Stellt das Aussperren von Nutzern mit Werbeblockern einen unerlaubten Eingriff in die Privatsphäre dar?

Anti-Adblocker-Maßnahmen verstoßen womöglich gegen geltendes EU-Recht
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Viele Webseitenbetreiber und Verlage befürchten, dass der Einsatz von Werbeblockern im Internet zu immensen Verlusten bei Werbeeinnahmen führe. Oftmals wird Nutzern daher der Zugang zu den betroffenen Seiten verweigert, wenn sie mit einem Adblocker im Netz unterwegs sind. Dieser Praxis könnte durch geltendes EU-Recht bald ein Riegel vorgeschoben werden. Wie die EU-Kommission in einem Schreiben mitteilt, stellen Anti-Adblocker-Strategien einen unerlaubten Eingriff in die Privatsphäre der User dar.

Werbefilter und Pop-up-Blocker wie beispielsweise Adblock oder Adblock Plus können als Erweiterung in verschiedene Browser integriert werden. Spezifische Filterlisten blenden nicht nur nervige Werbebanner aus, sondern unterbinden auch das Sammeln von userspezifischen Daten und Blockieren Malware in Webseiten.

Aus Furcht vor Einnahmeverlusten sind nun einige Webseitenbetreiber und Verlage dazu übergegangen, die Nutzung von Adblockern automatisch zu erkennen und den betroffenen Usern die Ansicht der Webinhalte zu untersagen. Durch die Einbindung von Warnmeldungen werden sie daraufhin über die Notwendigkeit der Werbefinanzierung unterrichtet. Erst nachdem der Adblocker deaktiviert wurde, sind die Inhalte wieder frei verfügbar.

Bild.de vs. Adblock Plus

Ein populäres Beispiel für eine Anti-Adblocker-Strategie ist der Onlineauftritt der Boulevardzeitung Bild. Der Axel Springer Verlag ging gerichtlich gegen die Eyeo GmbH, das Unternehmen hinter dem bekannten Werbeblocker Adblock Plus, vor. Der Vorwurf lautete, dass Adblock Plus das Werbegeschäft des Verlags im Onlinebereich massiv gefährde und zu hohen Verlusten führe. Die Klage wurde jedoch abgewiesen.

Adblock Plus blendet nicht systematisch sämtliche Werbebanner aus, sondern arbeitet außerdem mit einer Whitelist, die bestimmte Arten von nicht aufdringlicher Werbung bei aktiviertem Schutz standardmäßig durchlässt. Was hierbei den Schutzwall passieren darf und was nicht, wird von einer Acceptable Ads Initiative festgelegt.

Der Springer Verlag gab sich damit jedoch nicht zufrieden und sperrte den Zugang zu den Inhalten auf Bild.de für alle Nutzer, die einen Werbeblocker benutzen. Auf den Content kann nur durch die Deaktivierung des Tools oder durch den Abschluss eines kostenpflichtigen Abos wieder  zugegriffen werden.

Adblocker: Filtern statt Blocken

Bedrohen Werbeblocker tatsächlich das redaktionelle Alltagsgeschäft im Internet? Oder sind sie nicht vielmehr eine Art von digitaler Selbstverteidigung, um sich gegen nervende Werbebanner, die die Ladezeiten unnötig in die Höhe treiben, zu wehren? Über 40 Millionen User haben Eyeos Adblock Plus installiert. Weltweit liegt die Zahl von Anwendern, die einen Werbeblocker benutzen, sogar bei über 200 Millionen. Der dadurch verursachte Schaden soll sich auf 20 Milliarden Euro belaufen.

Im Grunde verdienen Firmen wie Eyeo ihr Geld aber nicht durch das Blocken, sondern durch das Filtern von Werbung. Neben den finanziellen Einbußen ist das ein weiterer Grund, warum viele Publisher Werbeblocker aussperren. Denn fraglich bleibt, wer überhaupt entscheiden darf, welche Anzeigen durchgelassen werden und welche nicht. So halten sich, obwohl Eyeo vor Kurzem seine Monetarisierung dargelegt hat, nach wie vor hartnäckig Gerüchte, dass Adblock Plus Whitelisting-Plätze für Millionen-Beiträge verkauft.

