Datenschutz zu welchem Preis? Nach Apple zeigt nun auch Google Flagge

Gmail: Spionage-Alarmfunktion und der Datenschutz-K(r)ampf
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Google lässt Behörden Gmail-Konten ausspionieren, verheimlicht diese Tatsache aber nicht. Demnach werden rund eine Millionen Accounts im Einvernehmen mit Google staatlich überwacht. Künftig will der Konzern seine Nutzer jedoch eindringlicher darüber aufklären, wenn sie „offiziell“ gehackt worden sind. Inoffiziell scheint Google jedoch ein par Ausnahmen zu machen. So wird mit Datenschutz, Transparenz und Verschlüsselungen um die Gunst der Nutzer geschachert.

Das San-Bernadino-iPhone wurde ohne Apples Hilfe geknackt – und damit Gerichte, Unternehmen und Konsumenten um einen juristischen Präzedenzfall gebracht. Die Datenschutzdebatte, die durch Apples vehementen Widerstand ausgelöst wurde, bleibt für viele Tech-Unternehmen ein sensibles Thema. Es geht sowohl um das Vertrauen der Nutzer als auch um die öffentliche Verantwortung, die von den Behörden und vielen Politikern eingefordert wird. Besonders Google spielt in diesem Zusammenhang aufgrund seiner enormen Nutzerzahlen eine wichtige Rolle – doch diese ist ziemlich verworren.

Warnhinweis für Millionen User

Vergangene Woche teilte das Unternehmen auf seinem Sicherheits-Blog mit, dass man alle Gmail-Nutzer nun besser darüber informieren wolle, wenn staatliche Institutionen das private Konto in irgendeiner Form gehackt haben. Heißt so viel wie: Google blendet ein zusätzliches Warnhinweisfenster bei Besitzern eines verdächtigen Accounts ein. Davon seien laut Unternehmensangaben bisher 0,1 Prozent aller Konten betroffen gewesen. Was zunächst verschwindet wenig klingt, sind bei geschätzten einer Milliarde aktiver Konten immerhin noch eine Millionen betroffene Nutzer. Dazu gehörten vor allem Konten von Netzaktivisten, Journalisten und politischen Entscheidungsträgern.

Screenshot: https://googleblog.blogspot.de/2016/02/building-safer-web-for-everyone.html

Screenshot: https://googleblog.blogspot.de/2016/02/building-safer-web-for-everyone.html

 

Nicht neu aber größer

Bereits 2012 hatte Google einen ersten, wenn auch deutlich kleineren, Warnhinweis eingeführt, der User über etwaige Überwachung informierte. Angesichts dessen klingt es mehr als merkwürdig, dass drei Wikileaks-Mitarbeiter mit Gmail-Account erst Anfang 2015 darüber informiert worden waren, dass sie die US-Justiz schon im Jahr 2012 komplett durchleuchtet hatte? Mal davon abgesehen, dass man als Wikileaks-Mitarbeiter so weitsichtig hätte sein können, keinen Gmail-Account nutzen, ist der Fall bezeichnend für Googles bisherigen, offenbar von Ausnahmen und Sonderfällen geprägten Umgang mit dem Datenschutz.

Google und Apple halten zusammen

Google ist eigentlich bekannt dafür, dass das Unternehmen sich gegen staatliche Zugriffe wehrt und juristisch vorgeht. Im Fall von Wikileaks, so kritisieren die Aktivisten, sei allerdings viel zu wenig Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet worden. Schon 2014 hatte Wikileaks-Gründer Julian Assange dem Unternehmen vorgeworfen, mit den Behörden vorbehaltlos zu kooperieren. Auf welcher Seite steht Google also? Im iPhone-Streit hatte CEO Sundar Pichai im Februar dieses Jahres Partei für Apple ergriffen. Die öffentliche Aussage richtete sich natürlich indirekt auch an die eigenen Nutzer: Seht her, wir nehmen die Themen Datenschutz und Verschlüsselung ernst!

Verschlüsselung verkauft sich gut

Neben dem vergrößerten Warnhinweis zu Behörden-Hacks betont Google in seinem Blog-Post auch, dass die TLS-Verschlüsselung für E-Mails bisher ein voller Erfolg gewesen sei. Anlässlich des Safer Internet Day hatte das Unternehmen im Februar das verbesserte Verschlüsselungsvorgehen ausführlich vorgestellt. Seitdem sei der E-Mail-Verkehr mit verschlüsselten Nachrichten um 25 Prozent angestiegen. Dieses Plus an suggerierter Sicherheit dürfte jedoch Usern weder in den USA noch in Europa sonderlich viel nützen.

Ein Urteil mit ungewissem Ausgang

Im November 2015 urteilte das Kölner Verwaltungsgericht, dass der Konzern seinen Mail-Dienst als regulären Telekommunikationsdienst anmelden müsse. „Auch wenn Google für die Signalübertragung keine eigenen Telekommunikationsnetze, sondern das offene Internet nutze, sei bei einer wertend-funktionalen Betrachtung die Signalübertragung gleichwohl überwiegend ihrem E-Mail-Dienst zuzurechnen,“ hieß es in der Erklärung. Das Urteil ist von Google angefochten worden und damit noch nicht rechtskräftig. Sollte die Entscheidung jedoch Gültigkeit behalten, würde Google als offizieller Telekommunikationsdienst den deutschen Behörden Zugriff auf die Kundendaten der Gmail-Nutzer gewähren müssen – Verschlüsselung hin oder her. Ein solches Urteil würde dann auch noch europaweit sein Nachspiel haben. Die regulatorische Folgen könnten außerdem auch andere massenwirksame Kommunikationsplattformen wie Skype oder Whatsapp betreffen.

Immer dasselbe Spiel!

Dass Tech-Unternehmen momentan so viel Wert auf Verschlüsselungen und Datenschutz legen, scheint eine längst überfällige Reaktion auf gleich dreierlei Anforderung zu sein: User-Bedürfnisse, Behörden-Anfragen und die Unternehmensinteressen müssen irgendwie in Einklang gebracht werden. Öffentlich kommunizierte Abschottung, die Nutzern mehr Privatsphäre suggeriert, aber hinterrücks Ausnahmen zulässt (Beispiel Wikileaks), dürfte allerdings eher zu Vertrauensverlust führen. Jedoch lassen staatliche Maßnahmen wie CISA oder auch das noch ausstehende deutsche Urteil über Googles Rolle als Telekommunikationsdienst wenig Spielraum. Vor allem, wenn es um die öffentliche Sicherheit und Terrorprävention geht, wird die Debatte kompliziert. Benjamin Franklin soll mal gesagt haben: „Der Mensch, der bereit ist, seine Freiheit aufzugeben, um Sicherheit zu gewinnen, wird beides verlieren.“ Es bleibt abzuwarten, ob diese an sich weitsichtige Aussage auch im digitalen Zeitalter ihre Gültigkeit behält. Fest steht allerdings, dass mehr Hintertürchen und mehr Sicherheitslücken mit einem steigenden Freiheitsverlust einher gehen.

 

Aufmacherbild: Google Gmail logo on the Apple MacBook Pro display that is on office desk in modern office work place. Gmail is a free e-mail service provided by Google. Varna, Bulgaria – May 29, 2015 via Shutterstock, Urheberrecht: Alexey Boldin

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