Counterspeech statt Löschung

Facebooks Initiative gegen Hasskommentare – Twitter und Reddit warten ab
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Hundert neue Mitarbeiter und eine Zivilcourage-Initiative – so will Facebook das Problem der Hassposts europaweit bekämpfen. Die deutsche Regierung, NGOs und User sollen mitwirken. Allerdings werden nicht alle Formen der Radikalisierung thematisiert. Das Problem der Meinungsfreiheit und Verdrängung auf Facebook und anderen Plattformen – eine Analyse.

Facebook will mit über hundert neuen Mitarbeitern in Deutschland gegen Hass-Kommentare vorgehen. Nach monatelanger Kritik hat das soziale Netzwerk zudem die „Initiative für Zivilcourage Online“ gegründet und wird mit rund einer Million Euro europäische NGOs unterstützen. Das engagierte Projekt soll mit Regierungen und anderen Onlinediensten auf den Weg gebracht werden, teilte Facebook im Newsroom mit. Ziel sei es, für mehr Toleranz zu sorgen und gezielter gegen Extremismus und Fremdenfeindlichkeit vorzugehen.

Zunächst berichtete Spiegel Online am vergangenen Freitag, dass neben den international agierenden Teams in Irland, Kalifornien und Texas sowie im indischen Hyderabad nun auch in Deutschland zusätzliche Dienstleister eingestellt werden. Dies geschähe in Zusammenarbeit mit der Bertelsmann-Tochter Arvato. Die Dienstleister müssten laut Ausschreibung auch Arabisch, Französisch oder Türkisch beherrschen. Wurden Beschwerden bisher meist nach Dublin geleitet und teilweise von Bots bearbeitet, sollen nun über hundert Dienstleister diese Arbeit in Deutschland übernehmen. Damit reagiert Facebook auf frühere Forderungen des Bundesjustizministeriums. Entsprechend zufrieden äußerte sich Gerd Billen, Staatssekretär für Justiz und Verbraucherschutz, während der Präsentation der Initiative: „Wir freuen uns auf die Umsetzung dieser Initiative, die einen wichtigen Schritt im Kampf gegen Online-Extremismus darstellt.“

Gemeinsame Initiative gegen Hass

Am Montag stellte Facebook-Managerin Sheryl Sandberg sogar persönlich die Zivilcourage-Aktion in Berlin vor und betonte dabei, dass Facebook kein Ort für die Verbreitung von Hassreden oder Aufrufen zu Gewalt sei. Stattdessen wolle man nicht nur durch die gezielte Löschung von Hass-Kommentaren, sondern aktiv mit „Counterspeech“ gegen Hetzer vorgehen – also mit gemeinsam entwickelten Strategien und Argumenten. Im Fadenkreuz stehen insbesondere fremdenfeindliche und rassistische Hassreden.

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Mehrere europäische Initiativen und Institutionen sind Teil der Aktion, darunter auch die Amadeu Antonio Stiftung sowie das International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence. Die Stiftung setzt sich für demokratische Kultur und die Gleichwertigkeit aller ein.

Die Silvesterübergriffe in Köln haben gezeigt, welche fremdenfeindliche Dynamik sich auf der sozialen Plattform entwickeln kann. Mit ihrer Kontrolle sind die bisherigen Facebook-Mitarbeiter völlig überfordert. Dass man der rapide angestiegenen Zahl der Beschwerden mit dem bestehenden Personal nicht mehr Herr wird, hatte bereits eine Delegation von Journalisten bemerkt, die im letzten Jahr die Zentrale in Dublin besucht hatten. Es bleibt zu hoffen, dass jetzt die zusätzlichen Dienstleister in Deutschland sowie die Initiative das Problem besser in den Griff bekommen. Allerdings ist weiterhin nicht genau definiert, was auf dem sozialen Netzwerken weiter als freie Meinungsäußerung gilt und was als fremdenfeindlich bzw. rassistisch eingestuft werden muss.

Alle Formen der Radikalisierung abgedeckt?

