es geschafft haben, sich zu integrieren, sehen sich in der Regel mit einer sehr feindseligen, sexistischen Atmosphäre im Inneren konfrontiert. Dies führt zu einem hohen Maß an Zermürbung (laut einer Umfrage des Center for Talent Innovation verlassen Frauen das Unternehmen mit 45 % höherer Wahrscheinlichkeit innerhalb eines Jahres als Männer).

Wäre unsere Welt anders, wenn mehr Frauen in technischen Berufen arbeiten würden?

Ich glaube, je vielfältiger ein Team in Bezug auf Geschlecht, Alter und Fähigkeiten ist, desto besser ist es. Ich denke, dass ich die die Stärken und Schwächen der weiblichen und männlichen Fähigkeiten nicht zu erwähnen brauche. Aufgrund zahlreicher historischer, kultureller, wirtschaftlicher, biologischer und sozialer Gründe sind diese Fähigkeiten unterschiedlich (oder wir nehmen sie nur in vielen Aspekten unterschiedlich wahr). Dieser Unterschied wird so lange bestehen bleiben, bis wir eine radikale Änderung dieser sozialen Einstellung vornehmen.

Auf diese Weise könnte ein vielfältiges Team eine differenziertere Sichtweise eines Themas vorschlagen und infolgedessen ein kundenorientierteres Produkt vorschlagen. In der IT ist ein solcher gemischter Team-Ansatz entscheidend, weil man unterschiedliche Einsichten von verschiedenen sozialen Gruppen erhält und so geeignetere Produkte schafft, die den lebenswichtigen Bedürfnissen der Gesellschaft entsprechen und eine komfortable Umgebung für alle schaffen.

Die Diskussion über Diversität nimmt Fahrt auf. Wie lange wird es dauern, bis wir Ergebnisse der aktuellen Debatte sehen?

Wie ich es bereits in einer vorhergehenden Antwort erwähnt habe, würde ein Unternehmen und die Gesellschaft von einem unvoreingenommenen Ansatz nur profitieren. Deshalb brauchen wir sie jetzt. Allerdings setzt uns die Realität hier Grenzen und ich würde sagen, dass wir noch zwei weitere Generationen brauchen, um den gewünschten Wandel zu sehen – mindestens 20 Jahre.

Dieser Wandel sollte zur Schaffung eines neuen kulturellen Codes führen. Heute müssen wir das Problem ein wenig künstlich lösen: Globale Unternehmen haben KPIs, um mehr weibliche Angestellte einzustellen, sowohl für gewöhnliche als auch für Top-Management-Positionen. Auf den ersten Blick mag dieser Ansatz merkwürdig und sogar „männlich-diskriminierend“ aussehen, aber langfristig gesehen, könnte er dafür geeignet sein, um einen kulturellen Code zu verändern.

Tips & Tricks für eine Karrier in der Tech-Branche

Seid einfach ein gute Fachleute. Gerade in der IT gibt es heute weniger geschlechtsspezifische Barrieren, wenn eine Person ein guter Fachkundiger ist. IT- und Beratungsunternehmen sind, im Vergleich zu Unternehmen aus anderen Branchen, Pioniere, wenn es um die Innovation im Allgemeinen und die Forderungen von Frauenkarrieren im Besonderen geht. Und sie sind bestrebt, Frauen in Positionen zu übernehmen, die bisher männlich dominiert sind. Nutzt die aktuellen und kommenden Möglichkeiten, um die Spitzenpositionen der IT-Unternehmen zu besetzen.

Ich möchte auch hinzufügen, dass es bei jedem Unternehmen um Menschen geht. Es sind Menschen, die die kalte elektronische Maschine entzünden oder seelenlose Software mit Sinn und Zweck erfüllen, um die Welt ständig zu erschaffen und zu verändern. Diese Erkenntnis macht sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer den Unterschied aus. Man sollte sich nicht von dem Unternehmen, in dem man arbeitet, distanzieren oder seinen Zuständigkeitsbereich einschränken. Man sollte damit aufhören, sich nur als funktionalen Mitarbeiter oder Assistent des Unternehmens zu sehen. Stattdessen sollte man versuchen, wie ein Stakeholder zu denken und genau verstehen, warum das Unternehmen etwas macht und warum es effizient ist oder nicht. Unternehmen sollten im Gegenzug ein angenehmes Umfeld schaffen und ihre Mitarbeiter unvoreingenommen als Familienmitglieder oder Partner betrachten.

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