Es scheint also so, als würde insgeheim gefiltert, statt transparent geblockt. Unabhängig von dieser Frage hat der Fall Bild.de aber eines gezeigt: Die Nutzer sind nicht länger ohne Weiteres bereit, sich unverhältnismäßig vielen Werbeeinblendungen auszusetzen und die daraus resultierenden Nachteile billigend in Kauf zu nehmen. So wurde als unmittelbare Reaktion auf die Idee einer Paywall ein Axel Springer Blocker veröffentlicht, der sämtliche Websites des Verlags blockiert.

EU-Recht und die Privatsphäre im Netz

Rückenwind erhalten die Nutzer nun scheinbar vonseiten der Europäischen Kommission. Wie Wired berichtet, hat der Datenschutzaktivist Alexander Hanff vergangene Woche in einem Tweet ein Schreiben der Europäischen Kommission veröffentlicht. Aus diesem Dokument geht hervor, dass die EU-Kommission die Position vertritt, dass die Verwendung von Adblockern in den Anwendungsbereich der Datenschutzrichtlinie für elektronische Kommunikation fällt.

Im Artikel 5, Absatz 3 der Datenschutzrichtlinie heißt es: „Die Mitgliedstaaten stellen sicher, dass die Benutzung elektronischer Kommunikationsnetze für die Speicherung von Informationen oder den Zugriff auf Informationen, die im Endgerät eines Teilnehmers oder Nutzers gespeichert sind, nur unter der Bedingung gestattet ist, dass der betreffende Teilnehmer oder Nutzer gemäß der Richtlinie 95/46/EG klare und umfassende Informationen insbesondere über die Zwecke der Verarbeitung erhält und durch den für diese Verarbeitung Verantwortlichen auf das Recht hingewiesen wird, diese Verarbeitung zu verweigern.

Wie dem Schreiben zu entnehmen ist, könnte das Aussperren von Usern, die mit Adblockern im Netz unterwegs sind, gegen geltendes EU-Recht verstoßen. Um festzustellen, ob ein solches Tool zum Einsatz kommt, müssen die Webseiten nämlich den Browser der Betroffenen mithilfe eines (Java-)Scripts untersuchen. Dieser Eingriff erfolgt bisher ohne die Einwilligung der Nutzer. Nach einem im Mai 2011 verabschiedeten EU-Gesetz stellt das jedoch einen unerlaubten Eingriff in die Privatsphäre der User dar.

Wie The Register argumentiert, ist dieser Fall vergleichbar mit der rechtlichen Regelung, dass Webseiten nicht ungefragt Cookies auf fremden Rechnern installieren dürfen. Für Anti-Adblocker-Strategien könnte das erhebliche Konsequenzen haben. Müssten die Webseitenbetreiber zunächst die Einwilligung der User einholen, bliebe ihnen zum einen die Möglichkeit, sämtliche Inhalte für alle Anwender zu sperren, bis die Überprüfung erfolgt ist. Das würde allerdings viele Nutzer abschrecken und zu erheblichen wirtschaftlichen Nachteilen führen. Alternativ könnten die Betreiber den freien Zugriff auf ihren Content so lange gewähren, bis überprüft werden kann, ob ein Werbeblocker zum Einsatz kommt oder nicht. Dann aber verlieren Anti-Adblocker-Strategien ihren Sinn.

Fazit

Sämtliche Folgen für Verlage und Publisher, die eine Anti-Adblocker-Strategie fahren, sind noch nicht absehbar. Allerdings hat Hanff bereits via Twitter angekündigt, auf Grundlage des ihm vorliegenden Schreibens rechtlich gegen die Anti-Adblocker-Praxis vorgehen zu wollen. Einen ersten Schritt in diese Richtung soll eine Webseite bilden, auf der Nutzer Verstöße melden können. Sie soll im Laufe der nächsten Woche online gehen.

Aufmacherbild: Euro flag. Euro money via Shutterstock / Urheberrecht: Marian Weyo

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