Da sich die Initiative bisher vornehmlich gegen Fremdenfeindlichkeit richtet und offenbar keinen Fokus auf andere Formen der Radikalisierung legt, werden bald auch Stimmen aus dem konservativen bis rechten Umfeld einfordern, dass gleichermaßen der Hetze gegen freiheitlich-demokratische Werte Einhalt geboten werden muss. Das hieße dass die Kontrolleure etwa auch religiösen Fanatikern, die für ihre Sache auf Facebook werben, einen Riegel vorschieben müsste. Dass der Facebook-Dienstleister auch Mitarbeiter mit Arabisch-Kenntnissen gesucht hat, könnte ein Indiz dafür sein, dass die Plattform auch darauf verstärkt ein Auge haben wird.

Doch ganz gleich um welche Form der Radikalisierung es sich handelt – fest steht: Die freie Meinungsäußerung wird von mehreren Seiten bedroht. Sandberg verweist darauf, dass sich nur gemeinsam sicherstellen ließe, dass die Stimmen des Friedens, der Wahrheit und der Toleranz gehört werden. Da an der Initiative mehrere Instanzen mitwirken und Facebook-User zur Beteiligung aufgerufen werden, ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Die Taktik durch „Counterspeech“ Leute mit fremdenfeindlichen oder rassistischen Überzeugungen ins Gespräch zu verwickeln und sie mit Argumenten zu bearbeiten, hört sich in der Theorie gut an. Wie effektiv diese Vorgehensweise jedoch das Problem aus der Welt schaffen kann, bleibt abzuwarten.

Denn man muss davon ausgehen, dass nicht wenige (gelöschte) User auf andere Plattformen ausweichen und sich dort unter Gleichgesinnten weiter radikalisieren. Dies betrifft auch verschlüsselte Messenger wie Telegram oder Threema, die Gruppenchats bieten. Der Ausschluss von der gemeinsamen, öffentlichen Bühne könnte dazu führen, dass die Radikalisierung in stilleren Ecken fortgeführt wird.

Reddit und Twitter: Andere Spielregeln, gleiches Problem

Reddit ist beispielsweise mit seiner teils undurchsichtigen Forenstruktur bekannt dafür, dass dort auch zweifelhafte Subkulturen einen Platz finden. Allerdings bietet die Architektur der Plattform auch bessere Tools, um Themen durch Up- und Downvotes entsprechend zu sortieren – und damit auch Bedeutungslosigkeit oder Relevanz zu markieren. Die Community hat im Vergleich zu Facebook oder Twitter bessere Möglichkeiten, sich selbst zu kontrollieren. Und trotzdem ist es auch hier schon zur Schließungen von radikalen oder rassistischen Subreddits gekommen.

Twitter hat sich hingegen noch nicht durch Maßnahmen gegen Hasskommentare hervorgetan. Es herrscht bisher das Prinzip „Meldung und Löschung“. Lediglich ein umfangreicher Verhaltenskodex wurde aufgestellt sowie ein Safety Center für Hilfe und Beschwerden eingeführt. Zu einer Diskussion und argumentativen Auseinandersetzung kann es hier aufgrund der Netzwerkarchitektur jedoch nur schwerlich kommen. Ex-Chef Dick Costolo warnte bereits im letzten Jahr davor, dass die Wahrung der Meinungsfreiheit zur größten Herausforderungen des Microblogging-Dienstes werde.

Statt Anfeindungen konstruktiv zu begegnen, haben die großen Plattformen bisher also meist auf Löschung und Verbannung gesetzt. Um der Verlagerung des Problems jedoch entgegen zu wirken, könnten Methoden wie „Counterspeech“ sehr viel hilfreicher sein. Das bedeutet jedoch auch, dass Meinungen, die nicht politisch korrekt sind, zugelassen werden. Ein öffentlicher Raum, in dem Standpunkte gegeneinander abgewogen werden, ist dabei umso wichtiger. Diese Herangehensweise muss keineswegs ausschließen, offenem Rassismus und persönlichen Angriffen entschieden einen Riegel vor zu schieben.

Aufmacherbild: thump up & thumb down cycle illustration design over white background. via Shutterstock, Urheberrecht:  alexmillos

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