Startup Baqend will Ladezeiten optimieren [Gastbeitrag]

„Schnelle Ladezeiten sind unsere Mission“
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Bei den Internetgeschwindigkeiten gehört Deutschland innerhalb der Industrienationen zu den Schlusslichtern: Im weltweiten Vergleich landet Deutschland nur auf Platz 24, hinter Ländern wie Lettland und Island, so eine Auswertung von Statista. In Hamburg hat es sich das Startup Baqend zur Aufgabe gemacht, den deutschen Netzgeschwindigkeiten auf die Sprünge zu helfen.

In der Startup-Community fanden sie damit schon Anklang; das Team schaffte es ins diesjährige Finale des Webfuture Award, dem Gründerwettbewerb der Initiative nextMedia.Hamburg. Im Interview spricht Gründer Felix Gessert über die Zukunft von E-Commerce und Werbung im Internet und wie es sich anfühlt, aus dem Hörsaal nahezu direkt zum Gespräch mit Investoren gebeten zu werden.

Baqend will das Internet schneller machen – warum ist das heute noch nötig?

Felix Gessert: Das Problem am Internet heute ist, dass Webseiten immer komplexer und datengetriebener werden, die Ladezeiten über die Jahre aber kaum besser werden. Ein durchschnittlicher Webshop benötigt 9,3 Sekunden um zu laden – nach drei Sekunden springt ein Großteil der Nutzer ab, weil die Gedanken abschweifen. Damit es sich so anfühlt, als ob eine Seite sofort reagiert, muss sie unterhalb der magischen Grenze von einer Sekunde bedienbar sein. Das war mit dem Stand der Technik nahezu unmöglich.

Wir haben uns daher die Frage gestellt, wie man das Ziel sofort-ladender Seiten erreichen kann. Langsame Ladezeiten entstehen aufgrund von zwei Problemen: Das erste Problem ist, dass ein Server die Webseite zusammenstellen muss. Dabei entstehen Verarbeitungszeiten, die bei hoher Last schlimmer werden. Das zweite Problem ist die Übertragung über das Netzwerk. Eine Webseite macht im Schnitt über 100 Anfragen für einen Ladevorgang. Jede einzelne Anfrage muss einmal über das Internet und zurück wandern und das macht Seiten langsam.

Und wie wird das Netz wieder schneller?

Gessert: Bei Baqend ist unser Grundansatz sehr naheliegend: Wir bringen Daten dichter an Nutzer, um das Problem langsamer Übertragungszeiten zu minimieren. Wenn also ein Nutzer eine Baqend-basierte Webseite aufruft, liegen Daten in nahegelegenen Zwischenspeichern, sogenannten Caches. Einen davon trägt jeder bei sich: den Browser-Cache im Smartphone oder Tablet. Das entlastet nicht nur den Server, sondern sorgt dafür, dass kritische Daten wie Logo und Layout viel schneller angezeigt werden. Die Algorithmen, die das möglich machen, sind in 20 Personenjahren Forschung an der Uni Hamburg entstanden. Sie sorgen im Hintergrund für eine optimale Verteilung der Daten und stellen sicher, dass alle Datenkopien immer aktuell sind. Alles was der Nutzer davon merkt, ist, dass die Seite im Schnitt 5-10-mal schneller lädt.

Funktioniert das auch unterwegs oder mit langsameren Verbindungen?

Gessert: Das Spannende an Baqends Ladezeit-Optimierung ist, dass sie sowohl wirkt, wenn das Netzwerk schnell ist (z. B. mit einer Glasfaseranbindung nach Hause) als auch wenn es schmerzhaft langsam ist (z. B. unterwegs auf der Autobahn). Denn das, was Webseiten langsam macht, ist nicht die Bandbreite, also ob ich einen 5-Mbit/s- oder einen 200-Mbit/s-Anschluss habe, sondern die Netzwerklatenz. Die Latenz – also die Zeit, die eine Anfrage über das Netzwerk wandert, – entsteht aber einfach durch die Distanz zwischen mir und dem Server. Deshalb nützt mir weder ein schnelleres Gerät noch eine höhere Bandbreite viel. Weil Baqend die Netzwerklatenzen klein hält, können wir Ladezeiten unabhängig davon verbessern, wie schnell die Anbindung und das Endgerät sind.

Deutschland zählt im internationalen Vergleich zu den Ländern mit langsamem Netzspeed. Warum muss sich das dringend ändern?

Gessert: Wenn der Nutzer in ein Funkloch läuft oder auf dem Land miserablen Übertragungsraten ausgesetzt ist, kann auch Baqend ihn nicht retten. Da immer mehr Geschäftsmodelle und Alltagstätigkeiten davon abhängen, dass wir Online-Dienste nutzen, wird daraus ein strategischer Nachteil für Deutschland als technologiegetriebene Dienstleistungsgesellschaft. Weil die Nutzung von Apps und Webseiten längst alle Lebensbereiche durchdringt, ist es in meinen Augen eine Grundvoraussetzung, dass die Netzinfrastruktur dem gewachsen ist.

