iOS-App zum Sammeln von Twitterprofilen: netter Gag oder übergriffig?

Stolen! ist jetzt Famous! – Comeback der Skandal-App unter neuem Namen
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Vor ungefähr einem Monat sorgte die App Stolen! für Aufsehen im Netz. Mit ihr konnte man Twitterprofile wie Sammelkarten kaufen und verkaufen. Das kam nicht überall gut an, insbesondere da der besitzanzeigende Sprachgebrauch der App ungute Assoziationen weckte. Die App verschwand dann bereits kurz nach ihrem Erscheinen aus dem App Store. Jetzt ist sie als Famous! wieder da und bekommt Unterstützung von unerwarteter Seite.

Stolen war im Januar an den Start gegangen, um das Prinzip von Sammelkarten und Panini-Klebebildchen, die der ein oder andere aus der Kindheit noch kennen wird, auf Twitterprofile zu übertragen. User konnten sich die App runterladen, bekamen ein Startgehalt in der Spielwährung „§“ und konnten sich Twitterprofile kaufen – wohlgemerkt innerhalb der App, nicht in der wirklichen virtuellen Welt. Ein Klick und der Account von, sagen wir, Kayne West, wurde Teil des Portfolios. Zusammen mit LeonardoDiCaprio und Christiano Ronaldo ließ sich das schon sehen. Famous will jetzt da weitermachen, wo Stolen gescheitert ist.

Kontroverse

Was wohl als netter Gag gedacht war, wuchs sich bald zu einer handfesten Kontroverse aus und konfrontierte die Macher der App mit harscher Kritik. Auslöser dafür war unter anderem, dass sich, obwohl der „Besitz“ eines Profils keinen Zugang zum reellen Twitter-Account gewährte, innerhalb der App das erstandene Profil verändern ließ, z.B. um Werbung einzufügen. Die Funktion hätte ebenfalls dazu genutzt werden können, Vulgaritäten und diskriminierende Inhalte zu verbreiten oder den Profilbesitzer zu beleidigen.

https://twitter.com/getstolen

https://twitter.com/getstolen

Wie Holly Brockwell von gadgette.com damals berichtete, wurden ihr Bilder ihres gestohlenen Twitterprofils mit dem Kommentar zugesendet, jemand würde sie jetzt „besitzen“. Im Interview mit Brockwell äußerte Siqi Chen, seinerseits CEO von Hey Inc., der Firma hinter Stolen und jetzt Famous, daraufhin sein Bedauern über den Vorfall. Er kündigte dort schon an, die Sprache innerhalb der App zu überarbeiten. Besitzanzeigende Verben („own“, „belong“) sollten aus der App verschwinden, um die unweigerlich aufkommende Sklavenmarkt-Assoziation zu vermeiden. So sollte verhindert werden, dass die App für rassistische und misogyne Zwecke genutzt werde. Dazu kam es aber schon gar nicht mehr, weil die App kurz darauf von den Machern selbst aus dem App Store entfernt wurde.

Neuer Anlauf

Chen unternimmt jetzt einen neuen Anlauf und konnte dafür eine überraschende Unterstützerin gewinnen. Zoe Quinn ist zu trauriger Berühmtheit gelangt als Zielscheibe von Gamergate, einer Belästigungs- und Bedrohungskampagne gegen Frauen in der Games-Industrie. Zu Zeiten von Stolen hatte sie sich noch mit einem scharfen Brief an Hey Inc. gewandt und die sofortige Entfernung ihres Profils aus dem Spiel gefordert. Heute dagegen ist sie Consultant für das Entwicklerteam von Famous. Wie kam es dazu?

Quinn, die heute eine Organisation gegen Online-Belästigung leitet, wandte sich an die Macher von Stolen, als die teils wüste Kritik an der App ihren Höhepunkt erreichte. Die Game-Entwicklerin weiß aus eigener leidvoller Erfahrung, was ein Shitstorm mit der Psyche eines Menschen anrichten kann, und wollte ihren Support anbieten. Daraus entwickelte sich eine Zusammenarbeit, die schließlich zum Reboot von Stolen und dem Release des Spiels unter dem Namen Famous führte.

Famous!

Ähnlich wie bei der App Peeple, über die wir im vergangenen Oktober berichteten, war einer der Hauptkritikpunkte an Stolen, dass es nicht über eine Exit-Option verfügte. User waren dem Diebstahl ihres Profils ausgeliefert, ob sie wollten oder nicht. Bei Famous können dagegen nur Profile von Usern erworben werden, die selbst am Spiel beteiligt sind, also die App installiert haben.

Quelle: https://itunes.apple.com/app/famous!-be-biggest-fan-your/id1078780048

Quelle: https://itunes.apple.com/app/famous!-be-biggest-fan-your/id1078780048

Der Hauptunterschied liegt im Framing des Spiels. Der irritierende und potentiell diskriminierende Sprachgebrauch wurde komplett umgestaltet. Statt Menschen zu besitzen, wird man jetzt ihr größter Fan. Statt sie zu erniedrigen, drückt man seine Bewunderung aus. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch das Feature „Top Fans“, das anzeigt, wer sich in letzter Zeit darum bemüht hat, der größte Fan eines Accounts zu werden. Dadurch vergrößert sich der Belohnungseffekt und die Motivation weiterzuspielen, da auch diejenigen etwas Beachtung finden, die aktuell nicht größter Fan sind. So wird zusätzlich so etwas wie ein Community-Gedanke gefördert.

Stolen wies den Profilen einen Wert in Form der fiktiven Währung des Spiels zu. Famous will sich von dieser Kommodifizierung von Personen entfernen, indem es ihnen einen „Fame“- statt einen Geldwert zuweist. Der Wert eines Profils vergrößert sich mit jedem Wechsel des größten Fans, sodass der ehemals größte Fan zumindest einen Profit an Fame-Einheiten macht. Diese kann man übrigens auch mit echtem Geld kaufen. Der Wert eines Profils kann aber auch fallen, wenn das Profil längere Zeit nicht getauscht wurde. Man merkt, so ganz entwinden kann sich auch Famous der Bewertungslogik nicht, aber entschärft sie doch merklich.

Erfolg wiederholbar?

Obwohl zweifelhafter Natur, war Stolen ein – wenn auch kurzlebiger – Erfolg. Bis auf das anrüchige Element hat Famous eigentlich alle Zutaten, um ihn zu wiederholen. Verdient hätten es die Macher sicherlich, nicht zuletzt weil sie sich fähig gezeigt haben, mit Kritik umzugehen. Die App ist derzeit nur für iOS verfügbar und im App Store gratis erhältlich, allerdings braucht man eine Einladung. Dafür muss man lediglich Famous auf Twitter folgen muss.

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