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Wie wird sich das Userverhalten wandeln, wenn das Netz schneller wird?

Gessert: Dass Smartphones und Desktop-Rechner ihre Geschwindigkeit etwa alle drei Jahre verdoppeln, führt dazu, dass wir sie mehr, nicht weniger nutzen. So wird es sich auch mit einem schnelleren Web verhalten: Die Nutzung wird zunehmen. Für uns als Nutzer heißt das, dass weniger Zeit durch das Warten auf langsam ladende Websites verloren geht. Ob uns das produktiver macht oder mehr Katzenvideos schauen lässt, ist von Person zu Person unterschiedlich. Für Online-Geschäftsmodelle vom Gaming bis zum E-Commerce ist die Konsequenz, dass höhere Gewinne erwirtschaftet werden. Bei Amazon z. B. machen bereits 100 Millisekunden zusätzliche Ladezeit einen Unterschied von einem Prozent Umsatz – also über eine Milliarde US-Dollar.

Und bei der Werbung?

Gessert: An der Werbung wird sich vermutlich wenig ändern, da sie schon heute typischerweise asynchron geladen wird, um Ladezeiten nicht negativ zu beeinträchtigen. Von alleine wird das Netz jedoch nicht schneller, denn dem Bottleneck der Netzwerklatenzen können wir nicht durch neue Hardware begegnen, sondern nur durch neue Software und Algorithmen. Unsere Vision für Baqend ist ein Internet, in dem Ladezeiten überhaupt nicht mehr wahrnehmbar sind.

Baqend ist ein noch recht junges Unternehmen. Wie geht ihr mit den Anforderungen – vom Hörsaal auf die große Bühne, anschließend zum Gespräch mit Investoren – um?

Gessert: Als Gründer begegnet man täglich neuen Herausforderungen. Darauf kann einen keine Ausbildung vorbereiten, man muss die notwendigen Fähigkeiten „on-the-fly“ lernen. Am Vormittag skalierbare Transaktionsprotokolle zu implementieren und am Nachmittag über Dilution-Protection-Klauseln in Beteiligungsverträgen zu diskutieren ist eine Vielseitigkeit, die man so nur in einem Startup erlebt. Uns macht es großen Spaß, Baqend Schritt für Schritt zu einem globalen Player im Cloud-Markt aufzubauen und dabei spannende Sachen zu lernen.

Ihr wart beim Gründerwettbewerb Webfuture Award im Finale. Wie pitcht man ein Produkt, wenn es sehr technisch und überhaupt nicht anfassbar ist?

Gessert: Indem man die Technik an zweite Stelle und den Nutzen in den Vordergrund stellt. Aus dem Alltag kennt jeder das Gefühl hilfloser Wut, wenn Seiten sich langsam aufbauen oder gar nicht laden. Baqend ist ein B2B-Produkt, d. h. unsere Zuhörer bei Pitches sind meist nicht unsere Kunden. Aber oft sind sie die Kunden unserer Kunden. Und deshalb ist es in jedem Pitch spannend, zu spüren, wie viele Emotionen mit dem Thema Ladezeiten verbunden sind. Unseren Kunden wie Webagenturen, Startups, Shopbetreibern und Softwareunternehmen die Werkzeuge zu geben, ihren Nutzern schnelle Ladezeiten zu bieten, ist unsere Mission.

Beim Geschäftsmodell hat sich Baqend für eine Freemium-Variante entschieden. Warum?

Gessert: Software lebt von der Community, die sie umgibt. Wir wollen, dass Entwickler kleine und private Projekte komplett kostenlos auf Baqend realisieren können. Das erhöht nicht nur die Sichtbarkeit unserer Software-as-a-Service-Technologie, sondern wir können durch jedes Feedback unser Produkt verbessern.

Welche Schwerpunkte wird die künftige Produktentwicklung haben?

Gessert: Im Bereich E-Commerce hängen an Millisekunden Millionenumsätze. Ein Beispiel für einen Baqend-basierten Shop ist das Startup Thinks, das in seinem Online-Shop ein Fitness-Handtuch verkauft. Die Gründer waren vor einigen Wochen bei der Vox-Show „Die Höhle der Löwen“ und dank des Einsatzes von Baqend konnte die extreme Last von zeitweise über 45.000 gleichzeitig aktiven Benutzern während der Ausstrahlung bewältigt werden.

Wir wollen Baqend zur führenden Plattform für skalierbare und schnelle Web-Anwendungen entwickeln. Deshalb sind wir dabei, das Unternehmen zu internationalisieren und es auf technischer Ebene so einfach und mächtig zu machen, dass Entwickler es für beliebige Web- und App-Projekte einsetzen können. Wir bauen derzeit ebenfalls ein Netzwerk von Technologie- und Entwicklungspartnern auf, um maßgeschneiderte Baqend-basierte Softwarelösungen anzubieten. Unser Ziel ist dann erreicht, wenn Ladezeiten im Internet der Vergangenheit angehören.

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